Kaffee-Allianz: Nestlé kauft Starbucks' Handelsgeschäft
Starbucks erzielt mit dem Geschäft, das jetzt an Nestlé fällt, einen Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar.
Foto: REUTERSNestlé ist bekannt für seine Kaffeekapseln, Starbucks für seine Kaffeehäuser - künftig gehen sie einen gemeinsamen Weg. Für 7,15 Milliarden Dollar übernimmt der Schweizer Nespresso-Hersteller die weltweiten Rechte für die Vermarktung der Starbucks-Produkte im Einzelhandel, wie die beiden Unternehmen am Montag mitteilten. Von der Kooperation ausgenommen sind die weltweit mehr als 28.000 Starbucks-Kaffeehäuser, die weiterhin von der US-Firma betrieben werden.
Nestlé verspricht sich von dem Deal eine Basis für weiteres Wachstum in Nordamerika und auf anderen Märkten in aller Welt. „Mit Starbucks, Nescafé und Nespresso führen wir drei herausragende Marken der Kaffeewelt zusammen“, erklärte Nestlé-Chef Mark Schneider. Kaffee ist einer der Geschäftsbereiche, den der ehemalige Fresenius-Chef nach seinem Wechsel an die Spitze des weltgrößten Lebensmittelproduzenten zum Wachstumsfeld auserkoren hatte. Starbucks-Chef Kevin Johnson betonte: „Dieser Zusammenschluss im globalen Kaffeegeschäft wird durch die Reichweite und den Ruf von Nestlé das Starbucks-Erlebnis Millionen weiteren Menschen weltweit nahebringen.“
Die Transaktion soll bis zum Jahresende abgeschlossen werden und ab kommendem Jahr gewinnsteigernd sein, erklärte Nestlé. Das Starbucks-Geschäft steht für einen Jahresumsatz von zwei Milliarden Dollar. Nestlé wird neben dem Kaufpreis zudem Lizenzgebühren an Starbucks zahlen.
Die Gründung
1866 gründete Henri Nestlé, ein Schweizer Apotheker deutscher Herkunft, die Farine Lactée Henri Nestlé lk.A.. Als Logo wählte er sein eigenes Familienwappen, den Vogel bei der Brutpflege – Nestlé bedeutet im Schwäbischen „kleines Nest“. Unternehmensname und -logo blieben in der gesamten Firmengeschichte, über alle Fusionen und Zukäufe hinweg, unverändert.
Foto: dpaSäuglingsnahrung
1867 erfand Nestlé ein Verfahren, um ein lösliches Milchpulver herzustellen, welches als Muttermilchersatz verwendet werden konnte. Der Vertrieb als „Nestle's Kindermehl“ lief an. Dem Geschäft mit Säuglingsnahrung bleibt der Konzern bis heute treu: 2007 übernahm Nestlé für 5,5 Milliarden US-Dollar den US-amerikanischen Kindernahrungshersteller Gerber vom Pharmakonzern Novartis. Damit stieg Nestlé im Bereich Säuglingsnahrung vom Marktführer in den USA auch zur weltweiten Nummer eins auf.
Foto: gemeinfreiMilchprodukte
Auch das Geschäft mit Milchprodukten begleitet Nestlé bis heute. Die erste Übernahme war 1898 ein Milchpulverwerk in Norwegen, 1905 fusionierte Nestlé mit der Anglo-Swiss Condensed Milk Company. Zum Jahresende 2006 begann Nestlé ein Joint Venture mit dem französischen Milchkonzern Lactatis, Hersteller von Marken wie Le Président. Nestlé behauptete sich durch diesen Schachzug als Nummer eins der weltweiten Milchindustrie.
Foto: dpaKaffee und andere Getränke
Ein weiterer Durchbruch gelang Nestlé 1938: Das Unternehmen erfand ein Verfahren zur industriellen Herstellung löslichen Kaffees und begann diesen unter der Marke Nescafé zu vertreiben. Der Vertrieb der seit 2010 boomenden Kaffeekapseln und Kapselmaschinen fällt dem innerhalb des Nestlé-Konzerns eigenständig agierenden Unternehmen Nespresso zu. Das Geschäft mit „Getränken in flüssiger und Pulverform“ macht heute den größten Anteil am Unternehmensumsatz Nestlés aus. Das Gemeinschaftsunternehmen Beverage Partners Worldwide (BPW) mit Coca Cola ist für den Vertrieb von Tee-Getränken mit Fokus auf Europa und Kanada zuständig.
