Transformation: Geld für Niederwürschnitz aus Wuhan
Das Robotaxi gleitet über die Straßen von Wuhan und bremst sanft ab, bevor das Lenkrad, das unter einer durchsichtigen Abdeckung zu erkennen ist, hart nach links einschlägt, um zu wenden. Das Auto setzt einen Meter zurück, rollt wieder vor und schiebt sich in eine Parklücke direkt hinter einen Lkw. Kaum steht der Wagen, ertönt eine Frauenstimme und säuselt den Fahrgästen zum Abschied noch ein paar freundliche Worte zu. „Das war beeindruckend“, sagt der Unternehmer und Restrukturierungsexperte Andreas Elsäßer, der die Fahrt mit seinem Smartphone gefilmt hat.
Technologisch passiere in China gerade eine Menge. Und wirtschaftlich sei das Land weiter auf Wachstum ausgerichtet, sagt Elsäßer. Als Sanierungsgeschäftsführer des Getriebespezialisten Koki Technik Transmission Systems hat er den direkten Vergleich: Der Autozulieferer betreibt ein Werk im sächsischen Niederwürschnitz und eine Tochtergesellschaft in Wuhan. Lange Zeit gehörte Koki sogar zu einem chinesischen Konzern, der vor gut einem Jahr aber seinen Rückzug ankündigte. Auf Holding-Ebene wurde in der Folge ein Schutzschirm-Insolvenzverfahren eingeleitet. Die operative Gesellschaft konnte weitermachen – trotz aller Probleme.
Während die Umsätze der chinesischen Koki-Tochter in diesem Jahr um rund zehn Prozent wachsen sollen, werden sich die des Stammwerks halbieren: Von 65 Millionen Euro im Jahr 2024 bleiben 2028 nur noch 30 Millionen Euro übrig, wenn sich nichts tut. „Das heißt, wir müssen handeln“, sagt Elsäßer. „Dringend.“ Genau deshalb sei er nach China gereist, habe vor Ort über Robotertaxis gestaunt, Fabriken besucht und mit Investoren gesprochen.
Elsäßers Idee: „Wir wollen für unsere chinesische Gesellschaft lokale Partner an Bord holen, um das Geschäft weiter auszubauen.“ 50 Prozent der Anteile will Elsäßer dafür verkaufen und den Erlös aus dem Wuhan-Deal dann auch in Niederwürschnitz investieren. Ein kompletter Verkauf des China-Geschäfts komme derzeit allerdings nicht infrage. „China ist für uns strategisch wichtig und hat große Wachstumschancen“, sagt Elsäßer.
Und in Deutschland? Soll das Kerngeschäft auf reduziertem, aber wirtschaftlich stabilem Niveau weitergeführt werden. Gleichzeitig würden neue Geschäftsfelder und Märkte erschlossen.
150 Stellen weniger
So soll Koki nicht mehr nur klassische Getriebe-Komponenten herstellen: Zusammen mit dem Unternehmen Anvo Energy sollen künftig auch große Hochleistungs-Batteriespeicher für Industrie und Landwirtschaft in Niederwürschnitz entstehen. „Wir setzen zudem auf Robotik- und Automatisierungslösungen“, sagt Elsäßer. Auch ein KI-Programm sei geplant. All das werde dazu beitragen, die Umsatzverluste zu kompensieren und dem ganzen Unternehmen neuen Schwung zu geben, ist der Manager überzeugt.
Und trotzdem: Ohne den Abbau von Arbeitsplätzen geht es nicht. 150 der insgesamt rund 550 Stellen fallen in den nächsten beiden Jahren weg. „Dieser Schritt fällt uns außerordentlich schwer“, sagt Elsäßer. Aufgeben sei aber keine Option. Im Gegenteil: „Wir brauchen jetzt Mut, Geschwindigkeit und Aufbruchsstimmung“, sagt Elsäßer und ergänzt: „Übrigens nicht nur bei Koki.“
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