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Coronavirus Werden jetzt chinesische Produkte knapp?

Eine Verkäuferin demonstriert einen einfachen Papier-Mundschutz. Quelle: REUTERS

Das Coronavirus frisst sich in die weltweiten Lieferketten. Das spüren nicht nur Autohersteller und ihre Zulieferer, sondern auch der Handel und die Agrarwirtschaft. Wo leere Regale drohen – und wo Konsumenten gelassen bleiben können.

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Es klang nach einer frohen Botschaft: „China erneut Deutschlands wichtigster Handelspartner“, meldete das Statistische Bundesamt Mitte Februar. Im vergangenen Jahr wurden demnach Waren im Wert von fast 206 Milliarden Euro zwischen den beiden Ländern gehandelt. Aus keinem anderen Land der Welt bezieht Deutschland so viele Waren wie aus der Volksrepublik. Die Importe von dort legten um 3,4 Prozent auf fast 110 Milliarden Euro zu. Doch spätestens seit der Eskalation der Corona-Krise wird deutlich, dass die enge Verflechtung auch negative Folgen haben kann. Die seit Wochen durch den krankheitsbedingten Stillstand in China unterbrochenen Lieferketten bekommen nicht nur Autohersteller und ihre Zulieferer zu spüren, sondern auch der Handel und die Agrarwirtschaft. Drohen bald also leere Regale in Supermärkten und bei Discountern, weil der Nachschub fehlt?

Entwarnung gibt es zumindest für die Lebensmittelversorgung. Dort spielen chinesische Produkte insgesamt nur eine untergeordnete Rolle. Lediglich bei Obst- und Gemüsekonserven, Gewürzen und Fisch sind chinesische Einfuhren mengenmäßig relevant, geht aus der Außenhandelsstatistik hervor. Bekannt ist, dass China etwa einer der weltweit größten Hersteller von Tomatenmark und größter Exporteur von Knoblauch ist.

Frisches Obst, Gemüse oder Fleisch kommt dagegen schon aufgrund der Entfernung selten aus der Volksrepublik. Handelsunternehmen bestätigen das. So sei „die Relevanz von China als Lieferant von Lebensmitteln“ für den Großhandelskonzern Metro „eher gering“, sagt ein Sprecher des Unternehmens. Derzeit gebe es auch „keinen Engpass beim Import von Lebensmitteln aus China nach Europa“. Problematisch seien aktuell nur die ohnehin kritischen Produktkategorien wie Atemmasken, die aus China geliefert werden. Im Bereich von Nonfood seien Bestellungen für Frühjahr und Sommer, etwa Grills oder Ventilatoren bereits auf dem Weg. Auch dort drohe kein Engpass, heißt es bei Metro.

Schwieriger ist die Lage in der Bekleidungsindustrie. Denn China spielt für Europa eine wichtige Rolle als Bekleidungslieferant. Im ersten Halbjahr 2019 kamen Kleidungsstücke mit einem Einfuhrwert von gut drei Milliarden Euro direkt aus dem Land nach Deutschland. Darüber hinaus liefert China auch Vormaterialien wie Stoffe oder Knöpfe an andere Hersteller, etwa in Bangladesch oder Vietnam. Dadurch könnte es im Frühjahr erste Lücken bei Bekleidungsketten geben. So warnte der Billiganbieter Primark bereits vor drohenden Versorgungsproblemen.

Lücken in den Regalen drohen auch in China selbst. Grund dafür seien vor allem gestörte Logistikprozesse, erklärt Holger Hübner, Geschäftsführer der Export-Förderorganisation Gefa (German Export Association for Food and Agriproducts). So habe sich das Entladen von Produkten in Häfen stark verlangsamt und es gebe nur wenige freie Slots für Kühlcontainer. In den Häfen übernehmen Importunternehmen normalerweise die Container, sobald sie eintreffen. Mehrere chinesische Häfen haben jedoch keine Kapazitäten für mehr Kühlcontainer, da nur wenige Empfänger sie abholen. Auch die Transporte ins Inland sind unterbrochen und große Kühlhäuser für die Verteilung wurden teils geschlossen. Die Folge: „Laufende Lieferverträge können nur langsam erfüllt werden, so dass die Warenbestände in Deutschland wachsen“, sagt Hübner. Auch der Export in andere asiatische Länder sei indirekt durch die eingeschränkte Containerverfügbarkeit betroffen.

Unter der Gemengelage leiden etwa Fleischproduzenten wie der US-Gigant Tyson Foods. Auch Deutschlands größter Schweineschlachter Tönnies bekommt nach Angaben eines Unternehmenssprechers die Einfuhrschwierigkeiten zu spüren.

Dabei war der Bedarf in dem Land 2019 durch den Ausbruch der afrikanischen Schweinepest extrem gestiegen. China hatte den Schweinebestand um fast die Hälfte dezimiert, wodurch die Schweinefleischpreise und Importmengen drastisch stiegen. Das Coronavirus bremst nun jedoch die chinesische Nachfrage, „weil die Leute zu Hause bleiben und gesellschaftliche Zusammenkünfte absagen müssen“, so Gefa-Chef Hübner. Besonders betroffen seien Produkte für den gesamten Markt der Außer-Haus-Verpflegung, also etwa für Restaurants und Kantinen. „Insofern ist aktuell ein stärkerer Rückgang von Bestellungen erkennbar, dessen Ausmaße allerdings bisher nicht konkret beziffert werden können“, sagt Hübner.

Mit einer Ansteckung über chinesische Lebensmittel ist nach den Worten von Agrarministerin Julia Klöckner übrigens nicht zu rechnen. „Nach derzeitigem Wissensstand ist es unwahrscheinlich, dass importierte Waren wie Lebensmittel die Quelle einer Infektion mit dem neuartigen Coronavirus sein könnten“, sagte Klöckner jüngst. Hauptgrund dafür sei die relativ geringe Umweltstabilität der Viren, erläuterte Klöckner unter Verweis auf Einschätzungen des Bundesinstituts für Risikobewertung.

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