Foto: dpaNestlé kauft Starbucks-Handelsgeschäft
Künftig kann der Schweizer Konzern Starbucks-Produkte wie Kaffeebohnen oder gemahlenen Kaffee in allen Supermärkten vertreiben, wie er am 7. Mai 2018 mitteilte. Für die weltweiten Vermarktungsrechte zahlt Nestlé 7,15 Milliarden US-Dollar (6 Milliarden Euro) in bar. Zudem übernimmt der Konzern rund 500 Mitarbeiter von Starbucks. Das Geschäft soll sich ab 2019 steigernd auf Umsatz und Gewinn von Nestlé auswirken. Die Starbucks-Sparte kommt auf einen Jahresumsatz von 2 Milliarden US-Dollar. Ausgenommen von der Vereinbarung sind Fertiggetränke sowie der Verkauf sämtlicher Produkte in Starbucks-Cafes. Nestlé verspricht sich von dem Zukauf eine Stärkung seines Geschäfts in Nordamerika.
Foto: REUTERSCerealien
Mit dem US-Lebensmittelhersteller General Mills gründete Nestlé in den 1990er-Jahren das 50/50-Joint-Venture Cereal Partners Worldwide (CPW). Das Gemeinschaftsunternehmen bedient den Markt für Frühstücksgetreideprodukte außerhalb der USA.
Foto: REUTERSFertigprodukte
1947 fusionierte Nestlé mit der Maggi AG. Neben Brühwürfeln und Flüssigwürze werden unter dem Namen Maggi bis heute vor allem Instantsuppen- und Gerichte vertrieben. Andere bekannte Nestlé-Marken der Fertigsparte sind beispielsweise der Nudelproduzent Buitoni und die Öl- und Soßenmarke Thomy.
Foto: REUTERSMehr Fertigprodukte
In den Tiefkühlmarkt stieg Nestlé 1963 durch den Kauf der schwedischen Findus AG ein. Heute ist Findus allerdings nur noch in der Schweiz eine reine Nestlé-Marke. Darüber hinaus gehört etwa der westfälische Fleischwaren-Hersteller Herta zum Schweizer Konzern. Über die Tochterfirma Buitoni war Nestlé außerdem in den Pferdefleischskandal von 2013 verwickelt, die betroffenen Produkte wurden vom Markt genommen.
Foto: dpa Picture-AlliancePizza
2004 übernahm die deutsche Nestlé zunächst 49 Prozent der Wagner Tiefkühlprodukte GmbH, 2010 stockte sie die Anteile auf 74 Prozent auf und übernahm so die Mehrheit an dem Unternehmen. Am 5. Januar 2010 gab Nestlé außerdem die Übernahme des Tiefkühlpizza-Geschäfts des US-Nahrungsmittelkonzerns Kraft Foods für 3,7 Milliarden US-Dollar bekannt. Nestlé ist damit Weltmarktführer bei Tiefkühlpizzen.
Foto: dpaEis
Auch beim Speiseeis heißt die Nummer eins am Weltmarkt: Nestlé. 2002 übernahm der Konzern in Deutschland die Schöller-Holding und so auch Schöller- und Mövenpick-Eis. In den USA besitzt Nestlé außerdem die Rechte am Vertrieb der Marke Häagen-Dazs.
Foto: REUTERSSüßwaren
Bereits 1929 schlossen sich die Schokoladenproduzenten Peter, Cailler, Kohler und Nestlé zusammen, der Beginn von Nestlés Süßwarenimperium. Marken aus aller Welt gehören den Schweizern, in Deutschland bekannt sind beispielsweise Kitkat, Lion, Rolo, Smarties oder After Eight. Der Schokoriegel mit dem „Big Break“ wurde unfreiwillig auch namensgebend für eine Social-Media-Kampagne gegen die Abholzung des Regenwaldes. Die „Anti-Kitkat-Kampagne“ setzte 2010 durch, dass Nestlé für den Bezug von Palmöl deutlich strengere Standards einführte.
Foto: APUSA-Geschäft steht zur Disposition
Doch mit dem Süßigkeitengeschäft in den USA könnte Nestlé bald abschließen: Die Sparte wächst zu langsam, hat eine miserable Gewinnmarge und passt nicht zum neuen, gesünderen Image. Der neue deutsche Chef, Ulf Mark Schneider, prüft daher einen Verkauf der Sparte – und nun macht auch Hedgefonds-Manager Daniel Loeb als neuer Aktionär Druck.
