WPP-Chef Sir Martin Sorrell „Ich gehe nicht freiwillig in Rente“

Sir Martin Sorrell

Der weltgrößte Werbekonzern WPP erlebt den heftigsten Kurssturz seit 20 Jahren – ein harter Schlag für seinen ewigen Chef und Gründer Sir Martin Sorrell.

Man kann über Sir Martin ja sagen, was man will – um einen meist selbst-ironischen Spruch ist der Gründer und Herrscher des weltgrößten Werbekonzerns WPP nie verlegen. Nur zu gern gibt der kleingewachsene Mann, der mit seinem zig-Millionen-Gehalt Generationen von Anlegern auf die Palme trieb, den harten Hund, der er sicher auch ist. Von nichts kommt nichts.

Doch geht es um sein Geschöpf, sein Lebenswerk, den Londoner Werbe- und Kommunikationsriesen WPP, wird selbst der Schnellrechner Sorrell fast emotional. Fragt man ihn etwa – und das ist schon fast ein Ritual – wann er sich in seinem hohen Alter denn mal vom WPP-Chefsessel zurückzuziehen gedenke, schaut Sorrell einen aus seinen blauen Augen an. Schweigt kurz. Meint dann mit einem kleinen Lächeln, irgendwann werde das sicher mal der Fall sein.

Doch dann offenbart er die Verbindung zu seinem Unternehmen: Wer immer ihm nachfolge, sagt Sorrell dann, der werde es anders machen, wahrscheinlich sogar besser, denn er werde WPP nicht mehr so emotional verbunden sein wie er selbst. „Für mich“, sagt Sorrell mit einem leichten Lächeln, „für mich gilt in Abwandlung, was der frühere FC Liverpool-Trainer Bill Shankley einmal über Fußball gesagt hat: WPP ist keine Frage von Leben und Tod. Es ist mehr als das.“

Mehr als Leben und Tod – man muss nun nicht jede Silbe auf die Goldwaage legen, die Sir Martin spricht. Doch es steckt sicher eine gehörige Portion Wahrheit in der so scheinbar lässig dahingeworfenen Sentenz. Mit dem Bild vor Augen ahnt dann auch, wie und dass es dem erfahrenen Manager schwergefallen sein dürfte, die jüngsten Zahlen des Gebildes Wire and Plastic Products zu präsentieren, das er seit 1986 aus kleinen Anfängen in kühnen Beutezügen und halsbrecherischen Manövern zu dem Giganten formte, der es heute ist.

Ein Gigant allerdings, dessen Problem genau das zu sein scheint – er ist halt verdammt groß. Das Schaubild, das lange im Eingangsbereich der unscheinbaren Konzernzentrale in Londons Edelviertel Mayfair hing, muss praktisch jedes Jahr neu sortiert werden. Mehr als 400 Einzelmarken gehören heute zu WPP, mehr als 200.000 Mitarbeiter beschäftigt der Koloss, in mehr als 110 Ländern macht er Geschäfte.

Mit der Aufstellung trifft Sorrell auf einen Medienmarkt, der sich derzeit so schnell umkrempelt wie nie zuvor. In dem Google, Facebook und auch Amazon – Konzerne, die Sorrell einmal als Frienemies bezeichnete, Freunde und Feinde zugleich – immer mehr Werbemilliarden direkt an sich ziehen. Das geht auf Kosten der Mittler, wie sie eben unter dem Dach nicht nur von WPP sondern auch von Sorrells Konkurrenten wie Publicis zusammengeschlossen sind.

Bei allen Mängeln und aller Kritik an fehlender Transparenz verheißen sie ihren Werbekunden neben dem direkten Draht zum zunehmend untreuen Kunden ein Maß an Einfachheit. Die Kunden wiederum geben sich skeptisch wie lange nicht. Konsumgüterkonzerne wie Procter & Gamble oder Unilever kürzen ihre Ausgaben, vor allem die im Digitalgeschäft. Im Marketing wird jeder Cent auf seine Wirksamkeit überprüft, gedreht, gequetscht und optimiert, der Kostendruck an Dienstleister weitergegeben.

Sorrell hat das längst erkannt. Unter dem Schlagwort „horizontality“ ließ er quer durch seine Agenturmarken Teams aufbauen für anspruchsvolle Kunden. Versucht den Konzern zu ordnen, Schneisen zu ziehen und legt einst eigenständige Marken zusammen wie gerade die PR-Größen Burson-Marsteller und Cohn & Wolfe. Und dürfte sich nun fragen, ob er schnell genug handelt beim Umbau und der Integration. Was nun folgt? Vielleicht fällt Sir Martin ja ein, was er, der gerade erst seinen 73. Geburtstag beging, einmal sagte: „Ich gehe nicht freiwillig in Rente. Erst dann, wenn man mir sagt: Martin, du hast genug Schaden angerichtet, es ist Zeit zu gehen.“

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