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Kinderfreie Zone im FliegerViel Nichts um Lärm

Die türkisch-niederländische Fluglinie Corendon macht Schlagzeilen mit einer kinderfreien Zone an Bord. Doch auf den zweiten Blick wirkt das eher wie PR denn wie ein echter Zusatzservice. Ein Kommentar.Rüdiger Kiani-Kreß 30.08.2023 - 20:07 Uhr

Kinder im Flugzeug können für alle Mitreisenden sehr anstrengend sein. Macht eine eigene kinderfreie Zone also Sinn?

Foto: imago images

Was war die wichtigste Luftfahrtmeldung der Woche? Flugchaos in Großbritannien, Millennials fliegen öfter als Boomer, Rekordgehälter für Piloten in den USA oder dass die niederländische KLM den ersten elektrischen Flug machte? Nein: Es war „Ferienflieger bietet kinderfreien Bereich an Bord“.

Auf den ersten Blick ist das Interesse verständlich. Denn eine Zone ohne Kinderlärm wäre die erste echte Innovation seit Langem. Und sie interessiert sicher alle, die schon mal stundenlang in der Nähe lauter Kinder saßen, vor allem, wenn es nicht die eigenen waren.

Doch sieht man mal genauer hin, ist es eher eine Nichtmeldung, quasi viel Nichts um (Kinder-)Lärm.

Denn die Neuerung betrifft erstmal fast keinen. Denn es geht nicht um eine Art streng abgeschirmte „Quiet Economy“ bei der Lufthansa oder von Ryanair, sondern um die hierzulande fast unbekannte Corendon Dutch Airlines. Die will das Abteil auch nicht auf ihren Flügen ans Mittelmeer anbieten, sondern nur ab November zunächst drei Mal die Woche auf der neuen Verbindung von Amsterdam nach Curacao.

Corendon Airlines Europe bekommt einen Shitstorm für seine neuesten Pläne: Die türkisch-niederländische Fluglinie wirbt mit einer kinderfreien Zone an Bord.

Foto: imago images

Dazu ist die Zone noch ungeplant exklusiv. Denn wer hinein will, bekommt sie derzeit zwar auf der Internetseite angepriesen. Nur buchen kann sie derzeit keiner. Im etwas wackeligen Reservierungssystem ist die entsprechende Seite ungefähr so schwer zu erreichen wie die Airline selbst. Das Angebot ist auch kein Kinderverbot oder gar eine Benachteiligung. Es ist am Ende eine Option für alle, denen es – nach 75 Euro für den Koffer – auch noch bis zu 100 Euro pro Strecke wert ist, nur Menschen von mindestens 16 Jahren um sich zu haben.

Und nicht zuletzt geht es nur um 93 von 432 Sitzen pro Flug. Dabei ist der Nutzen begrenzt. Zwar wird die „Only Adult Zone“ getrennt sein durch Toiletten und einen Vorhang. Doch wieviel ruhiger es da ist, bleibt abzuwarten. Die Erfahrung zeigt nicht nur, dass ein dünner Vorhang Kinder und ihre Stimmen nur begrenzt aufhält. Auch eine Gruppe +16-Passagiere auf Junggesellenabschied in Feierlaune sind nach ein paar Drinks aus der Bordbar nicht gerade leise.

Dass die Aufregung trotzdem groß war, ist verständlich. Denn das Ganze wirkt zunächst wie eine Benachteiligung, weil Familien mit Mitgliedern unter 16 Jahren die ersten zwölf Reihen nicht mehr buchen können. Das sorgte prompt für einen Shitstorm – wenn auch nur einen im Wasserglas. Denn wer jetzt laut Diskriminierung ruft und fordert, dass jeder den Lärm spielender Kinder, Tritte gegen den Vordersitz oder die halbe Nacht lang weinende Babys nun mal aushalten müsse, ist wahrscheinlich nicht ganz ehrlich. Denn auch wenn es selbst gestresste Eltern wohl nicht zugeben: Viele würden wohl selbst gern die neue Zone buchen, wenn derweil jemand ab Reihe 13 den eigenen Nachwuchs im Zaum hält.

Zudem verkennt die Kritik, dass die Zone auch eine Chance für Erziehungsberechtigte ist. Sitzen die kinderallergischen Erwachsenen weit weg, müssen sie die lieben Kleinen nicht ständig bremsen und zur Ruhe mahnen. Das ist oft der größere Stress – nicht zuletzt für die Mitreisenden. Doch am Ende wird wohl ohnehin kaum einer vor der Entscheidung stehen „Only Adult“ oder „Many Kids“. Denn die Erfahrung aus früheren Versuchen mit Kinderabteilen zeigt: Wenn sie überhaupt kommen, werden sie wegen der negativen Schlagzeilen bald wieder eingestellt.

Dass es Corendon trotzdem versucht, hat wahrscheinlich einen ganz einfachen Grund: Gier nach Aufmerksamkeit. Denn der Wettbewerb im Ferienflug ist beinhart und Corendon kaum bekannt. Und wer die Gruppe mit Firmensitzen in der Türkei, den Niederlanden und Malta kennt, hat in den vergangenen Jahren wenig Gutes gehört. Die wenigen Meldungen drehten sich eher um abgesagte Flüge, allein gelassene Passagiere oder Verluste wegen des zu schnellen Wachstums.

Da sind ein paar halbwegs positive Schlagzeilen sicher eine gute Werbung. Denn wie Ryanair-Chef Michael O’Leary sagt: Lieber etwas unbeliebt als unbekannt. Und Corendon kennen seit dieser Woche sicher deutlich mehr Reisende. Und sollte „Only Adult“ doch bleiben und gar ein Erfolg werden, bringt es pro Flug bis zu 6000 Euro Ertrag. Das kann Corendon derzeit erst recht gut brauchen.

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