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Das Geschäft mit dem Pfand „Ich glaube, dass viele Soforthilfen zweckentfremdet werden“

Quelle: imago images

Pfandkredite sollten in Zeiten von Krise und Kurzarbeit boomen. Doch seit Corona ist alles anders: Die Leute zahlen ihre Kredite ab. Pfandhändler York Waterkott erzählt im Interview, wie das zusammenpasst.

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Wer schnell Geld braucht, kann sein Auto gegen einen Kredit verpfänden. York Waterkott ist Prokurist beim Düsseldorfer KfZ-Pfandhaus Car&Art und hilft klammen Leuten seit mehr als zehn Jahren durch finanzielle Engpässe, in dem er ihr Auto beleiht. Seine Leidenschaft für Autos spiegelt sich in seinem Büro wider. Auf den Fenstersimsen sind unzählige Modellautos aufgereiht, von seinem Arbeitsplatz blickt er über einen Billardtisch auf Meilensteine der Automobilgeschichte: In dem verglasten Vorbau stehen unter anderem der britische Sportwagen-Klassiker Austin Healey, ein Rolls Royce und ein alter Jaguar-Rennwagen. Das Geschäft scheint durchaus lukrativ zu sein. Eigentlich sollte in Waterkotts Pfandhaus wegen der Krise die Hölle los sein. Doch aktuell verpfändet kaum jemand seinen Wagen. Im Interview erzählt er, wer seine Schnellkredite in Anspruch nimmt und warum ausgerechnet jetzt mehr Autos abgeholt werden.

WirtschaftsWoche: Ihre Garage sieht fast aus wie ein Museum. Werden zu Ihnen nur Luxusautos gebracht?
Yorck Waterkott: Das ist nur ein Hobby, mit dem Pfandgeschäft hat das nichts zu tun. Die Autos, die zu uns gebracht werden, stehen in Garagen. Schließlich will man nicht, dass sein Auto bei einem Pfandhaus gesehen wird. Da ist alles dabei, vom Golf 1 bis zum Carrera GTS.

Wie läuft das ab, wenn ich von Ihnen einen Kredit möchte?
Sie kommen, zeigen uns das Auto und wenn die Werthaltigkeit stimmt, können sie nach zehn Minuten mit 50.000 Euro rausspazieren. Das Darlehen bekommen unsere Kunden für drei Monate. Wenn dann nicht genug Geld da ist, können sie die Frist gegen Zahlung der Gebühren um drei weitere Monate verlängern. Bei 10.000 Euro sind das zum Beispiel 1470 Euro. Meldet sich ein Kunde allerdings bis sechs Wochen nach der Frist nicht zurück, wird sein Wagen versteigert. Das passiert aber nur bei ungefähr 25 Prozent, der Rest holt die Autos meistens schon vor Ablauf der Frist wieder ab. Wir wollen auch gar nichts wissen: Auto, Fahrzeugbrief und Schlüssel, das ist für uns wichtig. Einen Schufa-Eintrag gibt es für so einen Kredit auch nicht.

Schnelles Geld und kein Papierkram. Das klingt, als würde es zwielichtige Gestalten anlocken. Wer bringt denn sein Auto zu Ihnen?
Es gibt ja einige Vorurteile über Pfandhäuser. Aber zu uns kommt nicht der Lude mit dem Ferrari, sondern ganz normale Leute. Von der alleinerziehenden Mutter, die ihre Stromrechnung nicht bezahlen kann, bis zum erfolgreichen Börsenmakler, der gerade nicht liquide ist. Wir helfen jedem, der Geld braucht. Die meisten sind aber selbstständig und brauchen das Geld kurzfristig und für ganz bestimmte Sachen. Zum Beispiel bekommen sie eine Überweisung vom Kunden nicht rechtzeitig, müssen ihren Mitarbeitern aber Gehälter bezahlen, oder neues Material bestellen.

Dann dürfte bei Ihnen jetzt gerade Hochkonjunktur sein, richtig?
Ich mache das jetzt seit zehn Jahren und habe schon viel erlebt. Dass ehemalige Totalschäden, die in Hinterhofwerkstätten zusammengeflickt wurden, hier als einwandfreier Wagen angeboten werden, gehört noch zu den normaleren Dingen. Aber was gerade passiert, hätte ich nicht erwartet – die Leute bringen nicht mehr Wagen zu uns. Im Gegenteil: Seit ein paar Wochen werden ungewöhnlich viele Autos abgeholt.

Aber gerade Selbstständige sind doch die Verlierer der Krise. Wie können sie sich das leisten?
Dass jetzt so viel abgeholt wird, ist schon erstaunlich, auch wegen bewährter Erfahrungswerte. Mit der Zeit kriegt man ein Gespür, wen man wiedersieht und wen nicht. Wir haben hier Autos stehen, bei denen der Kredit seit zwei Jahren immer wieder verlängert wird. Das ist natürlich totaler Blödsinn: Die haben den Kredit schon drei Mal abgezahlt, aber nie das Geld, um den Wagen auszulösen. Wir sind ja froh, dass jetzt mehr abgeholt wird. Aber wenn mehrere dieser Autos plötzlich ausgelöst werden, ist das schon seltsam. Vielleicht liegt es daran, dass die Leute kein Geld ausgeben konnten. Aber ich glaube, dass auch viele Soforthilfen zweckentfremdet werden.

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In Krisenzeiten herrscht bei KfZ-Pfandhäusern gewöhnlich Hochkonjunktur. Doch statt ihren Wagen zu beleihen, lösen viele Selbständige jetzt Autos aus, die schon vor Corona verpfändet waren. Fließen hier etwa Staatshilfen?

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