Die Letzten ihrer Art: Werden die berühmten Darßer Türen bald nicht mehr hergestellt?
Manche Sätze dieses Künstlers klingen, als hätte er sie nach langem Überlegen in ein Holzschild geschnitzt. Da warten sie dann, auf Antwort, geduldig und wetterfest, aber eben auch: vergebens.
„Das traditionelle Handwerk des Tischlers stirbt aus“, sagt René Roloff, „obwohl viele junge Leute gerne das machen würden, was wir machen". Wir, das sind sein jüngerer Bruder Dirk und er, 55 und 59 Jahre alt.
Im Ostseebad Prerow, zwischen Rostock und Greifswald, stellen die Roloffs in Handarbeit kunstvoll geschnitzte und bunt bemalte Türen her. Auf dem Darß, wie man hier sagt, sind die Brüder nach der Wende die Letzten, die die gleichnamigen Türen auf traditionelle Weise herstellen.
Sie allein erstellen die Entwürfe, die Ornamente und Verzierungen; sie wählen das Holz, die Farben und bemalen endlich die Türen. Ganz ähnlich wie es bereits ihr Ururgroßvater getan hat.
Damals galt eine Darßer Haustür als Statussymbol. Nur Wohlhabende konnten sie sich leisten. Zu den beliebtesten Motiven gehören Sonnen, Tulpenstrauße, Blüten, Schiffe, Schwäne und – seit einigen Jahren – auch Kraniche. Symbole des Glücks, wie Roloff erklärt.
Eine echte Darßer Tür herzustellen, braucht daher vor allem: Zeit. Maximal zehn neue Türen können die Brüder pro Jahr fertigen. Die Nachfrage ist viel größer, denn ihre Kundschaft kommt von überall. „Jeder Zweite wohnt nicht auf dem Darß, sondern im Rest von Deutschland. Manche sogar im Ausland", sagt Roloff.
Die Preisspanne reiche dabei von 1000 Euro für eine schlichte Tür bis zu 10.000 Euro und mehr. Finanziell sei bei der Arbeit auch viel Idealismus dabei, sagt Roloff. „Der künstlerische Anteil der Arbeit lässt sich oft nur schwer in Rechnung stellen, viele haben Preislimits.“
Für eine echte, qualitativ hochwertige Darßer Tür kommt es auf die Auswahl des Holzes an, erklärt Roloff. Die Brüder haben dabei extreme Ansprüche: Im Winter muss das Holz Temperaturen bis zu minus 10 Grad Celsius aushalten, im Sommer heizen sich die Türen je nach Farbe bis zu 80 Grad auf. „Fast 100°C Temperaturdifferenz an der Oberfläche ertragen aber nur wenige Hölzer“, erklärt der Fachmann.
Früher haben sie Kiefernholz vom Darß verwendet, das geht heute nicht mehr. Zum einen, weil die Ansprüche der Kunden gestiegen sind, zum anderen, weil der Wald auf dem Darß fast vollständig zum Nationalpark Vorpommersche Boddenlandschaft gehört. Die Waldbewirtschaftung wurde eingestellt. Das Holz kommt deshalb heute aus Südostasien: Meranti, Tropenholz, zertifiziert aus Plantagen, betont Roloff, auch wenn er noch nie vor Ort war.
Das Hauptproblem aber ist: Die Brüder finden keinen Nachfolger. Ihre Kinder zeigen kein Interesse und ausbilden können sie in ihrem kleinen Betrieb auch nicht.
In Deutschland gibt es nur den Tischler als Berufsbezeichnung. In der Ausbildung sind Stationen bei Möbel-, Treppen-, Fensterbaufirmen und der Industrie vorgeschrieben. „Das können wir nicht anbieten“, sagt Roloff, und kritisiert diesen umfassenden Ansatz: „Moderne Lehrlinge können nicht selten alles, aber nichts richtig.“
Stattdessen wünscht sich Roloff verschiedene spezialisierte Berufsabschlüsse im Tischlerhandwerk, damit die handwerklichen Fähigkeiten lebendig bleiben, wie zum Beispiel in Frankreich. Andernfalls würden Tischler wie er bald buchstäblich nach und nach aussterben, sagt er, ähnlich wie Schuhmacher und Goldschmiede. Und damit ginge auch das Wissen um die Darßer Türen verloren. Für immer.
„Die Letzten ihrer Art“ ist ein Format der WirtschaftsWoche in der Reihe „Leben“. Jeden Monat porträtieren wir an dieser Stelle Unternehmen, die in ihrer Branche einzigartig sind, und viel Wert auf Handarbeit und Tradition legen.
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