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Konkurrent der We Company Coworking-Unternehmen Knotel sammelt 400 Millionen Dollar ein

Coworking-Büros werden gerade unter Start-Ups immer beliebter. Quelle: Knotel

Vor dem Börsengang der We Company, hinter der das US-Unternehmen WeWork steckt, steigt Wettbewerber Knotel mit seiner jüngsten Runde zum Unicorn auf. Auch die Berliner Rocket Internet ist noch investiert.

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Die Börsengänge der Mega-Unicorns Uber und Lyft enttäuschten, waren von Milliardenverlusten und Zweifeln am Geschäftsmodell der Fahrdienste überschattet. Erschwert das anderen Start-ups den Sprung in die Liga der Jungunternehmen mit mindestens einer Milliarde Dollar Bewertung? Im Fall von Amol Sarva und Edward Shenderovich überhaupt nicht. Obwohl sie gegen ein populäres Branchenschwergewicht in einem heiß umkämpften und historisch gesehen durch Zyklen besonders gebeutelten Markt antreten.

Es genügt Stallgeruch als erfahrene Unternehmer. Der New Yorker Sarva baute neben seiner Promotion in Stanford zum Doktor der Philosophie den Mobilfunkdienst Virgin Mobile in den USA auf und ist als Business Angel in rund 50 Start-ups aktiv. Der gebürtige Russe Shenderovich ist als Gründer des Investmentfonds Kite Ventures in Unternehmen wie Delivery Hero und Tradeshift investiert.

Hinzu kommt die nötige Aggressivität sowie eine plausibel erscheinende und gut zu vermarktende Idee. Die Gründer von Knotel, einem New Yorker Anbieter von Büroflächen mit flexiblen Mietverträgen und damit Angreifer von dem kurz vor der Börsenpremiere stehenden Konkurrenten The We Company, haben all das.

Im nächsten Jahr, so kündigt Sarva frech an, werde man The We Company bei der Zahl der Bürofläche abhängen. In New York, Paris, San Francisco und Washington DC ist das zumindest bei der Zahl der dortigen Standorte bereits gelungen. Allerdings hat der große Wettbewerber weltweit mit 750 Lokationen mindestens dreimal so viel vorzuweisen.

In Berlin ist Knotel an zwei Standorten im Wedding und einem in Kreuzberg vertreten, mit insgesamt rund 8200 Quadratmetern. Die rasche Präsenz gelang mit der Übernahme des Büroanbieters Ahoy! Berlin im vergangenen Sommer. Im nächsten Jahr sollen 2700 Quadratmeter in der Nicolas Berggruen Immobilie Lichtfabrik in Kreuzberg hinzukommen. In Hamburg und München sollen Gespräche mit Immobilienbesitzern laufen.

Um die Expansion voranzutreiben, hat das Knotel-Duo gerade in der dritten Finanzierungsrunde 400 Millionen Dollar eingesackt, zusätzlich zu bereits eingesammelten 160 Millionen Dollar. Das führt sie locker über die Milliarden-Schwelle bei der Bewertung. All das innerhalb von nur drei Jahren, wofür The We Company fünf Jahre benötigte – letztere mit tatkräftiger Hilfe des japanischen Großinvestors Softbank.

Im Land der aufgehenden Sonne sind Investitionen rund um Immobilien scheinbar populär. Denn bei der von der Investmentgesellschaft Wafra angeführten aktuellen Knotel-Runde steigen mit der Immobilienfirma Mori Trust, dem Handelsunternehmen Itochu und dem Beteiligungsunternehmen Mercuria gleich drei japanische Unternehmen ein. Sie stoßen zu den bisherigen Investoren Norwest Venture Partners, Newmark Knight Frank. Die deutsche Beteiligungsfirma Rocket Internet ist auch noch als Investor an Bord, hat bei der neuen Finanzierungsrunde aber nicht mitgemacht.

