Air Berlin Gläubiger scheuen die Anreise

Nur wenige Gläubiger reisen zum ersten Treffen der insolventen Airline, geht es doch zunächst nur um eine Tochtergesellschaft. An diesem Donnerstag dürfte es voller werden – und wohl auch lauter.

Air Berlin: Gläubiger scheuen die Anreise Quelle: dpa

Berlin/FrankfurtAkkurat wie Zinnsoldaten hatten die Mitarbeiter des Estrel Congress Centers in Berlin die 4200 Stühle aufgestellt und zur Bühne ausgerichtet. Im Saal hätten doppelt so viele Menschen Platz gefunden als sich angemeldet hatten. Tatsächlich gekommen sind am Ende sogar nur rund 300. Die erste nicht öffentliche Versammlung aller Gläubiger des insolventen Air Berlin – bislang hat lediglich der Gläubigerausschuss getagt – findet nur ein überschaubares Interesse. Schließlich geht es an diesem Mittwoch zunächst um die Insolvenz des untergeordneten Unternehmens Air Berlin Luftverkehrs KG. Erst für den Donnerstag sind die Gläubiger der Muttergesellschaft Air Berlin plc sowie die Anleihegläubiger geladen. Dann dürfte deutlich mehr los sein.

Dennoch hat man auf Seiten von Air Berlin vorgebaut. Die vielen Sitzplätze seien eine Vorsichtsmaßnahme, begründet Unternehmenssprecher Ralf Kunkel die üppige Bestuhlung am Rande der Veranstaltung. Weil es keine Anmeldepflicht gegeben habe, hätte theoretisch jeder der rund eine Million Gläubiger zur Versammlung nach Berlin kommen können. So haben viele Fluggäste zwar Ansprüche gegen die Luftverkehrs KG, etwa wegen ausgefallener Flüge. Doch nur wenige machen sich tatsächlich die Mühe, an diesem Mittwoch in die Bundeshauptstadt zu reisen. Unter ihnen ein älterer Herr mit einem nur kurzen Weg innerhalb von Berlin. Seinen Namen möchte er nicht preisgeben, sein Leid schon: „Ich hatte bei Niki eine Reise über Silvester nach Madeira gebucht, die wegen der Insolvenz ausgefallen ist.“ Seine Hoffnung, ein paar Euro der bezahlten Flugtickets wiederzusehen, sei jedoch gering. Wohl auch deshalb kamen viele erst gar nicht.

Kurz nach zehn Uhr betritt Lucas Flöther, noch sichtlich erschöpft vom langen Verhandlungsmarathon beim Verkauf der Air Berlin-Tochter Niki in Österreich, die Bühne. Es ist der erste größere Auftritt in seiner (fast) neuen Rolle. Bislang war Flöther Sachwalter im Insolvenzverfahren unter Eigenregie. Sprich: Flöther beaufsichtigte die Abwicklung des Verfahrens, kümmerte sich zudem um die Verwertung der Vermögenswerte. Operativ wurde Air Berlin aber weiter von Thomas Winkelmann, CEO des Unternehmens, sowie dem vom Amtsgericht berufenen Generalbevollmächtigten Frank Kebekus geführt. Seit Donnerstag vergangener Woche ist aus der Insolvenz in Eigenregie ein normales Insolvenzverfahren geworden. Nun hat Flöther alleine das Sagen.

Ausführlich informiert er die Gäste über den Stand des Verfahrens. Im August vergangenen Jahres hatte die einst zweitgrößte deutsche Airline Insolvenz anmelden müssen. Großaktionär Etihad aus Abu Dhabi verweigerte die finanzielle Unterstützung, obwohl man diese in einem Schreiben an die Wirtschaftsprüfer von KPMG noch wenige Wochen zuvor zumindest bis September 2018 zusagt hatte. Ein staatlich verbürgter Kredit der KfW über 150 Millionen Euro sicherte bis Ende Oktober den Betrieb von Air Berlin. Mittlerweile ist die Tochter LGW bei Lufthansa gelandet, Easyjet sicherte sich Teile des Berlin-Geschäfts, und am Dienstag schließlich bekam Rennfahrer-Legende Niki Lauda die von ihm einst gegründete Niki zurück. Ein Kraftakt für Flöther, Kebekus und Winkelmann sowie deren Teams. Dass dieser wohl nicht ausreichen wird, um ausreichend Mittel zu beschaffen für die Tilgung des Kredits – nur rund 70 Millionen Euro konnten bislang zurückgezahlt werden – ist bitter, auch für die Gläubiger. Denn auch wenn noch keine Quote für die Befriedigung der Ansprüche genannt werden kann, fest scheint zu stehen: Die meisten Gläubiger werden von ihrem Geld wohl wenig bis gar nichts wiedersehen.

Das bringt nicht zuletzt die Anleihe-Besitzer mächtig auf die Palme. Sie werden deshalb am Donnerstag auf ihrem Treffen wohl versuchen, einen Antrag durchzubringen, mit dem Flöther beauftragt wird, rechtlich gegen Etihad wegen des Wortbruchs bei der Finanzierung von Air Berlin vorzugehen. Flöther und sein Team sind bereits seit längerem dabei, die rechtlichen Möglichkeiten für einen solchen Schritt auszuloten. Einfach dürfte der nicht werden. Denn zum einen hatte Air Berlin selbst im Geschäftsbericht vermerkt, dass die „Patronatserklärung“ von Etihad im Zweifel schwer durchsetzbar sei. Zum anderen müsste ein Rechtsanspruch – sollte er denn tatsächlich richterlich festgelegt werden – auch vollzogen werden. Das Geld müsste also eingetrieben werden. All das kostet, und diese Kosten gehen zu Lasten der Masse von Air Berlin. Die aufsehenerregende Pleite von Air Berlin dürfte also noch weiter für viel Gesprächsstoff sorgen.

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