WiWo App 1 Monat für nur 0,99 €
Anzeigen

Olympia Bahncardaktion: Die teure Sympathiekampagne

Die Deutsche Bahn fährt heute wieder zig Tausende Reisende kostenlos durch die Republik, weil deutsche Rodler gestern eine Goldmedaille gewannen. Rechnet sich die Aktion für den Konzern?

  • Artikel teilen per:
  • Artikel teilen per:
Goldmedaillengewinnerin Natalie Geisenberger. Inhaber der Bahncard Gold fahren immer umsonst, wenn deutsche Sportler am Tag zuvor eine Goldmedaille geholt haben Quelle: dpa

Die Aktion ist ein Erfolg. 105.000 Fahrgäste haben sich bis kurz vor Eröffnung der Olympischen Winterspiele in Sotschi die Bahncard25 Gold gesichert. Gelockt hat sie das Versprechen der Deutschen Bahn: Gewinnt ein Sportler der deutschen Olympia-Mannschaft eine Goldmedaille, dürfen die Inhaber der Gold-Bahncard am Folgetag im ICE oder Intercity kostenlos fahren. Die Bahn selbst spricht von einem „echten Verkaufsknüller“.

Aber rechnet sich die Aktion wirklich für den Konzern? Die Zahlen sprechen zunächst eine nüchterne Sprache. Die Bahncard25 Gold kostete für Fahrten in der zweiten Klasse 25 Euro und das Doppelte für die erste Klasse. Acht Prozent, also 8400 Nutzer haben sich für die Premium-Klasse entschieden und dem Konzern damit 420.000 Euro überwiesen. Hinzu kommen die 92 Prozent Zweite-Klasse-Fahrer. Alles in allem kamen durch die Aktion 2,84 Millionen Euro in die Konzernkasse.

Bislang hatten die Reisenden Glück. Nach Anlaufproblemen gewann Deutschland an jedem Tag eine Goldmedaille. Mit sieben Mal Gold liegt die deutsche Mannschaft sogar auf Platz eins des Medaillenspiegels. Die Bahncard-Gold-Inhaber konnten also so gut wie jeden Tag kostenlos in einen ICE oder Intercity steigen. An den Betriebskosten ändert sich für die Deutsche Bahn natürlich nichts: Sie setzt ja keine zusätzlichen Züge ein. Ob nun ein paar Leute mehr oder weniger mitfahren, spürt die Bahn nicht im Geringsten.

Mögliche Verluste für die Bahn

Top-Jobs des Tages

Jetzt die besten Jobs finden und
per E-Mail benachrichtigt werden.

Standort erkennen

    Dennoch wird die Aktion am Umsatz knabbern. Denn die entscheidende Frage lautet: Wie viele Bahncard25-Inhaber wären in der Zeit vom 8. bis 24. Februar ohnehin in den Zug gestiegen und hätten sich dafür ein normales Ticket gekauft? Ein Beispiel: Ein Fahrgast möchte irgendwann in den zwei Wochen von Berlin nach Köln fahren. Er ist flexibel. Das Normalticket ohne Bahncard-Rabatt würde ihn 117 Euro pro Fahrt kosten. Mit der Bahncard25 Gold zahlt er nur 25 Euro, die Bahn würde also 92 Euro weniger Umsatz machen.

    Die Beantwortung der Frage ist natürlich Spekulation. Die Deutsche Bahn nennt aber eine Zahl, die interessant ist. 30.000 Nutzer haben sich die Bahncard25 Gold nämlich erst in der letzten Woche vor Eröffnung der Spiele gekauft. Es liegt nahe, dass sie ihren Kalender für die Zeit vom 8. bis 24. Februar gescannt und gemerkt haben, dass ein oder mehrere Fahrten anstehen. Bei ihnen ist davon auszugehen, dass die Deutsche Bahn Umsatz verlieren wird. Angenommen, jeder der 30.000 Nutzer würde die Aktion für mindestens eine längere Freifahrt wie von Berlin nach Köln nutzen, dann entgingen der Bahn allein 2,76 Millionen Euro – die Einnahmen aus dem Verkauf der Bahncard wären also schon weg.

