1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Auto
  4. Martin Winterkorn vor Abgas-Ausschuss: Fragwürdige Demut

Winterkorn vor Abgas-AusschussDie fragwürdige Demut des Martin W.

Martin Winterkorn hat sein beinahe anderthalbjähriges Schweigen gebrochen. Neue Erkenntnisse brachte das nicht – aber interessante Einblicke in das eigenwillige Innenleben des Konzerns.KOMMENTAR von Sebastian Schaal 19.01.2017 - 12:56 Uhr
Ex-VW-Chef Martin Winterkorn vor dem Abgas-Untersuchungsausschuss. Foto: AP

„Lassen Sie mich (...) meine tiefe Bestürzung darüber zum Ausdruck bringen, dass wir Millionen unserer Kunden enttäuscht haben. Das belastet mich, der ich mein ganzes Berufsleben dem Streben nach allerhöchster Produktqualität gewidmet habe, ganz besonders. Ich bitte dafür erneut in aller Form um Entschuldigung.“

Foto: dpa

„Als Vorstandsvorsitzender habe ich die politische Verantwortung übernommen und bin zurückgetreten. Glauben Sie mir, dieser Schritt war der schwerste meines Lebens.“

Foto: dpa

„Dass ein Einsatz verbotener Software ausgerechnet in unseren Motoren passiert, muss in Ihren Ohren wie Hohn klingen. Das geht mir genauso.“

Foto: dpa

„Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig über die Messprobleme aufgeklärt worden bin. Natürlich frage ich mich, ob ich einzelne Signale überhört oder falsch gedeutet habe.“

Foto: dpa

An den Ausschussvorsitzenden Herbert Behrens (Linke) gerichtet: „Sie stellen nun zurecht viele Fragen. Wie konnte so etwas passieren? Und, die Kardinalfrage: Wer ist dafür verantwortlich?“

Foto: REUTERS

Auf Behrens' Frage, wann Winterkorn erstmals vom Einsatz einer Täuschungssoftware („defeatdevice“) erfahren habe: „Sicher nicht vor September 2015. (...) Ich bin ja kein Software-Ingenieur.“

Foto: REUTERS

„Ich muss akzeptieren, dass mein Name verbunden ist mit der sogenannten Diesel-Affäre. Vieles, was ich mit Kollegen und Mitarbeitern geleistet habe und auf das ich durchaus stolz bin, verblasst daneben. Damit umzugehen, muss ich und muss auch meine Familie noch lernen.“

Foto: REUTERS

In Martin Winterkorns Gesicht blitzte ein seltener Anflug von Unsicherheit auf, als er vor den Untersuchungsausschuss trat. Unzählige Fotografen und Blitzlichtgewitter sind dem 69-Jährigen vertraut – als früherer Chef des größten Autobauers der Welt stand er auf den größten Bühnen der Welt.

Doch an diesem Donnerstag war vieles anders. Nicht nur, weil Winterkorn in den letzten 16 Monaten so gut wie jede Kamera gemieden hat. Der Druck ist hoch, er muss sich in einem der größten Wirtschaftsskandale erklären – der millionenfachen Manipulation von Abgaswerten zum Schaden der Umwelt und einem jahrelangen Betrug am Kunden.

„Auch ich hätte das nicht für möglich gehalten“, sagte er. „Es ist nicht zu verstehen, warum ich nicht frühzeitig und eindeutig informiert wurde.“ Oder: „Auch ich selbst suche nach befriedigenden Antworten.“

Winterkorn hatte das Image, als VW-Chef alle Strippen in der Hand zu halten. Über den Betrug bei Abgaswerten will er aber nichts gewusst haben. Eine Übersicht der besten Tweets zu seinem Auftritt vor dem U-Ausschuss.

Beinahe demütig gab sich Winterkorn in seiner Erklärung, bat um Verzeihung und erwähnte, wie schwer die Zeit für ihn und seine Familie gewesen sei. Das ist auch alles glaubhaft – nur trägt es zur Aufklärung des Skandals und seiner Rolle darin nichts bei.
Während der Fragerunde, die etwas mehr Licht ins Dunkel hätte bringen können, wirkten Winterkorns Aussagen aber weniger erhellend. „Ist mir nicht bekannt“, entwickelte sich zu einer seiner häufigsten Antworten. Software sei „ein komplexes Thema“. Und wenn es konkret wurde – etwa zur ersten Notiz an ihn über die Abgasprobleme im Mai 2014 – wollte er darüber „erst mit der Staatsanwaltschaft sprechen“.

Winterkorn vor Abgas-Ausschuss

„Ich suche selbst nach befriedigenden Antworten“

Sprich: Es bleibt bei den bekannten Kernthesen. Winterkorn schwieg im Zweifelsfall unter Berufung auf die Ermittlungen der Braunschweiger Staatsanwälte.

