Palla wird Bahn-Chefin: Ein alter Plan, neu formatiert

Wer eine Strategiewende erwartete, wurde enttäuscht. Die neue Bahnstrategie des Bundes ist eine verfeinerte Fortführung des bisherigen Ansatzes des geschassten Chefs Richard Lutz.
34 Seiten lang nimmt sich der Bundesverkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) Platz, um das zu unterstreichen, was die Bahn bei der Konzernsanierung auch bisher vorhatte: Die Generalsanierungen und Baustellen werden in ihrer Form fortgesetzt, der integrierte Konzern mit seinem operativen Bahngeschäft (Fern, Regio und Cargo) und der Steuerungseinheit für die Infrastruktur (InfraGo) bleiben erhalten, die Finanzierungstöpfe und das teils übervolle Streckennetz ohne Einschnitte auch. Ja, sogar die Mehrheit der Vorstände darf weitermachen.
Von einem „Neuanfang“ bei der Deutschen Bahn zu sprechen, wie Schnieder und die neue Bahn-Chefin Evelyn Palla bei der Planvorstellung ein ums andere Mal wiederholten, ist also zu hoch gegriffen – zumal auch Palla selbst einst von Lutz eingestellt wurde. Das alles bedeutet trotzdem nicht zwangsläufig Schlechtes.
50 Prozent der Führung sind bekanntlich Psychologie. Den Stimmungswandel samt konzeptioneller Anpassungen, die Evelyn Palla bei Regio im Kleinen einleitete, wird sie auch im Großen versuchen. Bei der Infrastrukturtochter InfraGo wird der Spartenchef Philipp Nagl durch den Bahnberater Dirk Rompf ersetzt. Dieser Wechsel gilt intern schon länger als überfällig.
Fokus auf den Fernverkehr
„Zuverlässiger, sauberer, pünktlicher“ solle die Bahn werden, sagte Schnieder. (Der Satz dürfte mittlerweile fast jedem Bahninteressierten so leicht von den Lippen gehen wie manch eine Phrase eines ICE-Schaffners). Die harten Einschnitte, die die Politik und die Bahnführung im Schulterschluss jetzt durchsetzen wollen, betreffen dann auch vor allem ein Ressort: den Fernverkehr. Jene Sparte also, auf die sich auch sonst die öffentliche Kritik konzentriert, wenn die Rede von „der Bahn“ ist.
Bis Anfang des nächsten Jahres soll die stark defizitäre Sparte wieder schwarze Zahlen schreiben; bis 2029 soll die Pünktlichkeit wieder bei mehr als 70 Prozent liegen – aktuell dümpelt sie etwa zehn Prozentpunkte darunter, manchertags auch unter 50.
Zumindest zwei harte Werte also, an denen sich Palla und Schnieder messen lassen werden. Die Sache in Ordnung bringen muss nun der zuständige Fernverkehrs-Chef Michael Peterson. Er muss besser mit dem wüsten Baustellenmanagement seiner Kollegen auskommen, die Züge in einem einsatzfähigen Zustand bereitstellen, sie sauberer und fahrtüchtiger halten und dafür ausreichend und vor allem das richtige Personal vorhalten.
An solchen Veränderungen wird sich zeigen, ob sich die Bahn auf dem richtigen Weg befindet – und ob personelle Wechsel und einige kosmetische Veränderungen dann doch rechtfertigen, von der „Bahnwende“ zu sprechen.
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