Desaströse Zahlen: Vodafone hat seine Hausaufgaben noch immer nicht gemacht
Gewiefte Marktbeobachter erkennen einen Trend: Wenn der Deutschland-Chef des britischen Telekommunikationsanbieters Vodafone sich in den Medien negativ über Deutschland auslässt, dann sind die Quartalszahlen nicht mehr fern. Je negativer, desto weniger hält sich der Holländer mit seiner Kritik an seiner Wahlheimat zurück. Wie auch schon seine Vorgänger, ein Belgier und ein Österreicher.
Als das Internetportal „Focus Online“ jüngst titelte, Marcel de Groot fordere „Schluss mit der Hängematte“ für die Deutschen, konnte man ahnen: Es würde schlimm kommen für Vodafone.
Die heute berichteten Zahlen sind sogar dramatischer als erwartet: Der adjustierte Gewinn aus dem Deutschland-Geschäft (adjusted EbitdaAL) fiel im Geschäftsjahr 2025, das für die Briten bereits am 31.3. endet, um sage und schreibe 12,6 Prozent. Das Ebitda – eine ohnehin schon bereinigte Zahl, die der Konzern gar nicht veröffentlicht – fiel nach Marktberichten sogar um 15,9 Prozent. Der Serviceumsatz ging um ganze fünf Prozent zurück.
Vodafone: Gesetzgeber ist schuld
Vodafone schiebt das Problem in Deutschland dem Gesetzgeber zu. Mieter orientierten sich nach dem Ende der Zwangsbindung an das Kabelfernsehen durch das Nebenkostenprivileg verstärkt um. Dadurch verlor Vodafone wie erwartet im Geschäftsjahr fast die Hälfte der TV-Kunden. Die Ergebnisse im Festnetz, wo das Fernsehgeschäft einfließt, zogen mit dem Rekordminus von 9,7 Prozent im jüngsten Quartal und einem Rückgang um 8,1 Prozent im Gesamtgeschäftsjahr zurecht alle Aufmerksamkeit auf sich.
Doch der Abwärtstrend bei TV ist noch gar nicht vorbei. Noch in den ersten drei Monaten 2025 sind weitere 81.000 Kunden abgewandert. Dabei hatte Vodafone-Deutschland-Chef Marcel de Groot noch im Februar Medien gegenüber gesagt, der Rückgang im Fernsehgeschäft sei bereits weitgehend gestoppt.
De Groot ist der dritte Manager auf dem Posten innerhalb von fünf Jahren. Seit einem Jahr hält er den Chefposten. Das Deutschland-Geschäft von Vodafone verantwortet er aber schon länger. Er ist seit September 2022 bereits als Nachfolger für Andreas Laukenmann für das Privatkundengeschäft in Deutschland verantwortlich. Und damit auch für die schwache Performance. Die Frage ist, wie lange sein Welpenschutz währt.
Vodafone hatte die Kabelnetze erst 2018 für 18,4 Milliarden Euro gekauft – in der Hoffnung, sie noch lange vermarkten zu können. Qualitätsprobleme während der Corona-Pandemie und der Ausbau der Glasfaser als schnellere, moderne Alternative machen dem Geschäft jetzt offenbar schneller als erwartet den Garaus. Im Geschäftsjahr 2025 verlor Vodafone im Festnetz 102.000 Kunden – 43.000 davon vom gigabitfähigen Kabelnetz. 7000 Festnetzkunden verlor sie im jüngsten Quartal, 3000 davon im Gigabit-Netz, das der Anbieter jetzt gerne „Kabelglas“ nennt.
Problemfall Mobilfunkgeschäft
Die schwierigste Nachricht von Vodafone steckt aber im Mobilfunkgeschäft. Dies ging um 1,2 Prozent zurück – sowohl im Quartal wie auch im Gesamtjahr. Im jüngsten Quartal gewann Vodafone nur 12.000 Neukunden. Zum Vergleich: Die Konkurrenten Telekom und Telefónica erreichten mehr als das zwanzig-, beziehungsweise zehnfache.
