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Die Revolution der Kryptowährungen

Thorsten Polleit
Thorsten Polleit Chefvolkswirt der Degussa und volkswirtschaftlicher Berater des P&R Real Value Fonds

Erst belächelt, heute offiziell anerkanntes Zahlungsmittel in einige Staaten: Kryptowährungen wie Bitcoin haben eine große Zukunft vor sich, denn in mancher Hinsicht sind sie unserem Papiergeld dauerhaft überlegen.

Virtuelle Währung wie Bitcoins Quelle: Fotolia

„Zuerst ignorieren sie dich, dann lachen sie über dich, dann bekämpfen sie dich, und dann gewinnst du.“ Diese Worte werden Mahatma Gandhi (1869 – 1948) zugesprochen. Sie sind geradezu von zeitloser Gültigkeit, wenn es gilt, die Begleitstimmen gesellschaftlicher Umwälzungen einzufangen. Hierzu zählen beispielsweise die Reaktionen rund um das Aufkommen und Verbreiten der Kryptowährungen.

Die bekanntesten von ihnen sind Bitcoin, Ethereum, Ripple, NEM, Litecoin, Dash und IOTA. Anfänglich übersehen und belächelt wegen ihrem Anspruch, zum neuen Geld – zum allgemein akzeptierten Zahlungsmittel – aufzusteigen, hat das öffentliche Interesse an den Kryptowährungen stark zugenommen. Die Staaten nehmen sie ernst und haben sich aufgemacht, durch Regulierung und Besteuerung die Attraktivität der Kryptowährungen gegenüber dem staatlichen „Fiat-Geld“ im Zaume zu halten. Doch der Versuch, den Währungswettbewerb, für den die Kryptowährungen stehen, abzuwehren, dürfte ins Leere laufen.

Denn es ist eine wahre monetäre Revolution in Gang gekommen. Dazu muss man wissen, dass die Staaten bislang recht wirkungsvoll einen Währungswettbewerb verhindert haben. Ganz einfach dadurch, dass sie ihre Zentralbanken zu Zwangsmonopolisten der Geldproduktion gemacht haben: Nur die staatlichen Zentralbanken und die von ihnen lizensierten Geschäftsbanken dürfen Geld – und zwar aus dem Nichts – schaffen und in Umlauf bringen.

Das erste Mal mit Bitcoins bezahlen
Die Bitcoin-Tour startete im Coworking-Space Hafven. Dort sitzt das Start-up Pey, das in Hannover einen Zahlterminal für Bitcoins bei Händlern etabliert hat, der ähnlich einfach funktioniert wie die Zahlung mit Karte. Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
Doch wer mit Bitcoins zahlen möchte, muss sich zunächst welche besorgen. Erster Schritt: Eine Bitcoin-Geldbörse, ein sogenanntes Wallet, als App auf dem Smartphone installieren. Danach ging es mit gezückten Euroscheinen zum Bitcoin-Automaten, den das Start-up Pey im Coworking-Space aufgestellt hat. Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
Neben dem Geldschlitz sitzt am Automaten ein kleiner Scanner. Ähnlich wie man am Flughafen seinen Reisepass bei der automatisierten Passkontrolle einscannt, hält man nun seine Bitcoin-Geldbörse mit einem QR-Code an den Scanner... Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
... der liest die im QR-Code verknüpfte Kontoinformation aus und überweist den Eurobetrag umgerechnet in Bitcoin auf das Smartphone-Konto. Bei einem Kurs von 1000 Euro für einen Bitcoin gab es für zehn Euro während der Bitcoin-Tour in Hannover ungefähr zehn Millibitcoin (mBTC) aufs Konto. Was vielen Teilnehmern nicht bewusst war: Damit solche Überweisungen im Bitcoin-Netzwerk festgehalten werden, müssen sie stets eine Gebühr bezahlen. Und auch die Nutzung des Automaten kostet, ähnlich wie bei einer Bank. Bei 10 Euro betrugen die Gebühren knapp 20 Cent. Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
Dann ging es mit den aufgeladenen Bitcoin-Wallets in das benachbarte Café 24 Grad. Wer wollte, konnte seine Bitcoins hier direkt wieder auf den Kopf hauen. Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
Dabei rückten die angebotenen Kekse, Kaffee und Kuchen allerdings ein wenig in den Hintergrund. Der Star im Café war das kleine schwarze Zahlterminal von Pey (hier im Hintergrund), der die Bitcoins annahm. Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche
Statt der Geldbörse zückten die Teilnehmer der Bitcoin-Tour jetzt also an der Kasse ihr Smartphone... Quelle: Sebastian Kirsch für WirtschaftsWoche

