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Condor-Übernahme Warum der Finanzinvestor Attestor den Zuschlag erhalten hat

Die Traditionsfluglinie Condor stand wohl mehrmals vor dem Aus. Jetzt hat sie einen neuen Eigentümer. Quelle: dpa

Die deutsche Fluglinie Condor hat mit dem britischen Finanzinvestor Attestor einen neuen Eigentümer – wohl trotz lukrativerer Angebote. Dass die Entscheidung von Condor dennoch auf Attestor fiel, hat vor allem zwei Gründe.

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Am Donnerstag der vorigen Woche fand die derzeit wohl dramatischste Geschichte der deutschen Luftfahrt ein vorläufiges Ende. Dann unterzeichneten in einem oberen Stockwerk eines Frankfurter Hochhauses Vertreter der Ferienfluglinie Condor und ihrer Eigentümer mit Vertretern des britischen Finanzinvestors Attestor eine Vereinbarung zur Übernahme der angeschlagenen Airline. „Wir sind stolz, Attestor von uns zu überzeugen“, lies Condor-Chef Ralf Teckentrup nach dem Notartermin per Pressemitteilung ausrichten. Nun hat das Traditionsunternehmen endlich einen neuen Eigentümer – „nach dreimal KO“. So nannte Attestor-Vizechef Friedrich Andreae anschließend die Rückschläge durch die Insolvenz der Muttergesellschaft Thomas Cook im Herbst 2019, die geplatzte Übernahme durch den Konzern der polnischen Staatslinie Lot im April 2020 und das monatelange Siechtum des Fluggeschäfts in der Coronakrise, das Condor nur durch Staatshilfen überlebt hat.

Dabei stand die Fluglinie laut Insidern in den rund 20 Monaten mehrmals nahe am Abgrund. Die große Überraschung war nicht, dass die vor der Krise für die Flugbranche hoch profitable Traditionslinie einen neuen Eigentümer fand, so ein Kenner der Branche. „Gewundert hat alle, dass ausgerechnet Attestor den Zuschlag bekommen hat.“

Für den Sieg der Außenseiter sorgte nach Informationen der Wirtschaftswoche wahrscheinlich, dass der Deal mit Attestor weniger riskant erschien und die Briten mit ihrem Team eine größere Nähe zum deutschen Markt haben. „Da hoffen wir mal, dass sich das bestätigt“, so ein Condor-Insider. „Denn andere Bieter wirkten für uns von der Papierform her besser geeignet.“

In der Endrunde waren neben der selbst in der Finanzbranche kaum bekannten Attestor dem Vernehmen nach so prominente Fonds wie Apollo Global und Bain Capital aus den USA sowie die deutsch-schwedische Triton. Sie verfügen zum einen mit bis zu gut 100 Milliarden Dollar dem Vernehmen nach über deutlich mehr Mittel als die auf 5,5 Milliarden Euro Fondsvermögen geschätzte Attestor. Apollo & Co. sind auch länger im Geschäft und sie haben entweder direkte Branchenerfahrung wie Apollo dank ihrer Beteiligungen am spanischen Billigflieger Volotea und die Flugzeug-Leasingfirma PK AirFinance oder zumindest Wissen aus dem Management von Markenartiklern wie Bain. Attestor hingegen kennt das Reisegeschäft nur durch die nach eigenen Angaben zwölf Prozent am angeschlagenen Autovermieter Europcar Mobility Group und Hotels in Italien oder den Niederlanden.

Dass Attestor trotzdem den Zuschlag erhielt, hatte offenbar zwei Gründe. „Es waren vor allem Transaktionssicherheit und Schnelligkeit“, so ein mit den Verhandlungen vertrauter Manager. Denn auch wenn die neuen Geschäftspartner den Eindruck vermitteln, der Deal sei in trockenen Tüchern. „Da sind noch ein paar potentiell gefährliche Rechtsprobleme offen“, so ein Insider. Vor allem braucht Condor für zwei wichtige Fragen noch eine Erlaubnis der EU-Kommission, etwa wenn die öffentliche Hand wie von den Investoren gefordert auf einen Teil des Kredits verzichten will. Um solch ein Okay aus Brüssel kann sich ein Unternehmen aber erst kümmern, wenn der Kaufvertrag unterschreiben ist.

Ein Vorteil von Attestor war der finanzielle Rahmen. Zwar haben die Briten nicht das meiste Geld geboten. „Da waren andere attraktiver“, so ein Kenner der Verhandlungen. Doch auch wenn Condor das Geld dringend brauchte, ging es um mehr als den Betrag. „Bei so einem Deal geht es um weitaus komplexere Dinge als nur die besten Zahlen“, so ein erfahrener Verhandler. So sei Attestor bereit gewesen schneller als die anderen zu zahlen. Als die Condor-Vertreter Fragen zur Finanzkraft hatten, reagierten die Briten offenbar sofort. „Die haben das Geld quasi direkt auf den Tisch gelegt“, beschreibt ein Insider den Prozess, bei dem der Betrag auf eine Art Treuhandkonto wanderte. „Das hat alle Bedenken ausgeräumt.“ Die anderen Bieter waren da vorsichtiger.

Ebenso wichtig war, dass Attestor das im Vergleich ein größeres Interesse an einem Abschluss zu haben schien. Bei den anderen Bietern war sich das Condor-Team nicht nur weniger sicher, dass die bis zum Closing genannten endgültigen Abschluss nicht noch nachverhandeln würden, besonders wenn sich die Lösung der Rechtsfragen oder die erwartete Erholung des Reisegeschäfts verzögern sollte. „Die hatten sich auch besser und vor allem detaillierter auf das Unternehmen vorbereitet“, heißt es in Condor-Kreisen. Dazu gehörten längere Gesprächen mit der Belegschaft und der Politik. Ebenso wichtig war ein plausibles Konzept, wie die beiden ausstehenden Rechtsfragen mit der EU gelöst werden können. Dafür und für die nötige Branchenkenntnis sorgte nicht zuletzt das von Attestor engagierte Frankfurter Beratungsunternehmen 360AF, das auch nach der finalen Unterschrift eingebunden bleiben soll.

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Nun sind die Beteiligten zuversichtlich, den Kaufvertrag nicht nur zu unterschreiben, sondern auch umzusetzen. „Signen können wir“, soll Condor-Finanzchef Christophe Debus bei der Vertragsunterzeichnung gesagt haben in Anspielung auf den später geplatzten Vertrag mit LOT. „Doch diesmal müssen wir auch closen.“

Doch eine ausgemachte Sache ist das nicht. „Auch mit der besten Vorbereitung und gutem Willen: so ein Deal bleibt ein Zitterpartie bis zur Ziellinie“, sagt ein Insider.

Mehr zum Thema: Der Einstieg eines britischen Investors rettet den Ferienflieger Condor – vorübergehend. Mittelfristig braucht es Genehmigungen der EU und einen Umbau, um zu überleben. Und ein Rezept gegen die Lufthansa.

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