Dabei macht Vodafone aktuell enorm gute Angebote– zum Beispiel ein iPhone 16 Pro zu einem monatlichen Basispreis von 44,99 mit einer Einmalzahlung von nur einem Euro. Mit diesem Lockangebot hält kein anderer Anbieter mit – doch die Kunden gehen trotzdem lieber zur Konkurrenz.
Am Werbeaufwand kann es nicht liegen: Laut Turi2 zieht Vodafone in den vergangenen Monaten mit den Ausgaben sogar an der Telekom vorbei, die sonst die tiefsten Taschen hat. Im Februar etwa gab Vodafone 27,4 Millionen Euro für Werbung aus – drei Millionen Euro mehr als 1&1.
„Vodafone erreicht die Zielgruppen nicht mehr“, sagt ein Branchenkenner. Schon vor vier Jahren gab es die ersten Medienberichte über auffällige Betrugsmachenschaften im Vodafone-Vertrieb – auch die WirtschaftsWoche berichtet regelmäßig. Der ausgeschiedene Deutschland-Chef Philippe Rogge hatte selbstkritisch „weniger Kleingedrucktes“ versprochen. Doch offenbar haben die bisher ergriffenen Maßnahmen die Kunden noch nicht überzeugt.
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Umsatzrückgang auch bei Telefónica
Ein Sprecher von Vodafone macht den intensiven Preiswettkampf am Markt, angeführt von Wettbewerber Telefónica, für die Umsatzverluste im Mobilfunk verantwortlich. Bereinigt man die um das Fernsehgeschäft, bleibt ein Rückgang um nur noch zwei Prozent – ähnlich wie auch Telefónica gemeldet hatte. Die geringeren Umsätze je Kunde wegen der Preissenkungen schlagen durch auf den Umsatz.
Auch der Geschäftskundenbereich – ein Hoffnungsträger, seit der frühere Telekom-Manager Hagen Rickmann dort vor sieben Monaten aufschlug – verlor mit 2,3 Prozent weiter an Umsatz. Hier hatte Vodafone zuletzt aufs Jahr 65.000 Kündigungen von Geschäftskonten verbucht.
Eigentlich hätte Vodafone beim Mobilfunkumsatz bereits Rückenwind verspüren müssen durch die Migration der 1&1-Kunden auf ihr Netz. Überall dort, wo die 1000 Antennen des neuen Netzbetreibers die Kundenbedürfnisse nicht abdeckt, roamen sie auf dem Vodafone-Netz. Doch die Migration zu Vodafone verzögerte sich. Bis März waren vier Millionen 1&1-Kunden auf dem Netz, seit Mai sechs Millionen. Die Anzahl dieser Kunden und ihrer Datennutzung schlägt sich jedoch weniger positiv als erwartet im Vodafone-Umsatz nieder. Wären die Roaming-Zahlungen nicht gekommen, wären die Umsatzzahlen wohl noch viel verheerender. Die 1&1-Kunden kamen erst sehr spät im Quartal aufs Netz, erklärt Vodafone. Entsprechend seien deren Datenumsätze noch niedrig.
Die britische Vodafone-Gruppe, für die Deutschland nach wie vor der wichtigste Markt ist mit einem Umsatzanteil von 35 Prozent, geriet insgesamt in die Verlustzone: Sie verlor im Geschäftsjahr 2025 3,7 Milliarden Euro. Vodafone schrieb allein 4,5 Milliarden Euro für die Geschäfte in Deutschland und Rumänien ab. Ein Jahr zuvor hatte Vodafone ohne diesen Sonderfaktor noch 1,5 Milliarden Euro Gewinn gemacht. Der Konzern aber gibt die Hoffnung nicht auf: CEO Margherita Della Valle verspricht dem Markt von jetzt an Wachstum. Das dürfte zweifelhaft sein. Die Probleme in Deutschland zumindest sind größter denn je.
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