Ebay und Mönchengladbach Wie eine Stadt den Onlinehandel meistern will

Im Kampf gegen Online-Angreifer wie Amazon holen Händler in Mönchengladbach zum Gegenschlag aus: Sie kooperieren künftig im großen Stil mit Ebay. Das soll auch dem Marktplatzriesen nutzen.

Ingrid Schrey, Inhaberin des Geschäfts Lamm-Pion, wagt mit

Mittags, halb eins in Mönchengladbach. Der Bäcker in der Einkaufsstraße wirbt mit fünf Kaiserbrötchen für 1,29 Euro, das Kosmetikstudio wenige Schritte weiter mit 30 Prozent Rabatt auf künstliche Fingernägel. "Gold-Ankauf" blinkt auf der Leuchtreklame gegenüber. Schüler-Gruppen stürmen lärmend ins nahegelegene Einkaufszentrum.

Die 260.000-Einwohner-Stadt im Westen NRWs ist typisch für viele andere Städte der Republik. Und wie diese steht sie vor großen Herausforderungen. Der Online-Handel droht das Gesicht der Innenstadt nachhaltig zu verändern, sie im schlimmsten Fall veröden zu lassen. Vor allem viele kleine Händler, das gilt unter Experten als ausgemacht, werden den Laden mittelfristig dicht machen müssen, weil immer mehr Menschen im Internet einkaufen.

Ausgerechnet eine Kooperation mit Online-Gigant Ebay soll Mönchengladbachs Händler jetzt vor dem schleichenden Niedergang bewahren. 50 von ihnen bieten seit Freitag ihre Waren auch online auf einer Sonderseite des Marktplatzes an.

Unter www.mg-bei-ebay.de finden sich typische Innenstadt-Geschäfte im Netz: Brautmodengeschäft, Lederwarenladen, Golfshop und Kunsthaus haben ihr eigenes Ebay-Profil auf der Seite gebündelt. Rund 200.000 Artikel können online bestellt und entweder im jeweiligen Geschäft abgeholt oder nach Hause geliefert lassen werden. Das Pilotprojekt läuft zunächst bis Mitte 2016. "Wenn es sich bewährt, werden wir den Ansatz gegebenenfalls weiterverfolgen", sagt Ebay-Deutschland-Chef Stephan Zoll im Gespräch mit WirtschaftsWoche Online.

Lohnen soll sich das Pilotprojekt vor allem für Mönchengladbach. Der Onlinehandel ist nicht nur Bedrohung, glaubt Gerrit Heineman von der Hochschule Niederrhein, der das Projekt gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Mönchengladbach auf den Weg gebracht hat. "Jeder Händler kann von dem Kuchen etwas abhaben."

Die Mönchengladbacher hoffen nicht nur, vom boomenden Online-Geschäft zu profitieren. Sie wollen mit dem Projekt auch bekannter werden – und Käufer in ihren Laden holen. "Wir als Händler kommen bei Abholung der Ware in den direkten Kundenkontakt und können weitere Serviceleistungen anbieten", sagt Ledermoden-Verkäuferin Ingrid Schrey. Dafür eigenen Onlineshop aufzusetzen, das ist vielen Händlern bislang zu teuer und zu kompliziert.

Es ist nicht das erste Mal, dass die Händler einer Stadt gebündelt in den Onlinehandel drängen. Auf regionalen Marktplätzen wie der Onlinecity-Wuppertal versuchen die Händler ihre Angebote mit vereinter Kraft ins Netz zu bringen. Dass bei der Gladbacher Variante Marktplatz-Gigant Ebay mitmischt soll dem Angebot aber zusätzlichen Auftrieb geben.

Die verrücktesten Ebay-Auktionen

Risikolos ist der Schritt nicht. Auf die Anbieter kommt nicht nur zusätzlicher Aufwand zu, um die Waren ins Netz zu stellen und den Versand abzuwickeln. Wer in der Einkaufszone noch einzigartig ist, muss sich im Netz dutzenden Konkurrenten und einem aggressiven Preiskampf stellen. "Im Handelsumfeld und bei Ebay herrscht ein harter Wettbewerb", warnt selbst Ebay-Deutschland-Chef Zoll. "Aber besser, die Händler stellen sich diesem jetzt und nicht erst, wenn es unter Umständen zu spät ist."

Für Ebay ist das Projekt Mönchengladbach vor allem ein Testfeld und die Chance neue Konzepte zu probieren. "Es bietet für uns die Chance, mehr über die Kunden zu erfahren", sagt Zoll. Anders als auf der Hauptseite werden die Produkte zum Beispiel nicht nur über die Suchfunktion angeboten – sondern über das Händlerprofil: ein neuer Zugang. Zudem hofft Ebay mehr darüber zu erfahren, ob Käufer bereit sind, ihre Waren direkt im Geschäft abzuholen.

Darüber hinaus freut sich der Ebay-Chef über jeden Artikel, den es bei der Konkurrenz nicht gibt. "Der Kern unserer Strategie ist, ein möglichst tiefes und breites Angebot zu schaffen", sagt Zoll. "Jeder Händler, der etwas Einzigartiges anbietet, ist ein Gewinn für uns."

20 Jahre nach seiner Gründung ist die einst unangefochtene Marktplatzgröße zuletzt immer stärker unter Druck geraten. Der Slogan "3,2,1-meins" ist längst Vergangenheit: 80 Prozent seiner Umsätze macht das einstige Auktionshaus mittlerweile mit gewerblich Händlern, nicht mit Kleinanbietern, die ihren Keller ausräumen. Doch da sorgt vor allem der Amazon Marketplace für Konkurrenz. Zudem drängen mehr und mehr Start-ups unter anderem mit regionaler Ausrichtung ins Marktplatzgeschäft.

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