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Energiewende-Vorbild London Deutschland sollte von den Energiewende-Ambitionen der Briten lernen

Quelle: REUTERS

Deutschland könnte seine Pionierrolle bei der Energiewende einbüßen, warnt die Chefin der RWE-Sparte für Erneuerbare Energien, Anja-Isabel Dotzenrath. Vorbild sei die Politik in Großbritannien – und die Insel für RWE Renewables der wichtigste Markt. 

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Boris Johnson hat einen Lauf. Nicht nur beim Impfen gegen das Coronavirus treibt der Premier die EU vor sich her. Auch bei der Energiewende hat London die europäische Führungsrolle übernommen. So kündigte Johnson kürzlich an, dass die Menge an Strom, die in Windanlagen auf dem Meer gewonnen wird, bis 2030 vervierfacht werden solle – auf 40 Gigawatt. Das entspräche der Leistung von etwa 40 Atomkraftwerken. Das Land solle so zum „Saudi-Arabien“ der Windenergie aufsteigen, sagte Johnson.

Anja-Isabel Dotzenrath hält das nicht für übertrieben. Die Chefin der RWE-Tochter für Erneuerbare Energie lobt die Energiepolitik des britischen Premiers ausdrücklich. „Großbritannien hat weltweit mit Abstand die ambitioniertesten Ausbauziele für Offshore-Wind“, sagt Dotzenrath im Podcast „Chefgespräch“ der WirtschaftsWoche. London habe sich „durch mutige Schritte in eine sehr gute Position gebracht“. Großbritannien sei in Sachen Regulierung und Ambitionslevel „vorne“.  

RWE Renewables ist der zweitgrößte Offshore-Windenergieproduzent der Welt und mit seinen Solar- und Windkraftprojekten in 20 Ländern aktiv. Nun soll England neues Wachstum bringen. „England ist für uns ein sehr wichtiger Markt“, sagt Dotzenrath. Gerade konnte RWE zwei Prestigeprojekte gewinnen. Das Essener Unternehmen darf in den kommenden Jahren zwei Offshore-Windparks bauen – rund 110 Kilometer entfernt von der Küste im Nordosten der Insel. Die Windräder sollen eine Leistung von drei Gigawatt produzieren, so viel wie drei Großkraftwerke. 



Ein „Krimi“ sei die Ausschreibung gewesen, sagt Dotzenrath. Für das Recht zur Nutzung der Seefläche habe RWE die Bieterstrategie mehrfach angepasst. Dabei hätten ihre Experten zig Koordinaten berücksichtigen müssen: etwa Wassertiefe, die Beschaffung des Meeresboden, Artenschutz und auch die Frage, welche Technologie nach 2025 zur Verfügung steht, um den Windpark zu bauen. 

Dotzenrath lobt vor allem den britischen Regulierungsansatz. London setzt auf so genannte Differenzverträge. Beim Bau eines Offshore-Windparks gewinnt derjenige, der den niedrigsten Preis pro Megawatt Strom bietet. Angenommen, der Gewinner einer Auktion böte 50 Euro pro Megawatt: Läge der Marktpreis in Zukunft beispielsweise bei 45 Euro, bekäme der Betreiber dann eine Subvention in Höhe fünf Euro pro produziertem Megawatt; läge er bei 55 Euro, dann müsste der Betreiber fünf Euro an den Staat zurückführen. „So stellt man sicher, dass es keine Überförderung der Projekte gibt“, sagt Dotzenrath im WiWo-Podcast. Man erreiche so Umsatzstabilität, geringe Finanzierungskosten – und die günstigsten Preise für die Endkunden. Inzwischen sei die britische Regulierung Blaupause für andere Länder wie Polen und Frankreich. 

Und Deutschland? Sollte von den Ambitionen der Briten lernen. Deutschland würde mit dem britischen Regulierungsrahmen „gut fahren“, sagt sie. Aktuell würden Windkraftprojekte quer durch die Bundesrepublik aber stark ausgebremst. Tatsache sei, dass die Windkraft an Land „in einer Ausbauflaute steckt“, sagt Dotzenrath. Es werde „ewig lange geklagt“, und Flächen zum weiteren Ausbau fehlten. Alle Beteiligten sollten die Energiewende als „gesamtgesellschaftliche Aufgabe“ begreifen. „Sonst werden wir das 2050-Ziel von Klimaneutralität nicht erreichen.“ Deutschland müsse massiv in die Infrastruktur investieren, mehr Speicher bauen, Genehmigungsverfahren beschleunigen – und einen besseren Regulierungsrahmen nach dem Vorbild der Briten verfolgen. 

London macht auch in anderer Hinsicht Druck. Die Regierung in London hat kürzlich das geplante Verbot von neuen Fahrzeugen mit Verbrennungsmotoren von 2040 auf 2030 vorgezogen. So möchte die Regierung die Energiewende beschleunigen und hofft offenbar auch darauf, in der Post-Brexit-Realität Großbritannien ein weiteres Alleinstellungsmerkmal zu verpassen: das eines Pioniers bei der E-Mobilität.

Und den Briten ist in den vergangenen Jahren, beinahe unbemerkt, etwas Erstaunliches gelungen: der beinahe vollkommene Ausstieg aus der Kohle. Noch 2012 wurden knapp 40 Prozent des britischen Stroms mit Kohle erzeugt. Bereits heute spielt Kohle kaum noch eine Rolle mehr. Als im vergangenen Jahr wegen der Coronapandemie der Energiebedarf sank, war mehr als zwei Monate lang gar keine Kohle mehr im britischen Energiemix vorhanden. Spätestens 2025 soll das letzte britische Kohlekraftwerk abgeschaltet werden.

Dazu beigetragen hat der sogenannte „carbon price floor“, der 2013 in Kraft getreten ist. Dieser Mechanismus sorgte dafür, dass der CO2-Preis nie unter eine festgelegte Schwelle fällt. Da bei der Verbrennung von Kohle viele Treibhausgase entstehen, verteuerte sich die Produktion von Kohlestrom dadurch über Nacht. Die weniger klimaschädlichen Gaskraftwerke des Landes, die damals zum Teil nur schwach ausgelastet waren, wurden dadurch rentabel. Der Mindestpreis sorgte, gemeinsam mit großzügigen Fördermitteln, für zusätzliche Planungssicherheit bei Investitionen in die saubere Energiegewinnung.

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Kritiker bemängeln, dass die derzeitigen Maßnahmen noch nicht ausreichten, um sämtliche angepeilten Ziele zu erreichen. Dennoch hat sich Großbritannien damit zumindest schon einmal Ziele gesteckt, von denen beispielsweise Deutschland noch meilenweit entfernt ist.

Gibt es möglicherweise gar ein Comeback der CO2-freien Atomenergie? Dotzenrath hält davon wenig. „Ich glaube nicht daran, dass Kernenergie die Lösung in der Zukunft ist“, so ihre Schlussfolgerung im WiWo-„Chefgespräch“. Dafür sei die Technik „viel zu teuer“. Dotzenraths Credo: „Wir brauchen die Kernenergie nicht mehr.“

Mehr zum Thema: RWE ist der zweitgrößte Offshore-Windenergieproduzent der Welt. RWE-Renewables-CEO Anja-Isabel Dotzenrath beklagt die schleppende Energiewende in Deutschland, lobt Boris Johnson – und hält wenig von einem Comeback der Atomenergie. Hören Sie hier den „Chefgespräch"-Podcast mit Dotzenrath.

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