Natürlich war es vermessen, von Winterkorn zu erwarten, dass er vor dem Untersuchungsausschuss mal eben den ganzen Skandal aufklärt, sich selbst belastet oder andere Manager öffentlich beschuldigt.

Trotzdem war der knapp zweistündige Auftritt vor dem Untersuchungsausschuss keine verlorene Zeit. Denn zwischen den Zeilen gab es einige Einblicke ins Innenleben von VW, oder zumindest Winterkorns Sicht darauf. Ein Beispiel: Anders als „in Zeitungen geschildert, gab es mit Sicherheit kein Schreckensregime bei Volkswagen“.

Die Erklärungen zu Winterkorns-Rücktritt
„Ich bin bestürzt über das, was in den vergangenen Tagen geschehen ist. Vor allem bin ich fassungslos, dass Verfehlungen dieser Tragweite im Volkswagen Konzern möglich waren.Als Vorstandsvorsitzender übernehme ich die Verantwortung für die bekannt gewordenen Unregelmäßigkeiten bei Dieselmotoren und habe daher den Aufsichtsrat gebeten, mit mir eine Vereinbarung zur Beendigung meiner Funktion als Vorstandsvorsitzender des Volkswagen Konzerns zu treffen. Ich tue dies im Interesse des Unternehmens, obwohl ich mir keines Fehlverhaltens bewusst bin.Volkswagen braucht einen Neuanfang – auch personell. Mit meinem Rücktritt mache ich den Weg dafür frei.Mein Antrieb war es immer, dem Unternehmen, vor allem unseren Kunden und Mitarbeitern zu dienen. Volkswagen war, ist und bleibt mein Leben.Der eingeschlagene Weg der Aufklärung und Transparenz muss weitergehen. Nur so kann wieder Vertrauen entstehen. Ich bin überzeugt, dass der Volkswagen Konzern und seine Mannschaft diese schwere Krise bewältigen werden." Quelle: VW

Kurz darauf lieferte Winterkorn selbst wieder Hinweise, wie es bei VW hinter den Kulissen zugegangen ist. Etwa als ihm die ICCT-Studie, die den Skandal ins Rollen brachte, als „Messfehler“ vorgestellt worden sei. Oder als er ein strukturelles Defizit bei VW beschrieb: „Wir legen Kriterien wie Emissionen, Verbrauch oder Kosten in Produktbeschreibungen fest. Da hätte von unserem Strategiekomitee die Meldung kommen müssen: Das ist unmöglich.“ Nach kurzer Pause ergänzte Winterkorn: „Das ist nicht geschehen.“

VW-Abgas-Skandal

So haben VW-Manager ihren Betrug vertuscht

von Sebastian Schaal

Man kann nun über die Bezeichnung „Schreckensregime“ sicher unterschiedlicher Meinung sein, aber nach einer offenen Diskussionskultur, in der ehrlich und ohne Vorbehalte über Probleme und Herausforderungen gesprochen wird, klingt das nicht.

Warum sonst sollten unmögliche Anforderungen verschwiegen und belastende Beweise verdreht worden sein? In Zeiten, in denen die Dokumente aus den USA ein organisiertes und professionelles Vertuschen des Skandals nahelegen, zeichnen diese Einblicke kein gutes Bild vom Innenleben des Konzerns.

Und auch Winterkorn selbst hinterlässt nicht den besten Eindruck. Er scheint selbst nach anderthalbjähriger Bedenkzeit immer noch der Meinung zu sein, dass intern nichts schief gelaufen ist. Die vermutlichen Abläufe, die die US-Ermittler rekonstruiert haben, taugen für einen spannenden Hollywood-Thriller. Er, der detailversessene Chef, will davon nichts mitbekommen haben.



Am ehrlichsten wirkte Winterkorn in einer Szene, in der er schwieg: Auf die Frage, ob ihm die Diskrepanz zwischen den kleinen AdBlue-Tanks und den langen Wartungsintervallen nicht aufgefallen sei, starrte er nur in den Raum und sagte nichts. Es dürfte eine Frage sein, die er sich in den vergangenen 16 Monaten sehr oft selbst gestellt hat. Und wie es scheint, ist selbst der begnadete Techniker Winterkorn nicht zu einer zufriedenstellenden Antwort gekommen – oder zumindest zu keiner, die er öffentlich verkünden will.

Doch das sind natürlich nur „Soft Facts“. Wer auf neue, harte Fakten gehofft hatte, wurde enttäuscht. Vermutlich lag das auch am Forum des Untersuchungsausschusses, der sich vor allem um die politische Aufklärung im Berliner Parteienwesen kümmert. So kam es, dass sich Winterkorn zum Ende der Sitzung „für die faire Behandlung“ bedankte.

Von den deutschen und amerikanischen Staatsanwälten sollte er das besser nicht erwarten.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick