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Bank geschlossen Die Greensill-Sparer und das 51-Millionen-Euro-Problem

Die Finanzaufsicht BaFin hat am Mittwoch ein Moratorium über die Greensill Bank verhängt und sie damit de-facto geschlossen, zudem darf das Institut kein neues Geld mehr annehmen. Quelle: REUTERS

Die Krise der Greensill Bank trifft etliche Kleinsparer, die dem Institut über Zinsplattformen Geld geliehen hatten. Die Folge: Anleger könnten das Geschäft der Onlineanbieter und deren Fallstricke stärker hinterfragen.

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Der Spruch prangt noch immer auf der Webseite der Bremer Greensill Bank, als wäre nichts geschehen. In weißen und grünen Buchstaben heißt es: „Unsere finanzielle Stärke ist Ihre Sicherheit“. Das Problem ist nur: An der finanziellen Stärke der Bank gibt es inzwischen erhebliche Zweifel.

Die Finanzaufsicht BaFin hat am Mittwoch ein Moratorium über die Bank verhängt und sie damit de-facto geschlossen, zudem darf das Institut kein neues Geld mehr annehmen. Der Grund für den Schritt ist, dass der Bank laut BaFin die Überschuldung droht. Zudem hat die Finanzaufsicht den Vorstand des Instituts wegen des Verdachts der Bilanzmanipulation angezeigt.

Die Krise der Bank rückt auch Online-Zinsplattformen wie Weltsparen und Zinspilot in den Fokus. Solche Anbieter hatten der Bremer Bank zahlreiche Kleinsparer vermittelt, die dem Institut Geld geliehen haben. Zuletzt sollen Privatanleger der Bank immerhin eine Milliarde Euro zur Verfügung gestellt haben, zeigt eine Analyse der Ratingagentur Scope. Der Greensill-Fall könnte nun dazu führen, dass Anleger Plattformen wie Weltsparen oder Zinspilot kritischer als bisher betrachten – und auf mögliche Fallstricke aufmerksam werden.

Das Geschäftsmodell der Anbieter ist simpel: Sie bieten auf ihren Webseiten einen Überblick über ausgewählte Banken und deren Konditionen für Tages- und Festgelder. So waren auf der Weltsparen-Webseite noch am frühen Dienstagabend die Angebote der Greensill Bank aufgeführt, das Bremer Institut warb mit einem Zinssatz von bis zu 0,8 Prozent pro Jahr. Mit dem Angebot stand die Bank gut da im Wettbewerb mit der Konkurrenz. Auf den Portalen tummeln sich Banken aus ganz Europa, etwa die APS Bank aus Malta, die Banco Finantia aus Portugal, die Alpha Bank aus Rumänien und Blue Orange aus Lettland.

Leiht ein Plattform-Nutzer dann einem der Institute tatsächlich Geld, zahlt die Bank dem Anbieter dafür eine Provision. Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg sagt deshalb: „Die Plattformen sind weniger Vergleichs- als vielmehr Verkaufsplattformen“. Tatsächlich offerieren die Anbieter längst keinen Überblick über alle Angebote. Sie entscheiden selbst, welcher Bank sie buchstäblich eine Plattform bieten. Dafür gibt es bestimmte Richtlinien.

So erklärt ein Sprecher des Unternehmens Deposit Solutions, das hinter der Plattform Zinspilot steht, die Mitarbeiter prüften nicht nur, ob die Bank überhaupt Einlagen einsammeln darf. Sie kontrollierten vor Beginn der Zusammenarbeit unter anderem auch, ob die Bank über die „erforderlichen internen Richtlinien im Compliance- und Risikomanagement verfügt“. Erfülle die Bank solche Kriterien nicht mehr, beende Deposit Solutions die Zusammenarbeit.

Die Betreiberfirma von Weltsparen, das Unternehmen Raisin, lässt seine Sprecherin erläutern, dass der Anbieter „das Geschäftsmodell der Bank oder die Eigentümerstruktur“ betrachte. Und Rainer Gerhard, Geschäftsführer Karten und Konten bei der Vergleichsplattform Check24, erklärt, es sei „Aufgabe der Bankenaufsicht im jeweiligen Land“, Institute zu überwachen.