    Enormer Marketingeffekt

    Die größten Pannen der Deutschen Bahn
    Juli 2015Wegen der großen Hitze sind die Luftkühlungen mehrerer IC-Züge ausgefallen. Anders als im Sommer 2010 reagierte die Bahn diesmal schnell: Sie stellte für die besonders betroffene Linie Berlin-Amsterdam zwei Ersatzzüge bereit. Sie sollen eingesetzt werden, wenn die Luftkühlung in anderen IC auf der Strecke versagt, wie ein Sprecher mitteilte. Außerdem wurden in Osnabrück mehrere Busse stationiert. Dort mussten insgesamt mehrere Hundert Fahrgäste in nachfolgende Züge umsteigen, weil in ihren Zügen die Klimaanlage ausgefallen war. Es habe aber kein Fahrgast gesundheitliche Probleme bekommen, so der Sprecher. Bei etwa einem Dutzend älterer Intercitys auf der Linie Berlin-Amsterdam hatten die Klimaanlagen ihre Arbeit eingestellt. Quelle: dpa
    Oktober 2014Ein Warnhinweis sorgt für Lacher, Spott und eine Entschuldigung der Deutschen Bahn: „Cannstatter Wasen: Es ist mit Verspätungen, überfüllten Zügen und verhaltensgestörten Personen zu rechnen“ ist am Samstag auf den Anzeigetafeln an mehreren Bahnhöfen in der Region Stuttgart zu lesen gewesen, wo das Volksfest an seinem letzten Wochenende in diesem Jahr wieder Tausende Besucher anlockte. „Wir entschuldigen uns dafür“, sagte eine Bahn-Sprecherin am Sonntag und bestätigte Online-Berichte der „Stuttgarter Nachrichten“ und der „Stuttgarter Zeitung“. Ein Mitarbeiter habe den Text entgegen aller Vorgaben verfasst. Er werde Anfang der Woche zum Rapport bestellt. Dann solle auch der gesamte Vorgang aufgeklärt werden. Quelle: dpa
    August 2013Ein ungewöhnlich hoher Krankenstand in der Urlaubszeit sorgte im August 2013 für ein Fahrplanchaos am Mainzer Hauptbahnhof - und für massiven Ärger bei den Fahrgästen. Die Deutsche Bahn hat für das Chaos am Mainzer Hauptbahnhof wegen massiver Personalprobleme auf Facebook um Entschuldigung gebeten. „Für die derzeitigen Einschränkungen möchte ich mich entschuldigen“, antwortete ein Mitarbeiter in dem Sozialen Netzwerk auf Beschwerden einer Nutzerin. Die Situation sei „wahrlich nicht schön“. Quelle: dpa
    August 2013Um dem Problem der häufig verstopften und verdreckten Zugtoiletten Herr zu werden, setzt die Bahn ab sofort neue Reinigungskräfte, sogenannte Unterwegsreiniger, in ICE-Zügen ein. Die Reinigungskolonne, die auf der Fahrt die Toiletten putzt, wird um 50 Beschäftigte auf 250 aufgestockt, wie der Vorstandsvorsitzende DB Fernverkehr, Berthold Huber, ankündigte. Die Mitarbeiter sollen zugleich stärker entsprechend der Zugauslastung eingesetzt werden. Damit würden die Toiletten in besonders gefragten Bahnen mindestens zweimal und damit doppelt so oft auf der Fahrt gereinigt wie bisher. Der Fahrgastverband Pro Bahn und die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) lobten die Initiative, wiesen aber zugleich auf andere Probleme hin. „Neben den kaputten oder dreckigen Toiletten gibt es tagtägliche Kundenbeschwerden vor allem über die Klimaanlagen und Verspätungen“, sagte Pro-Bahn-Bundessprecher Gerd Aschoff. Und das sind nicht die einzigen Pannen der Deutschen Bahn... Quelle: dpa
    November 2011Nach der persönlichen Anmeldung im neuen elektronischen Ticketsystem „Touch & Travel“ waren für nachfolgende Nutzer die Kundendaten sichtbar. Quelle: dpa
    Juli 2010Am einem Wochenende fallen in mehreren ICE-Zügen die Klimaanlagen aus. Fahrgäste kollabierten, Schüler mussten dehydriert ins Krankenhaus eingeliefert werden. Im Zuge der Panne wurde bekannt, dass die Klimaanlagen der Bahn nur bis 32 Grad funktionieren. Damals fielen in Dutzenden Zügen die Klimaanlagen aus. Quelle: dpa
    April 2010 - ICE verliert TürBei voller Fahrt verliert ein ICE auf dem Weg von Amsterdam nach Basel eine Tür. Das Stahlteil schlägt in einen entgegenkommenden ICE ein. Auf der Hochgeschwindigkeitsstrecke zwischen Frankfurt und Köln werden sechs Menschen leicht verletzt. Ursache für den Unfall ist eine lose Stellmutter an der Verriegelung. Foto: dpa

    Selbst wenn nicht jeder von ihnen eine größere Reise plant, es gibt ja noch die anderen 75.000 Nutzer, die ihre Bahncard25 Gold schon früher gekauft haben. Von ihnen dürften auch einige in die Gruppe derjenigen fallen, die das Kärtchen für mindestens eine längere Fahrt nutzen wollen. Selbst wenn man kürzere Fahrten unterstellen würde oder die Tatsache, dass unter den Gold-Karten-Inhabern sogar einige Bahncard50-Fahrer sind, die für Tickets nur die Hälfte zahlen und jetzt auf Schnäppchenfahrten hoffen, scheint bei der Vielzahl von Kunden ein Umsatzverlust wahrscheinlich.

    Top-Jobs des Tages

    Jetzt die besten Jobs finden und
    per E-Mail benachrichtigt werden.

    Standort erkennen

      Dienstleister



      Alles in allem: Die Deutsche Bahn zahlt bei der Aktion wohl eher drauf. Dennoch kann sie sich die Maßnahme am Ende sogar auszahlen, denn der Marketingeffekt ist enorm. Für Reisende, die tagelang quasi kostenlos unterwegs sind, wird die Bahn unweigerlich zum sympathischsten Unternehmen Deutschlands. Doch aufgepasst: Am Ende der viermonatigen Gültigkeitsdauer der Bahncard25 Gold, die ja im eigentlichen Sinne auch einen 25-prozentigen Rabatt auf Tickets gewährt, wird die Probekarte automatisch in ein Jahresabo überführt.

      Es sei denn, der Nutzer kündigt. Die Bahn spekuliert mit Tausenden Nutzern, die hängen bleiben – freiwillig oder versehentlich.

      © Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
      Zur Startseite
      -0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%