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  4. Konjunktur: „Deutschland braucht einen Sanierungsplan“

Schutt liegt auf einer Baustelle vor dem Deutschen Bundestag in Berlin

Foto: imago images

Wirtschaftsflaute„Investitionen fließen ab, es regiert die Kostenkeule“

Wie kommt Deutschland raus aus der Krise? Drei renommierte Insolvenzverwalter haben konkrete Vorschläge für die Rettung des Wirtschaftsstandorts.Henryk Hielscher 07.01.2025 - 08:36 Uhr

Sie waren bei tausenden Insolvenzverfahren im Einsatz, haben hunderte Unternehmen wieder auf Kurs gebracht: Stefan Denkhaus, Rainer Eckert und Christoph Morgen zählen zu den erfahrensten und bekanntesten Insolvenzverwaltern Deutschlands. Sie wissen, wie Sanierung funktioniert – und sehen bei vielen Unternehmenshavarien zugleich, was derzeit schief läuft in der deutschen Wirtschaft.

Für die WirtschaftsWoche haben Denkhaus, Eckert und Morgen analysiert, welche konkreten Maßnahmen aus ihrer Sicht für die Restrukturierung des Wirtschaftsstandorts notwendig sind. Das Resultat: Vier Ansätze, wie Deutschland aus der Krise kommen kann.

Doch klar ist auch: Einfach wird das nicht. Denn die konjunkturelle Lage ist schlecht – und die Stimmung in der Wirtschaft wohl noch schlechter. Eine Umfrage unter rund 4500 Mitgliedern der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie ergab Ende des Jahres 2024, dass sich viele Beschäftigte große Sorgen um die Zukunft machen. Auf die Frage, wie Deutschland als Industriestandort in fünf Jahren im internationalen Vergleich dastehe, antworteten knapp 80 Prozent, der Standort stehe eher oder deutlich schlechter da. „Investitionen fließen ab, es regieren Kostenkeule und Kapazitätsabbau. Wir bezahlen das mit massiven Arbeitsplatz- und Wohlstandverlusten“, ist der Gewerkschafts-Vorsitzende Michael Vassiliadis überzeugt.

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Ähnlich düster sehen die Arbeitgeber die Lage. Nur 14 Prozent der Firmen gehen im Jahr 2025 von einer Verbesserung der Konjunktur aus, zeigt eine Umfrage des Kreditversicherers Atradius. Und nach einer Erhebung des Bundesverbandes der mittelständischen Wirtschaft (BVMW) rechnen acht von zehn mittelständischen Unternehmen (80 Prozent) für 2025 sogar mit einem beschleunigten Schrumpfen der deutschen Wirtschaft. Gut 58 Prozent der befragten Mittelständler sagen demnach, dass sie von einem wirtschaftlichen Abschwung ausgingen. Jeder fünfte Mittelständer stelle sich auf eine wirtschaftliche Depression in den kommenden zwölf Monaten ein.

Kurzum: Es geht abwärts. Und das sei inzwischen auch in der Politik angekommen. „Wir haben kein Erkenntnis- sondern ein Umsetzungsproblem“, sagt Rainer Eckert. Der Insolvenzverwalter ist Gründungspartner der Kanzlei Eckert Rechtsanwälte und Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft Insolvenzrecht und Sanierung im Deutschen Anwaltverein. Vor allem bei Insolvenzen von Krankenhäusern hat Eckert regelmäßig mit Politik und Verwaltung zu tun. Er kennt die Zwänge der Beteiligten – und will daher genau dort ansetzen.

1. Reform des Wahlrechts

„Als Insolvenzverwalter haben wir bei Krisenunternehmen die Möglichkeit, notwendige Veränderungen rasch umzusetzen“, sagt Eckert. „Um Unternehmen zu retten, bedarf es mitunter harter Einschnitte.“

In der Politik sei es allerdings schwierig, „Maßnahmen umzusetzen, die den Beteiligten weh tun“, so Eckert. Alle paar Monate fänden irgendwo gerade Wahlen statt, weshalb Reformen immer weiter verzögert würden. „Um das zu ändern, wäre es sinnvoll, Wahltermine zu bündeln“, argumentiert Eckert. „Warum nicht alle Landtags- und Kommunalwahlen auf einen Termin legen?“ Perspektivisch könnten auch die Bundestagswahl und Europawahl gleichzeitig abgehalten werden. Denn: „Ohne Dauerwahlkampf fällt es leichter, notwendige, aber unpopuläre Themen anzugehen.“

