Finanzaufsicht: Diese Auswertung beweist: Die BaFin bleibt ein zahnloser Tiger

Die BaFin hat nun also geprüft. Und zwar sehr lange: immerhin fast ein ganzes Jahr. Was sicher auch notwendig war, weil die BaFin einen Markt analysiert hat, der zugleich komplex und hochrelevant ist: Sie hat analysiert, wie Banken beim Verkauf von Zertifikaten agieren; komplexen Finanzprodukten, mit denen Anleger auf bestimmte Börsenbewegungen setzen können. Das Problem ist nun: Die Aufsicht präsentiert die Ergebnisse in einer Art und Weise, die zu erheblichen Zweifeln führt, ob die Behörde ihre Aufgabenbeschreibung verinnerlicht hat. Aber der Reihe nach.
Die BaFin kündigte im vergangenen Frühjahr an, sich in den deutschen Zertifikate-Markt einfräsen zu wollen. Sie widmete sich damit einem Thema von zunehmender Bedeutung, verkaufen deutsche Banken Zertifikate doch im ganz großen Stil. So betrug das Volumen des hiesigen Marktes für derartige Finanzprodukte Ende 2024 gut 100 Milliarden Euro – fast 60 Prozent mehr als noch Anfang 2022. Es gab allerdings schon früh kritische Stimmen zu diesem Boom. Das lag und liegt an der Natur von Zertifikaten.
Es gibt Hunderte Unter- und Unter-Unter-Arten solcher Papiere, mit denen Anleger auf steigende, fallende oder auch auf stagnierende Kurse bei bestimmten Finanzwerten setzen können. Die Wertentwicklung eines Zertifikats ist dazu in der Regel an die eines anderen Börsenwerts gekoppelt, etwa einer Aktie, eines Aktienindizes oder einer bestimmten Zinskurve. Sicherlich ist es nicht unmöglich, die Zusammenhänge zwischen Zertifikat und zugrundeliegendem Wert zu verstehen. Auch die WirtschaftsWoche empfiehlt Anlegern gelegentlich (eher simple) Zertifikate (etwa hier). Erstaunlich am Boom derartiger Finanzprodukte ist nur, dass ihn vor allem die Sparkassen und Volksbanken getrieben haben.
Diese Finanzgruppen verfügen typischerweise gerade nicht über die Kundschaft, die in Finanzfragen bewandert genug ist, um die Chancen und Risiken von Zertifikaten rasch begreifen zu können. Tatsächlich war die WirtschaftsWoche im vergangenen Jahr auch Hinweisen darauf nachgegangen, dass beim Verkauf derartiger Produkte Dinge schieflaufen. Eine Sparkasse aus dem Ruhrgebiet etwa hatte einer alten Dame ein Zertifikat untergejubelt, mit dem die Rentnerin zwischenzeitlich einen Verlust von gut 50 Prozent erlitten hatte (lesen Sie die Recherche hier nach).
Die BaFin kommt aber nach ihrer monatelangen Untersuchung zu dem Schluss: Sie habe „keine Belege dafür gefunden, dass Banken und Sparkassen ihre Kundinnen und Kunden in Zertifikate 'gedrängt' hätten“, die ihr Geld eigentlich lieber als Einlage bei einem Institut geparkt hätten. Mit dieser Aussage in einer hochoffiziellen Pressemitteilung offenbart die Aufsicht ein grobes Missverständnis darüber, wie Geldhäuser arbeiten.
Selbstverständlich agieren Bankberater, die ihren Kunden ein bestimmtes Produkt verkaufen wollen, clever genug, damit beim Kunden nicht der Eindruck entsteht, der Berater habe ihnen das Produkt aufgedrängt. Und selbstverständlich ist es auch so, dass Banken in Kundengesprächen gezielt versuchen, bestimmte Produkte zu verkaufen. Anders als mit einer Vertriebsoffensive ist der Zertifikate-Boom auch nicht zu erklären: Die Anzahl der Kunden, die eine Filiale mit dem Wunsch betreten, ein Zertifikat zu kaufen, dürfte äußerst niedrig sein. Und zwar schon deshalb, weil die allermeisten Kunden gar nicht wissen dürften, was ein Zertifikat überhaupt ist, ehe ihnen ein Banker zum Kauf eines solchen Produkts rät.
Umso erstaunlicher ist es, dass der für die Untersuchung zuständige BaFin-Manager die Institute nun sogar regelrecht in Schutz nimmt. So lässt sich BaFin-Exekutivdirektor Thorsten Pötzsch in der Pressemitteilung nicht nur mit den Worten zitieren, es habe „keine systematische Fehlberatung bei Anlage-Zertifikaten“ gegeben. Er schiebt sogar noch einen weiteren, höchst erstaunlichen Satz hinterher: Es sei „nur fair“, das Wohlverhalten der Branche nun „ebenso öffentlich festzustellen wie sonst die Fehler, die wir kritisieren“. Da muss die Frage erlaubt sein: Schützt Herr Pötzsch die Anleger vor den Banken – oder die Banken vor ihren Kunden?
Es mag schon so sein, dass es systematisch keine Fehlberatung im streng juristischen Sinne gegeben hat. Schließlich berät jeder Banker, der sich an die rechtlichen Vorgaben hält, bereits formaljuristisch korrekt und richtig. Das bedeutet aber nicht, dass die Beratung gut und im Sinne des Anlegers erfolgt ist. Gerade bei Zertifikaten ist es oft so, dass sich vergleichbare Renditen auch mit weniger riskanten und weniger komplexen Tages- und Festgeldern erzielen ließen. Nun aber werden Banken und Sparkassen ihre zweifelhafte Vertriebspraxis mit Verweis auf die BaFin rechtfertigen, die ihnen quasi hochoffiziell bescheinigt, völlig korrekt zu handeln.
Damit weckt die Zertifikate-Untersuchung der BaFin ungute Erinnerungen an die Hochphase des Wirecard-Skandals: Die Behörde hatte den Zahlungsdienstleister damals in Schutz genommen, indem sie Anlegern zeitweise verboten hatte, auf einen fallenden Aktienkurs des Konzerns zu spekulieren (hier die Originalmitteilung aus 2019). Dabei hatte sich die Behörde nach dem Untergang von Wirecard eigentlich eine Radikalkur verordnet. Noch-Kanzler Olaf Scholz (SPD) versprach gar, eine Aufsicht „mit Biss“ zu formen, eine Behörde also, die sich nicht im Klein-Klein rechtlicher Vorgaben verliert, sondern die offensichtliche Schwierigkeiten und wahrhaftige Problemfälle voller Tatendrang angeht.
Die Zertifikate-Untersuchung offenbart nicht nur, dass die BaFin dieses Ziel unglücklicherweise noch nicht erreicht hat. Die Behörde lässt auch erneut die nötige Sensibilität bei der Frage vermissen, wie ihr Vorgehen und ihre Aussagen interpretiert werden können.
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