WLAN im Zug Die Mogelpackung der Deutschen Bahn

Die Bahn verspricht bald auch für die zweite Klasse kostenloses WLAN – und hat sich ein Hintertürchen überlegt, wie sie die Kunden abkassiert.

In Kooperation mit der Deutschen Telekom bietet die Deutsche Bahn seit einigen Jahren WLAN an. Bis Ende 2016 soll jeder einzelne ICE in allen Klassen mit WLAN ausgestattet sein. Quelle: dpa

Nichts ist schöner als Bahnfahren. In Zukunft könnte dies sogar gelten, wenn Deutschland bei Europa- und Weltmeisterschaften gegen starke Gegner trifft. Denn Fahrgäste sollen die Spiele schon bald im Zug über das bahninterne WLAN streamen können. Noch in diesem Jahr.

Doch ganz so schön, wie sich Fahrgäste ihre Reise in der zweiten Klasse mit der Deutschen Bahn vorstellen, dürfte es wohl nicht werden. Denn hinter den vollmundigen Ankündigen des Bahn-Vorstands verstecken sich teure Überraschungen. Auf einem gemeinsamen Treffen zur „Digitalisierung des Schienenverkehrs“ mit Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt sagte Bahnchef Rüdiger Grube gestern: „Von einem bestimmten Datenvolumen an werden wir dem Kunden sagen müssen: Entweder du gehst auf eine langsamere Geschwindigkeit, oder ab dem Punkt X muss man das dann auch berechnen.“

WLAN mit begrenztem Datenvolumen? Gibt es sonst nirgends. Bei der Bahn bald schon.

Die Frage ist nun, wie hoch die kostenlose Flatrate ausfallen wird und ab wann die Bahn den Gebührenzähler anstellt. Dazu sagte Grube zunächst nichts. Klar dürfte aber sein: Ein 90-minütiges Fußballspiel im Live-Stream dürfte kaum möglich sein. Aber wird das Datenvolumen im Kostenlos-Paket dann wenigstens für die 40-minütige „Heute Show“ reichen? Oder aber wenigstens für 15 Minuten Tagesschau? Oder ein paar kurze Youtube-Videos?

Die Deutsche Bahn dürfte sich auf Ärger ihrer Fahrgäste gefasst machen. Denn seit einigen Jahren verspricht die Bahn, kostenloses WLAN noch in diesem Jahr auch in der zweiten Klasse einführen zu wollen. Nun rudert der Vorstand zurück. Bahnfahren und Internet gehören inzwischen aber für viele Kunden eng zusammen.