Um die aktuelle Krise zu bewältigen, sind ähnlich triefgreifende Strukturreformen notwendig“
Insolvenzverwalter Rainer Eckert

Als Beispiel dafür, dass eine solche Wende gelingen kann, verweist Eckert auf die Sozial- und Arbeitsmarktreformen zwischen 2003 und 2005. Auch das Agenda 2010 getaufte Programm stieß zunächst auf viel Kritik und Ablehnung. Aber langfristig hätten die Maßnahmen „die Attraktivität des Standortes Deutschland enorm erhöht“, so Eckert. Die Produktivität sei gestiegen, die Sozialabgaben seien gesunken. „Um die aktuelle Krise zu bewältigen, sind ähnlich triefgreifende Strukturreformen notwendig“, findet Eckert. Für ihn steht fest: „Deutschland braucht einen Sanierungsplan.“

2. Ran an das Rentensystem

Wo dieser ansetzen sollte, skizziert Stefan Denkhaus, Gründungspartner der Kanzlei BRL Boege Rohde Luebbehuesen und Sprecher des Gravenbrucher Kreises, eines Zusammenschlusses von Vertretern führender Insolvenzkanzleien. Denkhaus, der zuletzt vor allem als Insolvenzverwalter der Warenhauskette Galeria Karstadt Kaufhof im Fokus der Öffentlichkeit stand, sieht finanziell die Belastungen durch das Rentensystem als „absehbar größte Herausforderung für Deutschland“. Hier müsse sich dringend etwas tun.

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Zunächst sollte Transparenz geschaffen werden: „Für Deutschland muss ein Vermögensstatus erstellt werden, der Rückstellungen für Zuzahlungen ins Rentensystem ebenso erfasst wie Pensionsverpflichtungen für Beamte“, so Denkhaus.

An einschneidenden Veränderungen führt indes kein Weg vorbei, zumal die deutsche Wirtschaft zugleich unter einem massiven Arbeits- und Fachkräftemangel leidet, der sich in den kommenden Jahren wohl noch verstärken wird. „Um das Problem in den Griff zu bekommen, sollten die Menschen wieder mehr und länger arbeiten“, sagt Denkhaus. Das könnte zum einen über Anreize gefördert werden, etwa indem Arbeitseinkünfte nach dem Renteneintritt steuer- und sozialversicherungsfrei ausgezahlt würden.

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„Zum anderen muss das Renteneintrittsalter heraufgesetzt werden und auch die tatsächlich geleistete Arbeitszeit sollte steigen“, fordert Denkhaus. Mit durchschnittlich 31 Urlaubstagen, 25 Krankheitstagen und 34,4 Stunden Wochenarbeitszeit habe Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern inzwischen „einen echten Standortnachteil.“

3. Kosten runter, Investitionen rauf

Unabhängig vom Rententhema sei ein Kostensenkungsprogramm zur Haushaltskonsolidierung notwendig, meint Denkhaus. „Dabei darf es keine Denkverbote geben, auch eine Deckelung der Sozialausgaben ist notwendig, da wir gleichzeitig massiv investieren müssen“.

Das fange bei der Ausstattung von Schulen, Bundeswehr und Polizei an, ergänzt sein Kollege Christoph Morgen, der als Partner der Kanzlei Brinkmann & Partner zu den führenden Insolvenzverwaltern in Deutschland zählt. So kümmert sich Morgen als vorläufiger Insolvenzverwalter seit einigen Wochen etwa um die Flensburger Schiffbaugesellschaft (FSG) des Investors Lars Windhorst.

Um die Werft zu retten, ist schnelles Handeln notwendig. Und auch in Deutschland muss sich nach Ansicht Morgens rasch etwas tun: „Die Infrastruktur ist veraltet, Brücken und Schienen sind marode, die Justiz ist überlastet, das Gesundheitssystem am Anschlag.“ Die Folge: „Wenn wir hier weiter dem Verfall zusehen, wird das Vertrauen der Bürger in die staatliche Handlungsfähigkeit sehr schnell erodieren.“

Um entsprechende Investitionen haushaltsrechtlich zu ermöglichen, plädiert Insolvenzverwalter Denkhaus neben Einsparungen dafür, dass Ausgaben für Infrastruktur und Verteidigung künftig ähnlich wie die Investitionen von Unternehmen behandelt werden. Also als Anschaffungen in angemessenen Zeiträumen abgeschrieben werden und nur noch anteilig als Ausgaben in den Haushalt mit seiner Einnahmen- und Ausgaben-Rechnung eingestellt werden müssen. Dadurch könnten neue finanzielle Möglichkeiten geschaffen werden.

