Logistik: DHL im Visier von aktivistischen Investoren
Das Update des amerikanischen Analysehauses Bernstein Research macht die Veranstaltung des Logistik-Unternehmens DHL zum Nicht-Event: „Nachdem die großen Ziele bereits im Oktober bekannt gegeben wurden, dürfte es nun eher um Details gehen“, schreibt Analyst Alexander Irving. Und dennoch schaut die Finanzgemeinde neugierig nach London, wenn dort am Donnerstag CEO Tobias Meyer mit seinem Führungsteam seinen professionellen Investoren einen Vormittag lang Rede und Antwort steht.
Der Grund: Es ist im Unternehmen viel in Bewegung geraten. Bei einem Strategietag vor einigen Monaten hatte der 48-jährige Meyer die Auslösung des alten Postgeschäfts über die kommenden zwei Jahre angekündigt. 870 diverse Zukäufe seien „wie ein Wollknäuel“ verheddert und sollten aufgeräumt werden, erklärte der Ingenieur. Um eine geplante Abspaltung aber gehe es keinesfalls, führte er weiter aus.
Analysten und Anleger fordern schon länger die Abspaltung der alten Deutschen Post AG, denn sie steuert mit einer Umsatzrendite von knapp fünf Prozent nur wenig zum Gewinn bei. Das Expressgeschäft dagegen hat eine Umsatzrendite von gut zwölf Prozent. Internationale Anleger könnten nach einer Abspaltung auf ein reinrassiges Logistikunternehmen setzen, das leichter vergleichbar ist mit den amerikanischen Konkurrenten UPS und Fedex.
Vor allem die Briefsparte der DHL ist ein Sorgenkind. Das liegt weniger an ihrem Geschäftsmodell: Die Briefmenge sinkt nicht mehr so dramatisch, weil große Teile der verbliebenen Geschäftspost sich wohl nicht digitalisieren lassen. Und die Bundesnetzagentur erhöht das Porto in regelmäßigen Abständen.
Vielmehr sind es Prozessrisiken, die auf dem Bereich lasten. Es drohen Schadensersatzforderungen in Milliardenhöhe von privaten Konkurrenten, weil die Post womöglich gegen Kartellrecht verstieß.
Das erscheint besonders bedrohlich, seit der aktivistische Investor 7Square dem Kläger DVS, einem Geschäftspost-Dienstleister mit rund 300 Mitarbeitern, zur Seite geeilt ist. DVS streitet sich in einem Verfahren vor dem Landgericht Düsseldorf mit der Deutschen Post um eine Forderung von bis zu einer Milliarde Euro wegen angeblich falsch klassifizierter Postsendungen für Großkunden in den Jahren seit 2005. Damit habe die Post die Preise künstlich niedrig gehalten und Konkurrenten aus dem Markt gedrängt, behauptet DVS. Das Gericht hat DVS bereits beigepflichtet, nun wird um die Feststellung der Schadenersatzsumme verhandelt.
Im Hintergrund aber lauern weitere Gefahren: Es gibt sechs weitere Vorwürfe wegen angeblich wettbewerbsbehindernden Verhaltens seitens der Deutschen Post. Die Beschwerden sind gedeckt durch Entscheidungen der Bundesnetzagentur und des Verwaltungsgerichts Köln. Also könnten weitere Milliardenforderungen auf DHL zukommen. 7Square kündigte an, „das jahrelang systematisch rechtswidrige Verhalten der Sparte Post & Paket zur Verdrängung von Wettbewerb“ zu bekämpfen. Unklar ist noch, ob DVS sich für Einzelklagen entscheiden wird oder alle Ansprüche in einem Paket verhandeln will. Gutachten zur Feststellung der Schadenssummen laufen aktuell. Zu den Auseinandersetzungen heißt es bei DHL: „Wir haben vielfach eine andere Rechtsauffassung als die DVS."
Der Energiesektor könnte bei einer möglichen Abspaltung als Vorbild dienen: Für eine Trennung von DHL in eine „Good Co“ und eine „Bad Co“ müsste nicht einmal ein Käufer gefunden werden – die neuen Aktien könnten einfach in die Portfolien der Aktionäre eingebucht werden. Dann würde jeder selbst entscheiden, ob er die Anteile behält.
Kaum zu entkoppeln
Und doch ist das Geschäft der DHL sehr eng verzahnt. Das Post- und Paketgeschäft würde im Konzern fehlen. Über die hochmodernen Paketzentren nämlich läuft auch das schnell wachsende heimische E-Commerce-Geschäft, bei dem die DHL eine dominante Stellung ausbauen will. Auf sie kann man schlecht verzichten.
Schwierig ist auch die zunehmende Verzahnung der Prozesse bei Brief und Paket: Die Briefpost wird immer häufiger gemeinsam mit der kleineren Paketpost sortiert – wie zum Beispiel auch im neueröffneten Paketzentrum in München Germering. In dem hochmodernen Komplex ist die Sortierung von Briefen und Paketen stark verzahnt. Neue Multiformatsorter sind Teil einer neuen Strategie der DHL, bei abnehmenden Briefmengen und steigenden Paketmengen Synergien der Netze zu nutzen.
Dazu gibt es aus Großbritannien ein mahnendes Beispiel: Dort wurde das Briefgeschäft Royal Mail alleinstehend verkauft – doch ohne Paketgeschäft operiert es defizitär und konnte eine zuverlässige Zustellung nicht immer garantieren. Zum Jahresende wurde es an den tschechischen Milliardär Daniel Kretinsky verkauft. An DHL aber ist der deutsche Staat noch mit 17 Prozent beteiligt. Auch wenn umstritten ist, ob Brieflogistik noch als kritische Infrastruktur gilt: Das öffentliche Interesse an einem funktionierenden Briefverkehr bleibt hoch.
Schließlich würde ein separates Börsenlisting der Sparte Brief & Paket die DHL Group nicht automatisch immun machen gegen die Rechtsrisiken. Sehr wahrscheinlich würden die Prozessgegner ohnehin versuchen, ihre Ansprüche gegen die finanzkräftigere DHL-Gruppe durchzusetzen.
Post & Paket macht bei DHL derzeit mit 17 Milliarden Euro etwa 20 Prozent des Konzernumsatzes aus und 13 Prozent des operativen Gewinns. Es arbeiten dort 187.000 von insgesamt 602.000 DHL-Mitarbeitern.
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