Wo Kunden zufrieden sind – und wo nicht
Pünktlichkeit: Jeder fünfte ICE kam 2015 mindestens sechs Minuten zu spät an. Die Leistungen entsprechen nicht annähernd den Zielen der Deutschen Bahn. Sie will in diesem Jahr eine Pünktlichkeitsquote von 80 Prozent erreichen, langfristig sogar auf 85 Prozent hoch kommen. Die Tendenz 2016 bleibt jedoch weiter schwach. Im Januar lag die Pünktlichkeitsquote bei 77 Prozent. Quelle: AP
Preise: Die Zeiten der jährlichen Preiserhöhung wegen „gestiegener Energie- und Personalkosten“ sind vorbei. Zumindest im Fernverkehr blieben die Preise seit zwei Jahren stabil - den Fernbussen sei Dank. 19-Euro-Sparpreise locken inzwischen selbst Schüler und Studenten. Die neue Devise des Vorstands: lieber volle Züge statt leerer Kassen. Preislich ist die Bahn inzwischen wettbewerbsfähig. Quelle: dpa
ICE-Restaurant: Leider ist die Küche zu oft kaputt. Mal bleiben die Getränke warm oder der Kaffee kalt. Mitunter fehlen die angepriesenen Snacks wegen schlechter Logistik. Dennoch: Wenn es läuft, dann ist ein Sitz im ICE-Restaurant der schönste Platz im Zug – gerne auch bei einem der guten Weine. Urheber: Volker Emersleben // Deutsche Bahn AG
WLAN: In der zweiten Klasse eines ICE ist WLAN noch immer nicht kostenlos und in der ersten Klasse funktioniert der Download alles andere als einwandfrei. Als 2010 zahlreiche ICE grundsaniert wurden, verzichtete das Unternehmen sogar auf den Einbau der WLAN-Technik. So viel Behäbigkeit wird nun bestraft. Die Fernbusse machen der Bahn in Sachen WLAN was vor. Erst Ende 2016 soll es auch im ICE besser werden. Viel zu spät. Quelle: dpa
Information: Schon mal in Bielefeld am Bahnhof gewesen? Seit Jahren fallen die Anzeigentafeln immer wieder aus. Bielefeld gibt es leider auch anderswo. Und wenn die Anzeigen am Bahnsteig funktionieren, dann korrespondieren sie oft nicht mit den Informationen der Bahn-Apps. In den Zügen sollte die Bahn mal ihre Durchsagen auf Relevanz überprüfen. Immerhin am Bahnsteig soll es bald Entwirrung geben. Die Bahn will Multi-Zug-Anzeigen einsetzen: mit drei Zügen auf dem Display. Das klingt gut. 40 von insgesamt 120 Fernbahnhöfen sind bereits umgerüstet. Quelle: dpa
Apps: Nicht jede Frage an @DB_Bahn beantwortet das Twitter-Team zwar zu voller Zufriedenheit. Dennoch zeigen die Twitterer der Deutschen Bahn, wie schnell und effektiv ein Konzern mit seinen Kunden kommunizieren kann. Eine starke Leistung. Auch der DB Navigator bietet echten Mehrwert. Die Deutsche Bahn beweist mit ihren Apps, dass auch traditionelle Konzerne digitale Maßstände setzen können.   Quelle: dpa
Lounges: Ein großzügiger Service für Vielfahrer: kostenloser Kaffee, Tee, Wasser und Softdrinks. In der ersten Klasse erhalten Fahrgäste auch Bier, Wein und Snacks. Leider ist die zweite Klasse oft zu voll. Die Deutsche Bahn prüft den Aufbau zusätzlicher Lounges in ein bis zwei Städten. Quelle: dpa
Freundlichkeit: Es gibt kaum noch pampige Schaffner und schon längst keine mehr, die das englische „th“ nicht mehr aussprechen können. In Sachen Freundlichkeit und Professionalität hat das Personal der Deutschen Bahn wirklich zugelegt. Als Dank sollte der Vorstand der Deutschen Bahn den Mitarbeitern endlich einen moderneren Look verpassen: Die Uniformen sind wirklich altbacken. Quelle: dpa

Die Deutsche Bahn hatte die WLAN-Technik im Zug ohnehin komplett verschlafen. Als ein Teil der ICE-Flotte 2010 für ein aufwendiges Renovierungsprogramm aus dem Verkehr gezogen wurde, verzichtete das Unternehmen auf den Einbau von WLAN-Router. Dann kamen 2013 die Fernbusse und machten der Bahn vor, was Kundenservice heißt.

Auch bei den eingebauten Signalverstärkern, die den Mobilfunkempfang der Fahrgäste im Zug erhöhen, machte die Bahn keine gute Figur. Sie setzte auf Technik der Deutschen Telekom, die die Wellen des eigenen D-Netzes verstärkten, andere Konkurrenten aber zum Teil schwächten. Die Deutsche Bahn lässt inzwischen neue Repeater entwickeln.

Ob die Bahn zudem bis Ende dieses Jahres wirklich jeden einzelnen ICE mit WLAN ausgerüstet hat, ist fraglich. Anfang des Jahres hatte Personenverkehrsvorstand Berthold Huber bereits angedeutet, dass einzelne Züge 2017 folgen könnten. Bahnchef Grube pfiff seinen Vorstandskollegen zurück. Jetzt gilt das WLAN-Versprechen wieder für alle Züge bis zum 31.12.2016.

Verspätungen würden aber wohl niemanden überraschen.

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