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Mobilfunk im ICE Neue Spezialscheiben sollen Handyempfang verbessern

Auch das in den ICEs bereitgestellte Wlan soll von Spezialfenstern profitieren. Die Fenster sollen besseren Handyempfang ermöglichen. Quelle: dpa

Die Deutsche Bahn testet neue Scheiben, um das Surfen und Telefonieren im Zug zu verbessern. Die bisherigen Repeater sind ein Auslaufmodell. Vorbild ist die Schweiz – mit durchaus erstaunlichen Ergebnissen.

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Es ist nicht lange her, da war die Firma Icomera für Mobilfunk in Zügen allererste Wahl. Das schwedische Unternehmen, gegründet 1999, rüstet Züge mit Kommunikationstechnik aus – seit einigen Jahren auch ICE der Deutschen Bahn. Repeater verstärken die Mobilfunksignale der Provider, bündeln sie und lotsen sie in das Wageninnere. Der Handy- und Internetempfang verbessert sich dadurch, auch das im Zug bereitgestellte Wlan profitiert. 2016 lobte die Deutsche Bahn ihren Partner Icomera als „das beste System auf dem Markt“.

Tatsächlich hat sich die Handy-Situation an Bord seitdem etwas verbessert. Richtig gut ist es aber nicht. Lücken an der Strecke und die Grenzen der Technik sorgen weiterhin für niedrige und immer wieder abbrechende Downloadraten – und Frust bei den Fahrgästen. Die Bahn will das ändern. Die Tage für Icomera scheinen gezählt.

Die Bahn erprobt derzeit „mobilfunkdurchlässige Scheiben“, sagt Technikvorstand Sabina Jeschke der WirtschaftsWoche. Statt über Signalverstärker sollen die Funkwellen der Handynetze einfach durch das Glas hindurch kommen. „Wir wollen insbesondere wissen, ob die neue Technik auch für hohe Geschwindigkeiten geeignet ist“, so Jeschke. „Wir werden den Test noch in diesem Jahr abschließen.“

Abgeschaut haben sich die Berliner die neue Technologie bei den Schweizer Bundesbahnen (SBB). Bei den mobilfunkdurchlässigen Scheiben „wird aus der Metallbeschichtung der Gläser ein kaum sichtbares Linienmuster heraus gelasert“, heißt es bei den SBB. Das verringere die Abschirmung der Funkwellen, während die Isolationseigenschaften weitgehend erhalten bleiben. „So wird der faradaysche Käfig überlistet und ein mindestens gleich guter Empfang wie mit Signalverstärkern ermöglicht.“ Das Unternehmen hat sich entschieden, 341 Reisezugwagen in den kommenden Jahren mit mehr als 13.000 solcher Spezial-Scheiben auszurüsten.

Die Werte der neuen Technik sind sogar erstaunlich gut. Schweizer Mobilfunkanbieter hätten in den vergangenen Jahren zahlreiche Vergleichsmessungen auf unterschiedlichen Streckenabschnitten durchgeführt, schreiben die SBB auf Anfrage der WirtschaftsWoche. Bei verschiedenen Fahrzeugtypen habe sich ergaben, „dass funkdurchlässige Scheiben dem Repeater-System in nichts nachstehen und teilweise sogar besser abschnitten“.

Die Deutsche Bahn denkt daher über einen konsequenten Technologieshift nach. „Repeater waren einige Jahre lang State of the Art“, sagt Jeschke. „Aber das wird sich ändern.“ Die Besonderheit bei der Deutschen Bahn: Anders als die Schweizer fahren die ICE-Züge bis zu 300 Kilometer pro Stunde. Sollte der Test der Deutschen Bahn in diesem Jahr erfolgreich abgeschlossen werden, könnten neue Züge mit den Scheiben entsprechend ausgerüstet und die bestehende Flotte „peu a peu nachgerüstet werden“, sagt Jeschke.

