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Falsche Zahlen, steile Thesen Die Mythen der E-Auto-Kritiker

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Strom gibt es genug

Andererseits ist das Problem nicht so schwer lösbar, wie die Kritiker behaupten. Im Gegenteil. „Die Verteilnetze werden über die Jahre immer wieder partiell erneuert; wenn die Versorger also wissen, dass sie in zehn Jahren 50 oder 100 E-Auto-Ladepunkte an einem Ortsnetztrafo versorgen müssen, können sie mit geringem Mehraufwand darauf reagieren“, sagt Müller. Rund 90 Prozent der Kosten für den lokalen Netzausbau entstehen durch Grabearbeiten. „Wenn der Versorger mit dem Netzausbau wartet, bis er sowieso gräbt, ist der Mehraufwand für E-Autos gering“, sagt Müller. Es ist also vielmehr eine Frage der Logistik als der Technologie. Aber: die Ideen mancher Lokalpolitiker oder Start-ups, die massenweise E-Autos zum Beispiel an Straßenlampen laden wollen, werden wohl nicht im Alltag bestehen.

Fazit: Die Behauptung, das Stromnetz halte Millionen von E-Autos nicht stand, geht von der falschen Prämisse aus, dass die Netze in 30 oder 40 Jahren noch dieselben sind wie heute. Das wird aber nicht der Fall sein. Und Strom gibt es ebenfalls genug.

These 3: „Wichtige Batterierohstoffe wie Lithium und Kobalt sind knapp; außerdem werden sie in Entwicklungsländern unter unmenschlichen Bedingungen gefördert.“

Kurzfristig sind einige Rohstoffe knapp auf dem Weltmarkt, vor allem Kobalt, das in der Kathode der Batteriezellen gebraucht wird. Auch das hochreine Lithium, das in den Zellen steckt, kann für einige Jahre knapp werden, wenn die Autobauer ernst machen mit ihren ambitionierten Plänen, jeweils mehrere Hunderttausend Elektromobile pro Jahr zu bauen.

Doch grundsätzlich, als Elemente in der Erdkruste, sind genug Kobalt, Mangan, Nickel und Lithium vorhanden. Temporäre Engpässe können entstehen, weil die Bergbauindustrie schlecht vorbereitet ist auf einen Nachfrageschub, wie er durch die vermehrte Herstellung von Autobatterien entstehen dürfte. Andererseits wird aber diese Nachfrage dazu führen, dass stillgelegte Minen wieder geöffnet und neue gebaut werden. Vom ersten Explorationsprojekt bis zur unter Volllast fördernden Mine können aber bis zu sechs Jahre vergehen.

Erschwerend kommt hinzu, dass chinesische Zellhersteller in den vergangenen Monaten große Teile der weltweit verfügbaren Rohstoffe aufgekauft haben. Denn China drückt bei der E-Mobilität aufs Tempo. Ab diesem Jahr gilt dort eine verbindliche Quote: Bei jedem Hersteller müssen zehn Prozent seiner verkauften Neuwagen Elektroautos sein.

Die Zellhersteller haben das Problem erkannt und arbeiten daran, das Kobalt in den Zellen zu reduzieren und langfristig ganz zu ersetzen. Der derzeit technologisch führende Zellhersteller, Panasonic aus Japan, hat zum Beispiel in den sogenannten 2170er-Zellen im Tesla Model 3 den Anteil des Kobalt bereits von rund zwölf Prozent in anderen Zellformaten auf unter zwei Prozent reduziert. In einigen Jahren dürften die allermeisten Lithium-Ionen-Zellen kobaltfrei und die Nickel- und Lithiumproduktion so weit ausgebaut sein, dass die wichtigen Rohstoffe ausreichend verfügbar sind. Noch später kommen dann die ersten gebrauchten Akkus ins Recycling, was ebenfalls zur Entspannung auf den Rohstoffmärkten beitragen wird.

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