Foto: APTiernahrung
Auch Tiernahrung ist eine eigene Sparte bei Nestlé – und bringt dem Konzern mehr Umsatz und Gewinn ein als die Süßwarensparte. Zu den Marken gehören beispielsweise Purina, Felix und Friskies.
Foto: dpaKritik an Lieferketten
2015 reichten Käufer von Katzenfutter in den USA eine zivilrechtliche Sammelklage gegen zwei US-Töchter von Nestlé ein – kritisiert wurden die Arbeitsbedingungen innerhalb der Lieferkette. In einer Untersuchung kam Nestlé 2015 zu dem Ergebnis, dass es „Hinweise auf Zwangsarbeit, Menschenhandel und Kinderarbeit“ in selbiger gebe. Der Konzern kündigte Konsequenzen an.
Foto: dpaL’Oréal
1974 erwarb das Unternehmen 51 Prozent an der Holdinggesellschaft Gesparal, die wiederum 53,7 Prozent der Aktien des Kosmetikunternehmens L’Oréal hielt. Nach einer Fusion von Gesparal und L'Oréal 2004 hält Nestlé noch 23,3 Prozent des Unternehmens.
Foto: REUTERSWasser
In den Neunzigerjahren stieg Nestlé in den Mineral- und Tafelwassermarkt ein. Heute gehören zu dem Konzern Marken wie Perrier, San Pellegrino oder Vittel. Der Konzern wurde wiederholt dafür kritisiert, insbesondere in der Dritten Welt Grundwasser in armen Gegenden abzupumpen und in Flaschen teuer zu verkaufen – Nestlé selbst widerspricht solchen Darstellungen.
Foto: REUTERSAn der Schweizer Börse kam der Deal gut an. Mit seinem drittgrößten Zukauf sichere sich Nestlé eine starke Marke zu einem recht vernünftigen Preis, erklärte Bernstein-Analyst Andrew Wood. Nestlé-Aktien stiegen um ein Prozent. Die Titel von Starbucks legten im vorbörslichen US-Handel knapp drei Prozent zu. Der Konzern aus Seattle erfreute seine Anleger außerdem mit der Ankündigung, bis zum Ende des Geschäftsjahres 2020 etwa 20 Milliarden Dollar in Form von Aktienrückkäufen und Dividendenzahlungen auszubezahlen. Nestlé mit Sitz in Vevey am Genfersee ist im Geschäft mit warmen Getränken bereits heute weltweit die klare Nummer eins und erwirtschaftet Analysten zufolge mehr Umsatz als die fünf nachfolgenden Anbieter zusammen. Dennoch holen die Rivalen auf. So brachte die Beteiligungsgesellschaft JAB Holdings der deutschen Milliardärsfamilie Reimann, mit einer ganzen Reihe von Übernahmen wie Douwe Egberts, Peet's Coffee & Tea und Keurig Green Mountain eine Konsolidierungswelle ins Rollen, die nach Meinung von Experten anhalten dürfte. Hintergrund seien die veränderten Konsumgewohnheiten der jüngeren Kunden, die mit Starbucks aufgewachsen seien und kleinere Marken bevorzugten. Für exotische Bohnen und andere Spezialitäten seien sie bereit, tiefer in die Tasche zu greifen, damit die Anbieter höhere Margen einstreichen könnten als bei Standard-Nahrungsmitteln.
Auch Nestlé ist auf diesen Zug aufgesprungen. So kauften die Schweizer die texanische Chameleon Cold-Brew und eine Mehrheit an der kleinen, aber gehobenen Kaffeehaus-Kette Blue Bottle Coffee. Der italienische Kaffeeriese Lavazza hat nach eigenen Angaben Übernahmeangebote sowohl von Nestlé als auch JAB in der Vergangenheit zurückgewiesen.
Nestlé übernimmt im Zuge der Transaktion rund 500 Starbucks-Beschäftigte. Die Sparte soll in Seattle beheimatet bleiben. Vermögenswerte, etwa Produktionsstätten, werden im Rahmen der Transaktion nicht übertragen. Nestlé könnte künftig aber die Herstellung für Starbucks in Märkten übernehmen, in denen die Amerikaner nicht vor Ort sind. Zudem planen die beiden Firmen eine enge Zusammenarbeit bei Produktentwicklung und Markteinführung.