4. Bürokratie abbauen

„Das Haupthemmnis für die Funktionsfähigkeit des Staates und seiner Institutionen ist aber nicht allein fehlendes Geld“, sagt Christoph Morgen. „Sondern vor allem die überbordende Bürokratie.“ Ein Grundproblem sei das Mikromanagement durch Gesetze und Verordnungen.

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In Deutschland werde versucht, „alles bis in Kleinklein zu regeln“, jede mögliche Sondersituation soll im Vorfeld erfasst werden. „Das bringt uns aber nicht weiter, sondern belastet Bürger und Wirtschaft.“ Gesetze sollten daher mit größeren Handlungsspielräumen verfasst werden. Die Verwaltung brauche einfache Regeln, damit sie diese zügig umsetzen kann. „In Belangen, die unser Gemeinwesen zu stark belasten, müssen Rechtsschutzmöglichkeiten überprüft werden“, meint Morgen.

Das Thema Bürokratieabbau wurde zuletzt bereits von zahlreichen Ökonomen und Vertretern von Wirtschaftsverbänden angemahnt. Wir brauchen eine Kettensäge bei der Regulierung, um überbordende Bürokratie abzubauen, quälend lange Genehmigungsverfahren zu beschleunigen und kleinteilige und widersprüchliche Regulierungen einzudämmen“, forderte erst vor Kurzem Markus Steilemann, Vorstandschef des Kunststoffproduzenten Covestro.

Auch die Ampel-Koalition hatte unlängst noch gemeinsam das Bürokratie-Entlastungsgesetz IV verabschiedet, das am 1. Januar 2025 in Kraft getreten ist. Die darin enthaltenen Änderungen sollen in der Summe für eine finanzielle Entlastung in Höhe von 944 Millionen Euro pro Jahr sorgen. Beispielsweise wird die Hotelmeldepflicht für deutsche Übernachtungsgäste abgeschafft. Buchungsbelege müssen nur noch acht statt bisher zehn Jahre aufbewahrt werden. Doch das allein dürfte kaum ausreichen, um einen Wirtschaftsboom zu entfachen. Zumal gleichzeitig andere Vorschriften und Berichtspflichten in Kraft getreten sind.

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2025 erwartet die Bundesbank nur ein Mini-Wachstum von 0,2 Prozent, nachdem die deutsche Wirtschaft 2024 das zweite Jahr in Folge leicht geschrumpft sein dürfte. Die Arbeitsagenturen rechnen mit einer wachsenden Arbeitslosigkeit. Das Arbeitsmarktbarometer des Nürnberger Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) fiel im Dezember zum vierten Mal in Folge auf den niedrigsten Stand seit der Corona-Pandemie. „Die Arbeitsagenturen erwarten, dass die Arbeitslosigkeit auch zu Beginn des neuen Jahres weiter steigen wird“, sagte IAB-Forscher Enzo Weber kürzlich. Und auch die Zahl der Unternehmenspleiten dürfte weiter zunehmen. So erwartet Frank Liebold, Deutschland-Chef des Warenkreditversicherers Atradius dieses Jahr „rund 25 Prozent mehr Insolvenzen“ als 2024.

Schon seit Juni 2023 steigen die Insolvenzzahlen stark an. Steffen Müller vom Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), der monatlich eine Analyse zur Entwicklung der Unternehmensinsolvenzen veröffentlicht, hatte bereits im Oktober 2024 zu Protokoll gegeben: „Die derzeitige Insolvenzwelle ist das Ergebnis eines perfekten Sturms aus langanhaltender konjunktureller Schwäche und drastisch gestiegenen Kosten.“ 

Insolvenzverwaltern wie Morgen, Eckert und Denkhaus dürfte die Arbeit 2025 also nicht ausgehen. Im Gegenteil. Allerdings könnte die nachlassende Standortqualität auch dazu beitragen, dass es schwerer werden wird, für angeschlagene Unternehmen noch einen Investor zu finden. In vielen Fällen bleibt dann nur die Abwicklung.

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