Jahresbilanz: Mercedes hat einen „Margen-König“ – aber einen peinlichen
Der Sprinter ist die neue S-Klasse
Foto: PRWenn der Chef der Mercedes-Vans-Sparte auf Vorstände von Mercedes trifft, wird er derzeit zumeist freudig begrüßt: „Margen-König“, so heißt es, sollen sie ihn dort mitunter nennen. Und in der Tat hat die vergleichsweise kleine Van-Sparte von Mathias Geisen die Vorzeigesparte Cars (Pkw) im vergangenen Jahr deutlich übertroffen: Während Mercedes für 2023 eine bereinigte Umsatzrendite von 12,6 Prozent für die Pkw-Sparte erreichen konnte, lag jene der Vans bei 15,1.
Und obwohl sowohl Mercedes-CEO Ola Källenius als auch Finanzvorstand Harald Wilhelm das Team der Vans bei der Vorstellung der Zahlen ausführlich lobten, empfinden intern manche die Lage als eher peinlich. Schließlich hat der Mercedes-Vorstand im Mai 2022 erst die große Luxusstrategie ausgerufen. Der Anspruch lautet, „die begehrenswertesten Autos der Welt zu bauen“, so sagte der Vorstandsvorsitzende immer wieder. Und jetzt bringen robuste Handwerkerkarren die bessere Rendite?
Funktionalität ist Trumpf
Zwar tragen die Vans und Transporter ebenso stolz ihren Mercedes-Stern wie die Limousinen. Doch ist in der Sparte des ehemaligen Strategiechefs Geisen längst nicht alles Glitzer und Blingbling: Das Gros der Autos geht an gewerbliche Kunden, Handwerker etwa. Und die brauchen vor allem funktionale Transporter – und kein über die gesamte vordere Front laufendes Pillar-to-Pillar-Display oder schicke Ledersitze.
Zur Wahrheit gehört dabei auch, dass die Vans von den Cars profitieren. Viele Teile der Vans und auch Motoren sind aus verschiedenen Pkw-Autos der Car-Sparte zusammengewürfelt. Die Entwicklung dieser Komponenten hat folglich Mercedes gesteuert.
Im Konzern selbst stieg der Absatz von Mercedes-Benz Cars und Vans zusammen ohnehin nur um 1,5 Prozent auf 2.491.800 Fahrzeuge. Besonders bedenklich: Der Anteil der elektrifizierten Autos lag nur bei 240.700 Einheiten. Die Vans kommen dabei noch langsamer voran mit ihrem E-Auto-Absatz. Abhilfe soll nun der neue eSprinter bringen, die S-Klasse unter den Vans. Er wurde zum Jahresanfang 2024 zum Verkauf freigegeben, Mercedes hofft auf 6 bis 8 Prozent mehr E-Absatz. Der Sprinter ist derzeit laut Mercedes führend im Segment der großen Transporter in Europa. Und die Sparte an sich, Mercedes-Benz Vans, sei nun führend im Gesamtmarkt Deutschland. Ein Novum.
Dividende soll steigen
Im Mercedes-Konzern aber spielt er denn die eindeutig kleinere Rolle. Das Unternehmen setzte im Jahr 2023 153,2 Milliarden Euro um, wobei auf die Vans „nur“ ein Umsatz von 20,3 Milliarden entfiel. Viel mehr Gesamtumsatz soll es auch im laufenden Jahr 2024 nicht werden. Denn das Umfeld bezeichnete Mercedes aktuell als „herausfordernd“. Die Lieferkette ist volatil, siehe Huthi-Rebellen, die die Seefahrt stören. Immerhin: Die Dividende je Aktie soll um zehn Cent auf dann 5,30 Euro steigen.
Was den Hochlauf der Elektromobilität angeht, machte Källenius am Donnerstag einen Schritt zurück. Nachdem er einst noch das Ziel genannt hatte, Elektroautos und Plug-in-Hybride sollten im Jahr 2025 die Hälfte des Absatzes ausmachen, wollte er dies zuletzt 2026 erreichen. „Stand heute bedeutet Mitte des Jahrzehnts: 2026“, sagte er auf Hauptversammlung des Konzerns. Und nun? Es sei die „Billionen-Dollar-Frage“, sagte Källenius am Donnerstag, wie schnell die Transformation geschehen würde. Er bereite die Firma auf eine CO2-neutrale Zukunft vor. „Punkt.“ Doch wie die Reise auf dem Weg aussehen werde? „Schwer zu sagen.“ Mercedes jedenfalls brauche jetzt den „double hedge“ – die doppelte Absicherung aus Verbrennern und Elektroautos.
Und so liegen die nun verkündeten Ziele ungefähr auf dem Niveau des Vorjahres. 2024 rechnet Mercedes mit Margen von 10 bis 12 für die Cars – und 12 bis 14 für die Vans. Spartenchef Geisen dürfte wohl noch eine Weile der Titel als Margen-König erhalten bleiben
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