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Bankenfusion Commerzbank plagt sich mit Integration der Dresdner Bank

Fast zwei Jahre nach der Übernahme durch die Commerzbank verschwindet die traditionsreiche Dresdner Bank. Die Mammutaufgabe der Integration ist damit längst nicht abgeschlossen.

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Neues Commerzbank-Logo: Die Quelle: dpa

Das eine Logo ist zu klobig, das andere zu eckig, beim dritten stimmt der Gelbton nicht. Thomas Fries bückt sich zu den verworfenen Modellen für das neue Signet der Commerzbank, die sich an der Wand vor ihm aufreihen. Als er das richtige findet, hebt er es stolz hoch und referiert über die „Ablackierung der 3-D-Kantenausbildung“, die Tiefziehtechnik und die energiesparende LED-Beleuchtung des neuen Logos. Dann führt der Architekt weiter zu „Diskretionselement“ genannten Trennwänden und zu „i-Punkt“-Aufstellern für Informationsmaterial.

Fries läuft durch die Musterfiliale, die die Commerzbank in einem Bürogebäude in der Nähe des Frankfurter Hauptbahnhofs eingerichtet hat. Hier stellt sie neue Tische, Stühle, Schalter und Fassadenschilder auf, bevor sie in die Filialen gehen. Seit knapp einem Jahr hat Fries mit bis zu 60 Mitarbeitern hier an einem Großprojekt gearbeitet: der optischen Einverleibung der Dresdner in die Commerzbank. Zahlreiche Filialleiter sind in den vergangenen Monaten zu ihm gereist, um sich hier auf den großen Tag einzustimmen – den Tag, an dem beide Institute auch optisch eins werden.

Rahmenbedingungen für Commerzbank nicht rosig

Der ist nun gekommen. Am 15. Juni wird der Vorstandsvorsitzende Martin Blessing das neue Logo am 257 Meter hohen Turm der Commerzbank in Frankfurt enthüllen. Innerhalb der kommenden drei Wochen verschwindet der Schriftzug der Dresdner Bank dann komplett. Nach knapp zwei Jahren wird die größte Fusion der deutschen Bankengeschichte damit auch äußerlich unübersehbar.

Ob das die Kunden freut? So hübsch das Logo-Gelb auch leuchtet – hinter der farbenfrohen Tünche sieht die Bilanz des im August 2008 verkündeten Zusammenschlusses nach einer staatlichen Kapitalspritze von 18 Milliarden Euro, einem Rückgang des Aktienkurses um 70 Prozent und einem Verlust von mehr als vier Milliarden Euro im Jahr 2009 bisher trübe aus. Auf der Hauptversammlung im Mai machten die Aktionäre deshalb ordentlich Radau. „Einen totalen Schrott haben sie gekauft“, schimpfte einer und forderte brüllend Blessings Rücktritt.

Die Rahmenbedingungen für die 4500 Beschäftigten, die direkt an der Verschmelzung werkeln, sind somit nicht gerade rosig. Sie haben ohnehin eine Mammutaufgabe übernommen, die sie noch lange beschäftigen wird. Sie müssen 90.000 Umzüge organisieren, 1600 EDV-Programme zusammenführen, fast sieben Millionen neue Kundenkarten verschicken und nebenbei noch 45.000 Mitarbeiter auf die neue Identität einschwören.

Immenser Druck auf Integrationsteams

Der Druck auf den Kern des Integrationsteams ist immens: Insider erzählen von durchgearbeiteten Wochenenden und einem erhöhten Krankenstand. Jedem Beteiligten ist bewusst: Der Erfolg ihres Wirkens entscheidet über die Zukunft der Bank — und über die von Bankchef Blessing. Gelingt es ihm nicht, seine für 2012 verkündeten Ziele zu erreichen, dürfte seine Karriere an der Spitze des Instituts beendet sein.

Frank Annuscheit gibt sich trotz allem gelassen und optimistisch: „Wir zeigen, dass die Übernahme richtig war, und wir werden die Synergien wie geplant erreichen“, sagt der Organisationsvorstand der Commerzbank, der seine Arbeitszeit fast komplett für die Fusion verwendet. Dabei geht es vor allem um die EDV. Über 1000 verschiedene Programme — etwa für die Kontoführung oder die Abwicklung von Wertpapiergeschäften — laufen derzeit in der Dresdner, 600 in der Commerzbank. 2000 Programmierer arbeiten seit Monaten daran, alle Kundendaten, Buchungssysteme und Produkte wie Baufinanzierung oder Vorsorge in die überarbeiteten Systeme der Commerzbank zu holen.

Grafik: Fusion von Commerzbank und Dresdner Bank

Die Dresdner-Software wollen sie Mitte 2011 abschalten und dadurch einen großen Teil der mit der Fusion geplanten Einsparungen erreichen. „Wir haben uns für die Plattform der Commerzbank entschieden, weil sie näher am Geschäftsmodell der neuen Bank ist. Für jede einzelne Anwendung jeweils die beste Lösung aus beiden Welten auszuwählen wäre viel zu aufwendig gewesen“, sagt Annuscheit. Die Teams, die den Übergang begleiten, hat er jedoch gleichmäßig mit Angestellten beider Banken bestückt.

