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Grenke-Aktie Grenkes „Reputations-Katastrophe“ wirft unangenehme Fragen auf

Beim Finanzdienstleister Grenke geht es diese Woche unruhig zu. Quelle: dpa

Erst wurde bekannt, dass Tagesgeschäfts-Vorstand Mark Kindermann zurücktritt. Dann rutsche die Aktie ab. Ein Überblick, was über die jüngsten Entwicklungen bei Grenke bekannt ist.

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Der Kursrutsch der Grenke-Aktien zum Wochenstart hat die Frage in den Raum gestellt, wie komplex die Gründe für den Rücktritt von Tagesgeschäfts-Vorstand Mark Kindermann waren und was dies in Bezug auf Compliance-Probleme beim Unternehmen bedeutet.

Laut Grenke trat Kindermann zurück, um vor dem Abschluss zweier Sonderprüfungen Streit zu vermeiden. Informierten Kreisen zufolge hatten einige Prüfer auf mangelnde Personalausstattung und Dokumentationsmängel in den Bereichen Compliance und Interne Revision hingewiesen.

Die Grenke-Aktie ist im Zuge der Nachricht so stark gefallen wie nie seit im September erste diesbezügliche Vorwürfe veröffentlicht wurden. Anleger sehen sich einem Vorgang gegenüber, der von Commerzbank-Analyst Christoph Blieffert als „Reputationskatastrophe“ bezeichnet wurde. Im vergangenen Jahr war der bis in den DAX aufgerückte Zahlungsdienstleister Wirecard im Zuge eines Bilanzskandals kollabiert.

Im Folgenden ein Überblick über das, was im Hinblick auf die jüngsten Entwicklungen bei Grenke bislang bekannt ist:

Welche Vorwürfe gibt es?

Im September warf Fraser Perrings Viceroy Research Group Grenke vor, mit Hilfe von Akquisitionen die Tatsache zu verbergen, dass ein Großteil der Barmittel des Unternehmens nicht existiere. Seit 2011 habe Grenke mehr als 100 Millionen Euro aufgewandt, um Unternehmen zu kaufen, die von Grenke-Führungskräften und anderen Insidern kontrolliert wurden. Diese Verbindungen seien jedoch nicht offengelegt worden, so Perring. Der 64-seitige Viceroy-Bericht warf dem Unternehmen zudem Compliance-Mängel vor, die Geldwäsche durch seine Kunden ermöglicht hätten.

Das Unternehmen wies die Vorwürfe entschieden zurück. Die deutsche Finanzaufsicht und die Staatsanwaltschaft starteten eine Untersuchung. Firmengründer und Großaktionär Wolfgang Grenke legte seine Aufsichtsratsfunktion auf Eis.

Wo sind die Barmittel und was hat die Sonderprüfung ergeben?

Im Oktober konnte die Grenke-Aktie einen Teil ihrer Verluste wieder wettmachen, nachdem der Wirtschaftsprüfer KPMG für mehr als 98% der Barmittel schriftliche Bestätigungen von Banken erhalten hatte, so auch von der Deutschen Bundesbank.

Im Dezember teilte Grenke mit, KPMG habe bisher keine Hinweise entdeckt, die die Betrugsvorwürfe stützten. Hintergrundrecherchen zu den 30 größten Verkaufspartnern von Grenke ergaben keine Hinweise darauf, dass diese nicht existierten, in kriminelle Geschäfte verwickelt wären oder ihre Geschäftstätigkeit in anderer Hinsicht fragwürdig wäre. Auch Geldwäschevorwürfe konnten nicht belegt werden.

Ein weiterer Sonderprüfer, Warth & Klein Grant Thornton, kam zu dem Schluss, dass die bisher abgeschlossenen 17 Franchise-Akquisitionen insgesamt als positiv für Grenke zu bezeichnen seien. In einigen Fällen sei der Kaufpreis allerdings höher gewesen als es die ursprünglich vereinbarte Bewertungsmethodik nahegelegt habe.

Welche Rolle spielen die Grenke-Franchise-Partner und der Unternehmensgründer?

Grenke hat Franchisesysteme genutzt, um in neue Märkte zu expandieren. Die Geschäftsführer dieser Franchise-Unternehmen waren oft ehemalige Grenke-Mitarbeiter, die Minderheitsbeteiligungen besaßen. Die Kontrollanteile wurden indessen von verschiedenen Finanzinvestoren gehalten, darunter laut Grenke die CTP Handels- und Beteiligungs GmbH.

Nach vier bis sechs Jahren übernahm Grenke in der Regel die Franchise-Firmen. Wolfgang Grenke ist nach Unternehmensangaben seit Februar 2020 alleiniger Gesellschafter der CTP-Muttergesellschaft Sacoma AG. Unklar ist, wer Sacoma vorher kontrollierte. Grenke sagte nur, dass weder Wolfgang Grenke noch das Unternehmen vor der Übernahme Anteile an der CTP hielten. Laut Perring war Wolfgang Grenke aber „mindestens seit den frühen 2000er Jahren an CTP beteiligt“.

Was tut das Unternehmen zur Verbesserung der Compliance?

Um transparenter zu werden, hat Grenke die Integration der Franchise-Unternehmen angekündigt. Das Unternehmen teilte im Oktober mit, die 16 noch nicht in seinem Besitz befindlichen Franchise-Unternehmen binnen 18 Monaten kaufen zu wollen.

Im vergangenen Monat schuf Grenke die Vorstandsposition des Chief Risk Officer und besetzte sie mit Isabel Rösler, die lange für die Wirtschaftsprüfungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers tätig war. Alle internen Revisionsaufgaben wurden direkt an Vorstandschefin Antje Leminsky übertragen.Grenke ernannte Sebastian Hirsch zum Finanzvorstand.

Wann legt Grenke die endgültigen Ergebnisse der Prüfer vor?

Die Prüfungen durch KPMG und Warth & Klein Grant Thornton laufen noch. Grenke hat bislang keinen konkreten Termin genannt.

Was sagen Analysten und Investoren?

Seit September haben fünf von zehn Analysten, die Grenke laut Bloomberg-Daten abgedeckt hatten, ihre Anlageempfehlungen ausgesetzt. Zuletzt tat dies Commerzbank-Analyst Blieffert, der nun erst einmal auf Details der externen Prüfung warten will.

Oddo-BHF-Analyst Roland Pfänder behielt seine Outperform-Einschätzung bei und erklärte, der stärkere Fokus auf Compliance-Vorgänge und Risikomanagement sei zu erwarten gewesen. Der Rückzug von Kindermann werfe dennoch Fragen auf. Ob die Kritik hinsichtlich Compliance und Bilanzierungsprozessen gerechtfertigt sei, bleibe unklar. Die Frage sei zudem, wie wesentlich potenzielle Erkenntnisse sein könnten.

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Der nach Wolfgang Grenke zweitgrößte Aktionär, Acatis Investment GmbH, erklärte, für eine Stellungnahme nicht über ausreichend Informationen zu verfügen. Acatis sei mit dem Unternehmen im Gespräch und erwarte klärende Informationen, erklärte Managing Partner Hendrik Leber in einer E-Mail.

Mehr zum Thema: Wirecard, Tesla, Nikola, jetzt Grenke: Spekulanten, die auf fallende Kurse wetten, sind das neue Feindbild von Managern und Anlegern – dabei halten sie die Börse sauber. Ein Inside-Report.

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