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Schuldneratlas 2021 So viele Deutsche haben ihre Finanzen nicht im Griff

 Ein Berater erklärt in einem Raum der Schuldnerberatung der Diakonie in Hildesheim einer Kundin ihre Situation Quelle: dpa

Die Zahl der Überschuldeten in Deutschland sinkt im zweiten Jahr der Coronakrise deutlich. Allerdings täuscht das „Überschuldungs-Paradoxon“ über eine ernste Gefahr hinweg.

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Die Zahl der überschuldeten Privatpersonen in Deutschland hat sich nach Angaben der Wirtschaftsauskunftei Creditreform innerhalb eines Jahres um 700.000 auf 6,16 Millionen verringert. 3,08 Millionen Haushalte gelten damit als überschuldet und nachhaltig zahlungsgestört. Die Überschuldungsquote, also der Anteil überschuldeter Personen im Verhältnis zu allen Erwachsenen in Deutschland, sank um mehr als einen Prozentpunkt auf 8,86 Prozent und liegt nun erstmals unter der Neun-Prozent Marke.

Als überschuldet gilt ein Verbraucher, wenn er seinen Zahlungsverpflichtungen mit hoher Wahrscheinlichkeit über einen längeren Zeitraum nicht nachkommen kann.

„Die positiven Zahlen sind in Anbetracht der langanhaltenden Corona-Lage ein Überschuldungs-Paradoxon“, konstatiert Patrik-Ludwig Hantzsch, Leiter der Wirtschaftsforschung bei Creditreform anlässlich der Vorstellung des „Schuldneratlas Deutschland 2021“. Bereits im vergangenen Jahr habe sich die Lage erstaunlich positiv entwickelt. Die andauernden staatlichen Hilfsmaßnahmen, insbesondere das Kurzarbeitergeld und die Überbrückungshilfen, stützten massiv die Unternehmen und damit auch Arbeitsplätze und Verbraucher. „Die gemessenen Zahlen sind in dieser Deutlichkeit einmalig, insbesondere im Kontrast zu den vorherigen Krisenmonaten“, sagt Hantzsch.

Bremen, Sachsen-Anhalt und Berlin bleiben Schlusslichter

Die stabile Situation der Verbraucher sei aber eng mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung verbunden. Effekte wie gestörte Lieferketten, steigende Energiepreise und die anhaltende Inflation, die derzeit die Wirtschaft in Atem halten, würden erst mit Zeitverzögerung auf den Arbeitsmarkt und damit auf die Geldbeutel der Verbraucher durchschlagen. Zudem hätten angesichts der unklaren Lage viele Verbraucher seit Anfang 2020 mit Ausgabenvorsicht und Konsumzurückhaltung reagiert und dadurch mehr als 200 Milliarden Euro zusätzlich seit Anfang 2020 angehäuft.

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    Als einzige Altersgruppe zeigten der Untersuchung zufolge die 60- bis 69-Jährigen einen Anstieg der Überschuldungsfälle und -quote. Derzeit seien 769.000 Überschuldungsfälle in diesem Alterssegment zu verzeichnen – ein Zuwachs von 44.000 Fällen oder sechs Prozent. Regional gab es dagegen durchgehend positive Entwicklungen. „Alle 401 Kreise und kreisfreien Städte in Deutschland verzeichnen einen Rückgang der Überschuldungsquote“, sagt Michael Goy-Yun, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum und microm. Insgesamt sind in den westlichen Bundesländern rund 5,17 Millionen, in Ostdeutschland rund 0,99 Millionen Personen überschuldet. 

    Bei elf Bundesländern ist die Abnahme der Überschuldung überdurchschnittlich, wobei Bayern die geringste Verbesserung aufweist (6,43 Prozent; - 0,71 Punkte). Den deutlichsten Rückgang kann Hamburg verzeichnen mit - 1,43 Punkten auf 9,10 Prozent Überschuldung. Die Schlusslichter bleiben wie in den Vorjahren Bremen (12,81 Prozent; - 1,16 Punkte), Sachsen-Anhalt (11,56 Prozent; - 1,06 Punkte) und Berlin (10,81 Prozent; - 1,21 Punkte).

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    Nur scheinbar in Widerspruch zu den Daten steht die bundesweite Zunahme von Privatinsolvenzen. Der deutlichste Anstieg seit über zehn Jahren liegt vor allem an der verkürzten Restschuldbefreiung von drei statt wie bisher sechs Jahren. Die für 2021 zu erwartenden rund 100.000 Verbraucherinsolvenzverfahren seien „allerdings nur die Spitze des Eisbergs, denn sie machen nur rund zwei Prozent der aktuellen Überschuldungsfälle aus“, so Stephan Vila, Geschäftsführer von Creditreform Boniversum und microm. 

    Mehr zum Thema: Seit einigen Monaten gilt die Insolvenzantragspflicht für überschuldete oder zahlungsunfähige Unternehmen wieder ohne Ausnahmen. Trotzdem verharren die Pleitezahlen auf niedrigem Niveau, zeigt eine exklusive Datenauswertung.

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