Die Letzten ihrer Art: Krawattenhersteller Ascot: Mit Schlips, Schal und Hermès in die Zukunft
Der moderne Mann macht es klassischen Modeherstellern schwer. Waren Krawatten über Jahrhunderte beliebte Accessoires und Statussymbole, werden sie heute in vielen deutschen Schränken von Motten zerfressen. Seitdem sogar in den Chefetagen vieler Dax-Konzerne nur T-Shirts und Sneaker getragen werden, geht es der Krawatte immer mehr an den Kragen.
Dabei sind die Kunden nach wie vor bereit viel Geld für Bekleidung auszugeben. 2022 waren es fast 64 Milliarden Euro, rechnet der Gesamtverband der deutschen Textil- und Modeindustrie vor. Der Anteil, der für Krawatten und Schleifen ausgegeben wurde, war mit rund 10 Millionen Euro verschwindend gering. Wie schwierig die Lage für die Hersteller ist, zeigen auch Zahlen des Modehauses C&A: Seit 2011 ist der Umsatz mit Krawatten und Fliegen um 70 Prozent eingebrochen.
Dennoch gibt es noch Krawattenhersteller in Deutschland, die sich diesem Negativtrend erfolgreich widersetzen. Allen voran: die Krefelder Krawattenmanufaktur Ascot. Seit 1908 stellt der Familienbetrieb hochwertigste Krawatten, Fliegen, Schleifen und Schals her.
Krefeld war in früheren Zeiten die Hochburg der deutschen Textilindustrie und wird bis heute als „Seidenstadt“ bezeichnet. Anfang der Siebzigerjahre wurden hier jedes Jahr bis zu 33 Millionen Krawatten hergestellt. Von den einst 200 Textilherstellern gibt es heute aber nur noch eine Handvoll. Ascot ist der Einzige, der seine Produktion nicht ins Ausland verlagert hat. Und das auch nicht plant, versichert Geschäftsführer Jan Moese, der Urenkel des Gründers Karl Moese, im Gespräch mit der WirtschaftsWoche.
Der Name Ascot geht auf das legendäre Pferderennen Royal Ascot zurück, das bis heute westlich von London ausgetragen wird, und zu dem sich die britische High Society jedes Jahr ein Stelldichein gibt. Sein Großvater hätte das Rennen in den 1940er Jahren auf einer Reise zufällig besucht, und sei so begeistert gewesen, dass er sich den Namen sofort in Deutschland habe patentieren lassen, berichtet Jan Moese.
Das Erfolgsrezept von Ascot hat sich seit der Gründung kaum verändert: Der Schlüssel liegt in der Hochwertigkeit der Produkte und in der Verarbeitung. „Das ist unsere Daseinsberechtigung“, betont der 60-Jährige. Vor allem im Bereich Strickkrawatten ist die Firma führend und seit den 1960er Jahren Zulieferer der Luxusmodemarke Hermès.
Strickkrawatten werden – im Unterschied zu den herkömmlichen, konfektionierten Krawatten – aus einem Garn gefertigt und am Ende gerade abgeschnitten.
In den meisten Fällen verwendet Ascot Seide, es gibt aber auch Krawatten aus Baumwolle. Die Stoffe kommen vor allem aus kleinen Familienbetrieben in Italien. Manchmal reiche schon eine Whatsapp, um eine Bestellung aufzugeben, sagt Moese.
Ascot verkauft mehr als 90 Prozent seiner Produkte an Einzelhändler in mittelgroßen Städten. In Metropolen wie Düsseldorf oder München sucht man die Marke hingegen vergeblich. Etwa die Hälfte des Umsatzes erwirtschaftet das Familienunternehmen in Deutschland. Seit Jahren sinkt der Inlandsanteil, gleichzeitig wächst aber der Auslandsanteil. Zu den wichtigsten Märkten gehören Spanien, Belgien, Österreich und Japan.
Denn wie viele deutsche Firmen hat Ascot Probleme, geeigneten Nachwuchs zu finden, allerdings bildet die Manufaktur auch nicht selbst aus. Ohne Zuwanderung hätten sie keine Chance neue Mitarbeiter zu finden, räumt Moese ein. Seit Jahren arbeiten in der Produktion Näher und Strickerinnen aus der Türkei, Polen, Portugal und Kasachstan.
Auch die vergangenen Jahre sind an Ascot nicht spurlos vorbeigegangenen. Durch die Pandemie brach die Nachfrage drastisch ein, bereits vorher war der Umsatz rückläufig. Moese, der im Stile eines vornehmen älteren Herren mit Hemd, Pullover und Krawatte gekleidet ist, scheint ein wenig „den guten alten Zeiten“ hinterher zu trauern. Zwar konnte Ascot seinen Online-Vertrieb ausbauen, aber ohne Werbung oder prominente Krawattenträger fehlt der Firma der Einfluss, die Mode von morgen beeinflussen zu können. Moese kann nur hoffen, dass die Nische stabil genug ist, damit sich der Familienbetrieb auch für seine Kinder und die Kinder seiner Schwester noch lohnt. Die Übergabe an die nächste Generation sei bereits in Vorbereitung.
Während die Business-Krawatte „praktisch tot“ ist, gewinnen Hochzeiten und Familienfeiern an Bedeutung, sagt Moese. Für besondere Anlässe wären wieder mehr Leute bereit, sich chic und extravagant zu kleiden, um sich vom modischen Einerlei („anything goes“) abzuheben. Moese erkennt in der neuen Vorliebe der jüngeren Generation für Vintage-Mode bereits eine Gegenbewegung zum Mainstream: „Es können ja nicht alle in Sneaker, Jogginghosen und T-Shirts herumlaufen“, sagt er hoffnungsvoll.
Zum Schluss darf bei einem Gespräch mit einem Krawattenhersteller eine Frage nicht fehlen: Wie geht der perfekte Knoten? „Man legt sich die Krawatte mit dem Vorderteil nach oben um den Hals und schlingt das große Ende einmal um das dünne herum, dann zieht man das Vorderteil von innen nach außen durch die entstandene Schlaufe und fädelt es unter der oberen Stofflage ein und zieht es bis zum Ende durch“, erklärt Moese und macht die Bewegungen mit der eigenen Krawatte vor. „So entsteht ein einfacher, nonchalanter Krawattenknoten mit einer eleganten Falte.“ Eigentlich ganz simpel – jetzt muss die Krawatte nur wieder in Mode kommen.
„Die Letzten ihrer Art“ ist ein neues Format der WirtschaftsWoche in der Reihe „Leben“. Jeden Monat porträtieren wir an dieser Stelle Unternehmen, die in ihrer Branche einzigartig sind, und viel Wert auf Handarbeit und Tradition legen.
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