Zwar sind die Spezialfenster teurer als die bisherigen Scheiben. Vorteile seien dagegen der geringere Wartungsaufwand sowie die Technologieunabhängigkeit bei der Erschließung weiterer Frequenzbänder wie 5G. Repeater müssten nämlich für den neuen Mobilfunkstandard 5G umgerüstet werden. Bei mobilfunkdurchlässigen Scheiben spielt der Standard keine Rolle. Es spricht also vieles dafür, dass die Deutsche Bahn ihre Züge bald umrüsten wird und neue Züge mit Spezialfenstern statt Repeatern bestellen wird.

Für die Fahrgäste der Bahn wird Jeschke in Zukunft nicht nur beim Handyempfang und Wlan eine zentrale Rolle spielen. Die 51-Jährige verantwortet im Bahntower den Bereich Technik, der gerade mit zusätzlichen Kompetenzen ausgestattet wurde. Künftig übernimmt die frühere Maschinenbau-Professorin und IT-Expertin auch die Verantwortung für die schwere Instandhaltung. Damit kümmert sie sich künftig um die Hauptrevisionen der Züge, durch Unfall beschädigte Loks und Wagen sowie mögliche Komplettsanierungen im Rahmen eines sogenannten Redesigns.

Ihr Hauptaugenmerk legt Jeschke zunächst aber auf besseren Mobilfunkempfang. Die Bahn will Telefonie und Internet dringend verbessern. Längst reichen die Bandbreiten nicht mehr aus, um angemessene Telefonie- und Surfqualität anzubieten. „Wir erleben einen Zuwachs von Menschen“, die sich die limitierte Bandbreite teilen müssten. Außerdem werde der Zug heute anders benutzt, sagt Jeschke, wie ein „verlängertes Wohnzimmer und Büro“. Es gebe heute auch „mehr Mittel- und Langstreckenpendler“, so Jeschke. Die Kunden verlangten gut funktionierenden Mobilfunk und Wlan-Netze.

Im ersten Schritt verspricht die Bahn übergangsfreie Wlan-Netze. „Seamless connectivity“, heißt das im Fachjargon der Bahner. Derzeit müssen sich Fahrgäste immer wieder neu in ein Wlan-Netz der Bahn etwa im Zug („Wifi on ICE“) oder im Bahnhof neu einloggen. Das soll noch in diesem Jahr wegfallen. Einmal im Netz, immer im Netz. „Mobilität auf der Schiene muss Spaß machen“, sagt Jeschke.

Wichtiger dürfte der zweite Schritt sein. „Ohne Mobilfunknetz an der Strecke bringt auch die neueste Technik in den Zügen nichts“, sagt sie. Es dürfe „keine weißen Flecken mehr geben“. Die Bahn will selbst nicht investieren, sondern verlässt sich auf die Versprechen der Mobilfunkanbieter wie Deutsche Telekom, Vodafone und O2. Mit den Auflagen aus der Frequenzauktion für den neuen Mobilfunkstandard 5G sind die Ziele eigentlich definiert: Bis Ende 2022 sollen etwa zwei Drittel der Schienenwege mit mindestens 100 Megabit pro Sekunde ausgeleuchtet werden. Bis 2025 dann das komplette Schienennetz.

Die Bahn werde die Provider „unterstützen“, sagt Jeschke. Zum einen wolle die Bahn ihr Glasfasernetz, das entlang der Schienen liegt, für die Provider öffnen. Liegenschaften und Grundstücke der Bahn könnten als Standort für 5G-Antennen dienen. Außerdem könnten Stromnetze der Bahn in abgelegenen Gegenden angezapft werden, falls dies etwa für den Betrieb eines 5G-Funkmastes nötig wäre. Inwieweit die Zurverfügungstellung der Infrastruktur für Telekom, Vodafone und O2 auch ein Geschäftsmodell für die Bahn darstellt, mit der sie Geld verdient, sei noch nicht geklärt. Die Bahn sei in Gesprächen mit den Providern, sagt sie - und erklärt: Der Kunde steht im Fokus.

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