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Geldanlage Für den Traum von Disneyland das Ersparte opfern

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Vergebliche Aussicht auf Dividenden

Zu der Aktie führt ihn der Zufall. Angestaubte Pokale auf einem Sideboard im Flur seines Hauses weisen ihn unter anderem als Gewinner der 4. ADAC Allgäu Rallye 1979 aus. Anfang der Neunziger ist sein Rallyeauto ein roter Toyota Corolla, den er bei einem Händler im niederbayrischen Falkenberg warten lässt. Jener Händler veranstaltet damals als Werbegag einen Benzinsparwettbewerb. Freisler macht mit und gewinnt als Prämie eine Reise ins noch junge Disneyland. Mit Nichte und Neffe macht er sich auf nach Paris. „Ich sah den Park und dachte: Wahnsinn, wie gut das funktioniert.“ Freisler fasziniert die Liebe zum Detail, mit der der Park gestaltet ist, er erkennt reichlich wirtschaftliches Potenzial. „Ich dachte, das sei eine Aktie, die mal eine gute Dividende bringen würde.“

Kursverlauf-und-ausstehende-Aktien-von-Euro-Disney

Zurück in München, macht er sich über die Aktie schlau. Die ist von der Eröffnung des Parks 1992 bis zu Freislers erstem Besuch schon kräftig gefallen – und passt deswegen in sein Beuteschema. „Ich bin bei Aktien nie eingestiegen, bevor sie nicht 50 bis 70 Prozent unter Höchstwert notierten.“ Mit anderen Papieren, etwa der Chase Manhattan Bank, hatte er auf diese Weise einige Erfolge erzielt, die er nun mit Euro Disney wiederholen will. Der Park braucht damals frisches Geld, als Retter steigt der saudische Prinz al-Walid bin Talal ein, Nummer 45 der „Forbes“-Liste der reichsten Menschen der Welt. Vertrauen in die Euro-Disney-Aktie schafft zudem, dass der damalige Kaufhof-Chef und Aktionärsschützer Jens Odewald im Aufsichtsrat sitzt. Einige Zeit nach seinem Besuch ordert Freisler Euro-Disney-Aktien für rund 10.000 D-Mark. Das karierte Blatt Papier, auf dem er die Käufe handschriftlich notiert, hat er noch heute.

Doch Euro Disney verbrennt Geld, auf die erhofften Dividenden wartet Freisler vergeblich. Zu schaffen machen dem Park vor allem Lizenzgebühren, die er an die Mutter Walt Disney abführen muss: fünf Prozent des Umsatzes mit Speisen, Getränken und Fanartikeln. Von den Eintrittsgeldern will die Muttergesellschaft sogar zehn Prozent sehen. Zum Vergleich: Der Betreiber der Legoland-Parks, Merlin Entertainments, führte im Geschäftsjahr 2015 nur gut zwei Prozent der Legoland-Umsätze als Lizenzgebühr an Lego ab.

Aktie: Walt Disney

Das Geld für Walt Disney fließt steuergünstig an eine Tochter in den Niederlanden. Doch es fließt nicht so üppig wie geplant. Von Mitte bis Ende der Neunziger muss Walt Disney auf die Lizenzgebühren der finanzschwachen Tochter verzichten. Es ist die einzige Zeit, in der der Park schwarze Zahlen schreibt. Weil die aber kleiner ausfallen als gedacht, bröckelt der Aktienkurs weiter. Freisler wittert gute Einstiegskurse. Er tut das, wovor jeder vernünftige Anlageberater warnt; er verkauft all seine anderen Aktien und investiert in noch mehr Euro-Disney-Papiere. „Irgendwann“, ist er sicher, „muss der Kurs ja mal drehen.“ Weitere Käufe finanziert er über Kredit. Wie im Rallyeauto gibt Freisler auch beim Investieren Vollgas. Die Aktie wird zur Herzensangelegenheit für den Disney-Fan, dessen Nutzername für die private Mailadresse „Happy Micky“ lautet.

Anfang des neuen Jahrtausends kehren bei Euro Disney die Gebühren an die Mutter zurück und damit die Verluste. Die Aktie sinkt, die Angst der Banken, mit deren Krediten Freisler die Käufe finanziert hatte, steigt. Sie stellen die Kredite fällig. Um die Insolvenz abzuwenden, verkauft Freisler Immobilien in München und Berlin, seine Altersvorsorge. Wobei: Das Wort „verkaufen“ kommt in seinem Wortschatz nicht vor. Freisler sagt stattdessen „hergeben“.

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