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Insolvente Autozulieferer Wie es bei Schlemmer, JD Norman und Weber Automotive jetzt weitergeht

Blick auf das Werksgelände von Weber Automotive in Bernau. Copyright: picture alliance/ZB/euroluftbild Quelle: dpa

Schon vor der Corona-Krise standen viele Autozulieferer unter Druck, etliche mussten Insolvenz anmelden. Wie stehen nun ihre Rettungschancen?

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Für die Mitarbeiter war es ein Schock: Kurz vor Weihnachten musste der Autozulieferer Schlemmer Insolvenz anmelden. Rund 500 Mitarbeiter der weltweit 3800 Mitarbeiter waren von der Insolvenz des Kunststoffspezialisten direkt betroffen. Doch schnell keimte Hoffnung: „Durch die insolvenzrechtlichen Mittel und Wege sollen die Geschäftsprozesse geschützt und die Fortführung des Unternehmens ermöglicht werden“, teilte der vorläufige Insolvenzverwalter Hubert Ampferl Anfang Januar mit. Doch das war, bevor die Corona-Krise Fahrt aufnahm und weltweit Rezessionsängste schürte. Welche Folgen hat die neue Lage also für insolvente Zulieferer wie Schlemmer?

Schlemmer-Verwalter Ampferl, Partner der Kanzlei Dr. Beck & Partner, gibt sich optimistisch: „Bislang konnten wir die Auswirkungen der Coronavirus-Thematik gut managen“, sagt er. „Alle wesentlichen Lieferketten zwischen unseren Lieferanten einerseits und unseren Kunden andererseits konnten intakt gehalten werden“. Selbst mit italienischen Lieferanten „bestehen Stand heute keine Beschränkungen im Warenverkehr.“

Operativ läuft es also bei Schlemmer. Auch andere Unternehmen geben Entwarnung, wenn auch nur vorläufig und vorsichtig. Noch bleibe abzuwarten, ob die Lieferketten auch auf Dauer gehalten werden können, heißt es in der Branche. Klar ist, Corona verschärft die ohnehin bestehenden Probleme der Zulieferer.

„Strukturwandel und Absatzprobleme treffen in der Autoindustrie aufeinander“, sagt Thomas Hoffmann, Co-Leiter der Noerr-Praxisgruppe Restrukturierung & Insolvenz. „Verstärkt wird das Ganze nun durch die Gefahr eines Corona-Abschwungs.“

Ganz ähnlich sieht das Insolvenzverwalter Holger Leichtle, der derzeit unter anderem beim insolventen Thüringer Automobilzulieferer JD Norman Germany im Einsatz ist. Anfang Dezember war dort das Insolvenzverfahren eröffnet worden. Die Produktion laufe auch dank der Unterstützung durch Kunden und Lieferanten weiter. Der Geschäftsbetrieb sei stabilisiert. Kunden hätten kürzeren Zahlungsfristen zugestimmt, sagt Leichtle, Partner der Kanzlei Schultze & Braun. Ein Problem sei die konjunkturelle Abschwächung in der Automobilindustrie und der Strukturwandel in der Branche. Dies erschwere den Neuanfang und die Produktionsplanung. „Die aktuelle Situation mit dem Corona-Virus macht es sicherlich nicht einfacher“, konstatiert Leichtle.

Die Aufrechterhaltung der Produktion ist indes nur eine der Corona-Herausforderungen. Womöglich noch entscheidender: Die Investorensuche wird in den kommenden Wochen und Monaten schwieriger. Zum einen dürften Interessenten angesichts der Marktverwerfungen ihr Geld zusammenhalten und sehr genau überlegen, ob, wann und zu welchem Preis sie in ein Krisenunternehmen investieren. Zum anderen dürfte auch bei den Banken die Bereitschaft abnehmen, Insolvenz-Investments zu finanzieren.

Noch ist davon aber offenbar wenig zu spüren. „Ziel bleibt es, für das Unternehmen im Frühjahr einen Investor zu finden“, sagt JD-Norman-Verwalter Leichtle. Auch beim Verkauf von Schlemmer gebe es Fortschritte, sagt Sanierungsexperte Ampferl: „Diverse Interessenten haben bereits indikative Angebote vorgelegt“. Man werde nun in vertiefte Gespräche mit den potenziellen Investoren einsteigen, um noch im Frühjahr einen Käufer für Schlemmer zu finden. „Ich bin zuversichtlich, dass uns das gelingt“, so Ampferl.

Auch das Markdorfer Unternehmen Weber Automotive steuert auf eine Entscheidung im Verkaufsprozess zu. Anfang Juli 2019 hatte Weber Insolvenz in Eigenverwaltung angemeldet. Vorausgegangen war ein Streit zwischen dem Hauptgesellschafter Ardian und der Gründerfamilie. Der französische Finanzinvestor und die Familie Weber konnten sich nicht auf die Bedingungen für die weitere Finanzierung einigen. Ardian macht der Gründerfamilie schwere Vorwürfe, die die Familie entschieden zurückweist.

Überraschend hatte die Familie dann im vergangenen Jahr Interesse an einem Rückkauf des Unternehmens aus der Insolvenz signalisiert. „Ob wir das alleine machen wollen, werden wir noch sehen. Auf jeden Fall streben wir es als Hauptgesellschafter an“, sagte Gründersohn Christian Weber damals dem „Südkurier“. Seither drang wenig über den Bieterprozess nach außen. Auch Martin Mucha, Partner der Kanzlei Grub Brugger und Generalbevollmächtigter von Weber Automotive, will sich noch nicht festlegen. Nur so viel: „die Gespräche mit potenziellen Investoren laufen unverändert weiter“. Immerhin, in Corona-Zeiten ist das keine schlechte Nachricht.

Mehr zum Thema: Der Coronaschock verschärft den Überlebenskampf der Autozulieferer. Banken sind nervös, Investoren vorsichtig, und die Autohersteller üben massiven Druck auf ihre Lieferanten aus – und manchmal gar auf deren Insolvenzverwalter.

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