Das führt zu der Frage, ob die Vergleichsplattformen nicht früher auf die Probleme der Greensill Bank hätten aufmerksam werden müssen. Die Weltsparen-Sprecherin findet, ihr Unternehmen habe sich „ebenso wie alle anderen Geschäftspartner auf die offiziellen Abschlüsse und Prüfergebnisse verlassen“ müssen. Und Check24-Manager Gerhard meint: „Wir sind keine Wirtschaftsprüfer und haben verständlicherweise keine umfassende Einsicht in die finanzielle Situation eines Anbieters“

Tatsächlich hatte die Bremer Greensill Bank Mitte Oktober 2020 im Bundesanzeiger ihren Jahresabschluss 2019 veröffentlicht und einen uneingeschränkten Bestätigungsvermerk des Wirtschaftsprüfers erhalten. Das bedeutet, dass der Prüfer der Bank ein korrektes Zahlenwerk bescheinigt.

Allerdings geht aus dem Jahresabschluss auch das irrwitzige Wachstum der bis vor wenigen Tagen beinahe unbekannten Bremer Bank hervor. Demnach hatte das Institut seine Bilanz im Jahr 2019 um fast 472 Prozent ausgeweitet. Zudem hatte die Nachrichtenagentur Bloomberg bereits Mitte August berichtet, dass sich die Finanzaufsicht BaFin die Bank näher anschaut. Ein Analyst der Ratingagentur Independent Credit View erklärt gar, die Bank sei eine „Black-Box“ gewesen.

Immerhin: Das Geld der Greensill-Anleger ist nicht verloren, sollte das Institut tatsächlich untergehen und die Finanzaufsicht BaFin nach dem Moratorium den sogenannten Entschädigungsfall ausrufen. Die Sparer würden ihr Geld dann von der Einlagensicherung zurückerhalten. Die Krise der Bank ist für sie trotzdem ein Ärgernis, weil sie noch Tage oder Wochen darauf warten müssen, bis sie an ihr Geld kommen.

Allerdings stellt sich die Frage, ob die Anleger im Krisenfall bei jedem Institut so viel Glück hätten wie bei der Greensill Bank. Schließlich vermitteln die Plattformen auch Einlagen an Banken im europäischen Ausland. Bei Zinsland zählt das rumänische Institut BRCI dazu, das zum Reich des britischen Stahlmagnaten Sanjeev Gupta gehört.

Gupta spielt in dem Skandal eine entscheidende Rolle, weil das hinter der Bremer Bank stehende Finanzimperium des Australiers Alexander Greensill den Geschäftsmann finanziert haben soll. Greensills Unternehmensgruppe kämpft seit Tagen ums Überleben und könnte auch Gupta in Bedrängnis bringen. Das bedeutet allerdings noch nicht, dass auch die Bank in Rumänien in Schieflage geraten muss.

Die Frage im Notfall ist, wie gut die Einlagensicherung eines Landes ist. Die Zinsplattformen verweisen stets darauf, dass Gelder in allen Ländern der Europäischen Union bis 100.000 Euro abgesichert sind. Das überzeugt Verbraucherschützer Nauhauser allerdings nicht. „Der Verweis auf die Einlagensicherung suggeriert, dass alles bombensicher sei“, sagt er. „Dabei gibt es daran durchaus Zweifel“.

Eine Einlagensicherung hänge nicht nur an der Höhe der Rücklagen, die für sie gebildet worden sind. „Sondern auch am politischen Willen und der Finanzkraft des jeweiligen Staates“, sagt Nauhauser. Anbieter Raisin verweist darauf, dass es in Europa „noch zu keinem Fall“ kam, „in dem die gesetzliche Einlagensicherung für Sparer im Insolvenzfall einer Bank nicht gegriffen hat“.

Allerdings ist die Frage, ob das so bleibt. So zeigt die Einlagensicherung Maltas, wie schlecht manche Länder auf Krisen vorbereitet sind: Wie in deren Jahresbericht nachzulesen ist, lagen in dem Topf Ende 2019 gerade einmal 51 Millionen Euro. Bedeutet: Circa 500 Anleger mit jeweils 100.000 Euro Vermögen reichen aus, um die Einlagensicherung des Insellandes zu sprengen. Um weitere Sparer zu entschädigen, müsste der maltesische Staat einspringen.

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Die Frage ist, warum es in Malta eine Mehrheit dafür geben sollte, deutsche Sparer mit maltesischem Steuergeld zu entschädigen, die auf der Jagd nach ein wenig mehr Zinsen waren.

Mehr zum Thema: Die BaFin macht die Bremer Greensill Bank dicht. Damit wird ein Anlegeralbtraum wahr – und Deutschland steht vielleicht vor seinem nächsten Bilanzskandal. Was dahintersteckt.

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