Bisher sei das Projekt weitgehend nach Plan gelaufen: „Wir kommen bei der Programmierung sehr gut voran und haben 45 Prozent der Zielsoftware ein-gespielt“, sagt Annuscheit. Der Rest soll bis Ende August folgen. 75 Prozent der Daten der Investmentbank Dresdner Kleinwort sind bereits übertragen, Ende des Jahres soll der Prozess abgeschlossen sein.

Die Daten aus dem Filialgeschäft zu vereinheitlichen ist schon wegen der Masse schwieriger. Insider berichten von leichten Verzögerungen. Bei anderen Banken hat es bei vergleichbaren Projekten zum Teil erhebliche Probleme gegeben. Die HypoVereinsbank etwa hat über Monate vergeblich versucht, eine neue Plattform zu installieren. Das Abschalt-Ziel Mitte 2011 sieht Annuscheit jedoch nicht in Gefahr: „Wir haben bisher alle Meilensteine erreicht und befinden uns in der umfangreichen Testphase. Dazu simulieren wir mit unserer EDV nahezu die komplette Bank und alle denkbaren Konstellationen.“ Das bringe Sicherheit.

9000 Stellen fallen durch Fusion weg

Zusätzlich kompliziert wird der Übergang dadurch, dass die Dresdner Bank den größten Teil der IT-Prozesse an externe Dienstleister vergeben hat, die Commerzbank dagegen das meiste intern erledigt. Die Verträge mit den Dresdner-Anbietern laufen nun aus oder werden gekündigt. Für die Programmierer der Dresdner Bank hat das einen Vorteil: Sie haben auch in der neuen Bank einen Job.

Das gilt nicht für alle Beschäftigten. 9000 Stellen fallen durch die Fusion weg. Rund zwei Drittel des Abbaus sind bereits beschlossen, vor allem über Abfindungen und Altersregelungen. „Der Prozess ist sicher nicht angenehm, aber bisher im Rahmen des Möglichen fair und offen verlaufen“, sagen mehrere Betriebsräte. Da in vielen Filialen die Mitarbeiterzahl wegen freiwilliger Abgänge bereits nahe an den Zielvorgaben ist, sind die Arbeitnehmervertreter zuversichtlich, dass es auch künftig keine betriebsbedingten Kündigungen gibt. Falls überhaupt, würden diese wohl nur die Zentrale treffen. Wenn die Bank festgelegte Abbauziele erreicht, sind sie bis 2013 ausgeschlossen.

Die Kunden sollen von dem komplizierten Gerangel im Hintergrund möglichst wenig merken. Sie behalten ihre alte Kontonummer, fast alle gewohnten Produkte soll es auch künftig geben. Die meisten Angebote wie etwa der Abruf von Depotinformationen sollen künftig in den dann optisch vereinheitlichten Banken nutzbar sein. Solange die IT-Systeme noch getrennt laufen, ist das nicht ganz ungefährlich. Da sie nur begrenzt Zugriff auf die Daten der jeweils anderen Bank haben, müssen die Angestellten in der Filiale einige Aufträge während der Übergangszeit mithilfe eines eigens eingerichteten Callcenters erledigen. Deshalb gibt es die Befürchtung, dass auf diesem Weg etwa Daten verloren gehen könnten. Die Bank hält die Risiken für beherrschbar.

Ihre Kunden hat die Bank über Monate auf den Umstieg vorbereitet. Sie hat gelbe Werbeplakate in den grünen Filialen aufgehängt, vor einigen warben zeitweise auch grün und gelb gekleidete Damen für gemeinsame Produkte. Die Kundenberater wiederum hat sie in Schulungen vorbereitet und zeitweise auch in Filialen der jeweils anderen Bank versetzt.

Pilotfiliale nahe Frankfurt zeigt Idealbild

In einer „Pilotfiliale“ in Dietzenbach, 20 Kilometer südöstlich von Frankfurt, ist das Idealbild, wie es Blessing vorschweben mag, schon seit Ende Mai zu besichtigen — als Probe für den bundesweiten Ernstfall. Nur die Schilder am Parkplatz und im Büro des Filialleiters erinnern an die „Beraterbank“. Die Decke im Inneren der Ex-Dresdner-Filiale zieren gelbe Luftballons, für Kunden gibt es gelbe Regenschirme, gelbe Rosen und Schokolade in Kästchen mit gelbem Aufdruck. Die Bankberater haben mit Testkunden eifrig Commerzbank geübt. Für alle Fälle gibt es für sie in einem Karteikasten noch detaillierte Anweisungen mit Pfeildiagrammen, die die neuen Abläufe erklären.

Eins davon zeigt Schalterangestellten, was sie tun müssen, wenn ein bisheriger Commerzbank-Kunde Geld auf sein Konto einzahlen will: Statt die Daten einzugeben, muss die Angestellte erst die Hotline anrufen. Die bucht das Geld auf ein Zwischenkonto, von wo es dann aufs eigentliche Konto überwiesen wird. Das ist nicht ganz einfach und dauert eine Weile. Aber es funktioniert. Blessing kann nur hoffen, dass er dieses Fazit eines Tages auch für den Zusammenschluss als Ganzes ziehen kann.

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