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Foto: Kreis Ledermanufaktur

Die Letzten ihrer ArtWie ein kleiner Lederhersteller aus Offenbach die Welt erobert

Bis in die 1970er Jahre gab es in Offenbach 200 lederverarbeitende Betriebe, heute ist fast keiner mehr übrig. Einer, der es geschafft hat, ist die Kreis Ledermanufaktur. Das Erfolgsrezept ist älter als der Betrieb.Felix Petruschke 26.11.2023 - 11:25 Uhr

Wie können Kunden gutes von schlechtem Leder unterscheiden? Woran erkennt man, ob ein Geldbeutel aus hochwertigen Materialien besteht, von Hand vernäht oder nur synthetisch zusammengeleimt wurde? Es sind überlebenswichtige Fragen für einen Betrieb, dessen einzige Daseinsberechtigung darin besteht, ausschließlich Qualitätsware herzustellen. Aber Bernd Kreis, der Besitzer der Kreis Ledermanufaktur, hat darauf eine überzeugende Antwort.

„Vertrauen Sie ihren Sinnen. Wenn sie ein warmes und haptisch gutes Gefühl haben, dann liegen sie mit 95 Prozent richtig. Wenn sich das Material anfühlt wie ne Plastiktüte, handelt es sich oft um minderwertiges Spaltleder, das mit einer Kunststofffolie kaschiert wird“, sagt der 59-Jährige. „Leider darf aber beides als Echtleder verkauft werden.“

Die Erfolgsgeschichte der Kreis Ledermanufaktur beruht auf der Fertigung von Ledergürteln. Nicht irgendwelchen Gürteln, sondern den hochwertigsten weltweit. Wer zum Beispiel in der Münchner Kaufingerstraße den Herrenausstatter Hirmer betritt, findet im 1. Stock eine holzvertäfelte Wand mit lauter handgefertigten Produkten von Kreis, zum Teil können diese vor Ort individuell angepasst werden.

Foto: WirtschaftsWoche

1963 gründete Erich Kreis, Vater des heutigen Besitzers, die Manufaktur. Damals brummte in Offenbach und der Region das Geschäft mit Lederprodukten aller Art, doch innerhalb weniger Jahre brach vielen die Geschäftsgrundlage unter den Händen weg: Während die Mehrheit der Firmen sich auf einen ruinösen Preiskampf mit asiatischen Herstellern einließ, ging Kreis den umgekehrten Weg. Seine Maxime: Ausschließlich Produkte von exzellenter Qualität herstellen.

Foto: WirtschaftsWoche

Das Ergebnis kann sich tragen lassen: „Die Griffe von Aktentaschen werden von Hand genäht, die Kanten geschliffen, mit einer Beize gefärbt, und dann mit Wachs poliert – so bekommt das Leder Transparenz und Tiefe“, erklärt Bernd Kreis stolz.

Er ist 1998 in den Ein-Mann-Betrieb seines damals 68-jährigen Vaters eingestiegen und hat die Firma binnen weniger Jahre für Fachhändler auf der ganzen Welt bekannt gemacht. „Mir war klar: Wenn der Betrieb mal geschlossen wird, fange ich es alleine nicht mehr an“, sagt er rückblickend. Heute beschäftigt die Firma 16 Mitarbeiter, so viele wie noch nie.

80 Prozent der Kreis-Produkte gehen in den deutschen Facheinzelhandel, darunter auch das Warenhaus Manufactum. Rund 20 Prozent verkauft die Firma ins Ausland, vor allem an spezialisierte Einzelhändler in Japan und den USA. Das Hauptgeschäft macht Kreis nach wie vor mit Gürteln. Für die Herstellung sind nur wenige Produktionsschritte und nur wenige Einzelteile erforderlich. Das ermöglicht es der Firma, die allermeisten Gürtel erst auf Bestellung herzustellen. Aber auch das Geschäft mit edlen Aktentaschen und Geldbörsen entwickelt sich konstant.

Foto: WirtschaftsWoche

Auf seiner Website bietet Kreis aber auch einen Konfigurator, mit dem Kunden den Gürtel selbst anpassen können. Jeder Kunde bekommt dann ein Ledermuster per Post zugeschickt, damit er (oder sie) das Material, die Farbe und die Haptik noch einmal überprüfen kann. Erst danach wird die Bestellung angenommen. Kreis sieht den Online-Shop allerdings mehr unter Marketing-Gesichtspunkten. Überragende Bedeutung für die Gewinnung neuer Kunden hat für ihn die italienische Fachmesse Pitti Uomo, auf der das Unternehmen regelmäßig ausstellt.

Foto: WirtschaftsWoche

Entscheidend sei vor allem, dass gutes, strapazierfähiges Leder nur durch eine artgerechte Haltung erreicht werden kann. Ein Tier das schnell gemästet wird und wenig Bewegung hat, entwickelt eine andere Haut als ein Tier, das in natürlicher Umgebung aufwächst, erklärt der Experte.

Jedes Leder hat für Kreis seine eigene Persönlichkeit, die nur der Fachmann erkennen kann. Schließlich hat es früher einmal gelebt. Nur wenn man behutsam und von Hand mit ihm arbeitet, könne man die Feinheiten und Unterschiede erkennen, sagt er. Auch das Alter spiele eine wichtige Rolle: „Tiere werden – genau wie Menschen – mit den Jahren buchstäblich dünnhäutig“, sagt er augenzwinkernd. Für die Herstellung von Geldbeuteln und Ledertaschen – für die bis zu 40 Einzelteile nötig sind – kommt es deshalb noch mehr auf die richtige Verarbeitung und das beste Material an. Viele Mitarbeiter von Kreis sind ausgebildete Feintäschner.

Foto: WirtschaftsWoche

Aus dieser besonders dünnen und reißfesten Haut bestehen auch die Handschuhe von Profi-Motorradfahren. Wenn es um Qualität geht, macht Kreis keine Kompromisse.

Das hat freilich auch seinen Preis. Gürtel von Kreis gibt es ab 139 Euro, Geldbeutel zu mehr als 500 Euro und Ledertaschen kosten fast 2000 Euro. Allerdings, betont Kreis, halten diese Produkte auch ein Leben lang. Kleinere Reparaturen wie eine gerissene Naht führt die Firma zudem auch nach 30 oder 40 Jahren kostenlos durch. 

Foto: WirtschaftsWoche

Sophie und Philip, die Kinder von Bernd Kreis, studieren im Moment noch, haben aber in den Semesterferien bereits mitgearbeitet und „die Atmosphäre inhaliert“, sagt Kreis. Wer weiß, vielleicht erweist sich der Familienbetrieb als genauso langlebig und widerstandsfest wie die hergestellten Produkte.

„Die Letzten ihrer Art“ ist ein neues Format der WirtschaftsWoche in der Reihe „Leben“. Jeden Monat porträtieren wir an dieser Stelle Unternehmen, die in ihrer Branche einzigartig sind, und viel Wert auf Handarbeit und Tradition legen.

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