Gegenüber The We Company, das laut dem Analysespezialisten PitchBook 8,4 Milliarden Dollar eingesammelt hat und auf 47 Milliarden Dollar bewertet wird, wirkt Knotel mit seinen 560 Millionen Dollar Kapital winzig. Dass Sarva trotzdem so große Töne spuckt, liegt an seinem Geschäftsmodell. Im Gegensatz zu The We Company, die Flächen nicht nur anmietet, sondern auch selber erwirbt, hat sich Knotel als Dienstleister für Eigentümer von Büroflächen aufgestellt und stark spezialisiert. Es betreibt und vermarktet die Büroflächen und erhält dafür einen Teil der Miete.

Entstand The We Company in den Trümmern der weltweiten Finanzkrise und wurde bei Freiberuflern und kleinen Start-up-Teams schnell populär, denen gleich noch lässige Kultur mit Freibier und fleischlosen Büffets übergestülpt wurde, richtet sich Knotel an größere oder schnell wachsende Unternehmen, mit im Schnitt mindestens dreistelliger Mitarbeiterzahl. Sie müssen sich zudem mindestens ein Jahr binden, können dafür bei der Ausstattung eigene Akzente setzen. Dazu beschäftigt das Unternehmen ein Team aus Architekten, Gestaltern und Experten für Arbeitsplatzdesign. Zu den Kunden zählen Starbucks, Netflix und Daimler.

Allerdings hat The We Company ihr Programm ausgebaut, offeriert ähnliche Dienste und hat Weltmarken wie Microsoft, IBM, Facebook und Adidas gewonnen. Mit dem Mix aus Freiberuflern, Mittelständlern und Konzernen ist es so breiter aufgestellt, allerdings ist ihr durch den Börsenprospekt offengelegtes Beteiligungsgeflecht mittlerweile hochkomplex und schwer zu durchschauen.

Allen Anbietern gemein ist, dass die Vermietung von Büroimmobilien heiß umkämpft ist. Platzhirsch ist die vom Briten Mark Dixon geführte Schweizer IWG, der mit seinem Unternehmen Regus das Konzept von flexiblen Büroräumen in den Neunzigern populär machte. Dixon konkurriert neben Knotel und The We Company mit Start-ups wie Industrious aus New York und dem kanadischen Dienstleister Breather. IWG hat einen großen Vorteil: Es schreibt Gewinne – auch wenn es im vergangenen Jahr nur bescheidene 140 Millionen Dollar waren.

The We Company blutet hingegen im zehnten Jahr ihres Bestehens Verluste, im vergangenen Jahr allein 1,9 Milliarden Dollar bei einem Umsatz von 1,8 Milliarden Dollar. Analysten von Sanford C. Bernstein erwarten, dass das Unternehmen bis 2026 weitere, rund zwanzig Milliarden Dollar benötigt, um endlich schwarze Zahlen zu erreichen.

Über allen Konkurrenten hängt zudem die drohende Rezession. Die Freiheit der kurzfristigen Vermietung könnte sich dann als Bumerang erweisen, besonders wenn man bei den Immobilieneigentümern längerfristig in der Pflicht steht.

Adam Neumann, Gründer von The We Company, macht das keine Angst. Er sieht eine Wirtschaftskrise als Chance. Selbst wenn Unternehmen ihr Personal reduzieren, müssen sie ihre Flexibilität erhalten, um den nachfolgenden Aufschwung mitnehmen zu können. Ob das Anleger auch so sehen, wird der Börsengang zeigen. Die Stimmung ist alles andere als optimistisch und das komplexe Firmenkonstrukt erschwert die Lage zusätzlich.

Für Knotel ist es jedenfalls ein kluger Schachzug zuvor nochmal Geld einzusammeln. Sollte der große Wettbewerber straucheln, hat man trockenes Pulver und kann diesen umso aggressiver attackieren. Sollte der IPO wider Erwarten gut laufen, kann Knotel immer noch beim Kapital nachlegen. Ein Ende der Niedrigzinsphase und dem einhergehenden Mangel an guten Geldanlagen ist schließlich nicht abzusehen.

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