Zusätzlich diskriminieren die Staaten per Besteuerung alternative Zahlungsmittel. Wenn Sie ihre Krügerrand-Goldmünze, die sie vor Jahren für 800 Euro erworben haben, gegen einen Mantel tauschen, der 2.000 Euro kostet, müssen Sie – wenn Sie der Steuergesetzgebung gehorchen wollen – ihren Veräußerungsgewinn von 1.200 Euro (2.000 minus 800 Euro) versteuern. Verständlich, dass das Bezahlen mit Goldmünzen oder anderen Tauschmitteln weniger attraktiv ist als mit Staatsgeld (das man auch als Fiat-Geld, also als staatliches Zwangsgeld, bezeichnen kann).  

Probleme des Fiat-Geldes

Das staatliche Geld leidet unter einer Reihe von ökonomischen und ethischen Problemen:

1) Es ist inflationär. Seine fortwährende Vermehrung lässt seine Kaufkraft schwinden. Das Fiat-Geld Euro beispielsweise hat seit seiner Einführung am 1. Januar 1999 bis heute etwa 27 Prozent seiner Kaufkraft eingebüßt. Wer also meint, sein Euro könne ihm zur Wertaufbewahrung dienen, irrt sich gewaltig.

Wertentwicklung des Bitcoin gegenüber dem US-Dollar.

2) Das Staatsgeld sorgt für eine nicht marktkonforme (Um-)Verteilung von Einkommen und Vermögen. Die ersten, die das neu geschaffene Geld erhalten, können Güter zu noch unveränderten Preisen kaufen. Sie sind die Gewinner. Diejenigen, die die neue Geldmenge spät erhalten, können die Güter nur noch zu bereits erhöhten Preisen kaufen. Sie (und alle, die nichts von der neu geschaffenen Geldmenge erhalten) sind die Verlierer.
Das Nachsehen haben üblicherweise vor allem Menschen mit geringem Einkommen. Sie haben nur begrenzte Verschuldungsmöglichkeiten und sind damit nicht in der Lage, zu den Erstempfängern des per Kredit geschaffenen Staatsgeldes zu zählen. Das ist übrigens auch der Grund, warum das Staatsgeld die Schere zwischen Arm und Reich immer weiter vergrößert. Staatsgeld ist – um einen modernen Begriff zu verwenden – höchst unsoziales Geld.

3) Das Ausgeben von Staatsgeld verursacht Störungen im Wirtschafts- und Finanzsystem, es setzt die berühmt-berüchtigten Boom-und-Bust-Zyklen in Gang. Der Grund: Die Geldmengenvermehrung per Kreditvergabe verzerrt die Marktzinsen. Unternehmer werden zu Investitionen verlockt, die sich nur bei künstlich gedrückten Zinsen rechnen. Die Konjunktur zieht zunächst an („Boom“), es kommt zu Spekulationsblasen. Früher oder später verpufft jedoch die „Reichtumsillusion“, und es kommt zu einem Abschwung („Bust“).

4) Besonders problematisch ist, dass das Staatsgeld die Verschuldung der Volkswirtschaft in die Höhe treibt: Die Schulden steigen im Zeitablauf stärker an, als die Einkommen zunehmen. Immer mehr Schulden sind erforderlich, bereitgestellt zu immer niedrigeren Zinsen, um die Kreditpyramide vor dem Einsturz zu bewahren. Die aktuelle Niedrigzinspolitik der Zentralbanken ist alles andere als ein „Zufall“, sie ist vielmehr eine logische Folge des Staatsgeldes.

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