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Modehersteller Esprit läuft die Zeit davon

Esprit wechselte Manager wie andere Socken. Ein Verlust von über 400 Millionen Euro belastet den Neustart. Schafft die Marke das Comeback oder ist das Ende des Laufstegs erreicht?

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Einzelhandel mutiert zur Krisenbranche
Weltbild VerlagDas insolvente Medienunternehmen bekommt einen neuen Investor. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz gab dem Düsseldorfer Familienunternehmen Droege International Group den Zuschlag und brach die Verhandlungen mit dem Münchner Finanzinvestor Paragon Partners ab. Gemeinsam werde man die Sanierung mit dem geplanten Abbau von Stellen und Buchläden fortsetzen: "Die Restrukturierung für sich ist noch nicht abgeschlossen." Droege zeichnet eine Kapitalerhöhung von 20 Millionen Euro und erhält im Gegenzug eine 60-prozentige Beteiligung. Die übrigen 40 Prozent hält Geiwitz für die Gläubiger. Nach den bisherigen Plänen sollen 167 Filialen erhalten bleiben, die Zahl könnte aber weiter schrumpfen. Weltbild hatte am 10. Januar 2014 Insolvenz beantragt. Der Aufsichtsrat sah keine Finanzierungsmöglichkeit für eine Sanierung. Noch sind 2100 Mitarbeiter bei Weltbild beschäftigt. Der Augsburger Verlag war eines der größten Medienhäuser in Europa und gehörte zwölf katholischen Diözesen in Deutschland, dem Verband der Diözesen Deutschlands sowie der katholischen Soldatenseelsorge in Berlin. Weltbild litt zuletzt auch unter der Konkurrenz des US-Giganten Amazon. Konkreter Auslöser für die aktuellen Schwierigkeiten war nach Unternehmensangaben ein Umsatzrückgang in der ersten Hälfte des Geschäftsjahres 2013/14. Quelle: dpa
KarstadtKarstadt-Investor Nicolas Berggruen möchte sich endgültig von den Warenhäusern trennen - das berichtet die Bild-Zeitung. Er verhandele mit der österreichischen Investorengruppe Signa des Unternehmers René Benko. Benko hatte im vergangenen Herbst bereits die drei Premium-Häusern und 28 Sportwarenhäusern der Kette gekauft. Die Berggruen-Holdings ist bisher noch mit einem Anteil von 24,9 Prozent an beiden Geschäftsbereichen beteiligt, außerdem gehören ihr noch die 83 Warenhäuser der Karstadt-Gruppe. Diese könnten nun - so die Bild - für nur einen Euro den Besitzer wechseln. Auch Berggruen hatte seiner Zeit nur einen symbolischen Euro für die marode Warenhaus-Gruppe gezahlt. Erst vor wenigen Tage hatte Karstadt-Chefin Eva-Lotta Sjöstedt nach nur wenigen Monaten im Konzern hingeschmissen. Quelle: ddp
KarstadtDer Warenhauskonzern Karstadt will bis Ende 2014 insgesamt 2000 Stellen abbauen. Die Branche leidet unter massiven Überkapazitäten außerdem wandern immer mehr Kunden ins Internet ab. Der Stellenabbau soll so sozialverträglich wie möglich umgesetzt werden und primär über Frühpensionierungen, Nichtverlängerung von befristeten Verträgen sowie freiwilligen Austritt erfolgen. Die Gewerkschaften werfen Karstadt-Investor Nicolas Berggruen vor, nicht genug zu investieren. Im ersten Halbjahr 2013 hat sich die Lage bei Karstadt abermals verschärft, das Umsatzziel für das Geschäftsjahr wurde bereits um 230 Millionen Euro auf 3,1 Milliarden Euro herunterkorrigiert. Quelle: dpa
Strauss InnovationDie angeschlagene Warenhauskette hat am 22. April mit dem Räumungsverkauf begonnen. Ende März hatte das Unternehmen bekanntgegeben, mehr als jede fünfte der insgesamt 96 Filialen schließen und 200 Mitarbeiter entlassen zu wollen. Strauss-Läden gibt es in 59 deutschen Städten. Durch ein zügiges Insolvenzverfahren will man die restlichen 1200 Arbeitsplätze erhalten. Der größte Teil der Mitarbeiter, die ihren Arbeitsplatz verlieren, soll die Möglichkeit bekommen, für sechs Monate in eine Qualifizierungsgesellschaft zu wechseln. Die Warenhauskette Strauss Innovation hat am 30. Januar 2014 beim Amtsgericht Düsseldorf einen Antrag auf Eröffnung eines Schutzschirmverfahrens eingereicht. Schuld an der Misere sollen die Wetterkapriolen im vergangenen Jahr sein. Das Frühjahr war zu kalt - Gartenmöbel & Co. blieben stehen - der Winter zu mild - auch die warmen Socken und Daunenjacken blieben hängen. Das Unternehmen gehört dem US-Investor Sun Capital, dem auch der Traditionsversandhändler Neckermann gehörte. Quelle: Screenshot
StrenesseDas Modeunternehmen geht auf Investorensuche. Die Nördlinger Designer hatten am 16. April einen Antrag auf Insolvenz in Eigenverwaltung gestellt. Dabei bleibt der bisherige Vorstand im Amt, der externe Sachwalter wird der Geschäftsführung jedoch zur Seite gestellt. Zusätzlich wurde der Sanierungsexperte Michael Pluta in den Vorstand berufen. Vorstandschef Luca Strehle sagte, der Geschäftsbetrieb gehe uneingeschränkt weiter. „Ich bin immer noch überzeugt, dass wir auf dem absolut richtigen Weg sind. Der jetzige Schritt ist eine Zäsur, um die Sanierung voranzutreiben, ohne den Mühlstein der Altlasten mitschleppen zu müssen.“ Durch die Insolvenz gewinne man enorm an Liquidität. Strenesse gehört seit rund 65 Jahren der Familie Strehle. In den vergangenen Jahren hatte man jedoch mit sinkenden Umsätzen und tiefroten Zahlen zu kämpfen. Erst im Februar stand Strenesse vor der Zahlungsunfähigkeit. Die Inhaber einer Schuldverschreibung über zwölf Millionen Euro entschieden, dass Strenesse drei Jahre Luft bekommt und das Geld erst 2017 zurückzahlen muss. Strenesse beschäftigt rund 350 Mitarbeiter und unterhält 15 eigene Geschäfte sowie Showrooms in München, Düsseldorf, Mailand, New York und Tokio. Im Geschäftsjahr 2011/2012 betrug der Umsatz des Konzerns 66,5 Millionen Euro. Quelle: Screenshot
Abercrombie & Fitch Der US-Modekette Abercrombie & Fitch bricht das Geschäft immer weiter weg. Der Umsatz fiel im abgelaufenen Quartal um zwölf Prozent auf 1,3 Milliarden Dollar, der Gewinn stürzte sogar um 58 Prozent auf 66,1 Millionen Dollar ab. Abercrombie & Fitch - auf Jugendliche spezialisiert und für seine leicht bekleideten Modelle bekannt - verliert seit längerem Kunden an Konkurrenten wie Zara, Forever 21 oder H&M. Sie wechseln ihre Kollektionen öfter und sind zudem günstiger.  Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Trade und Retail und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein prognostizierte auf WirtschaftsWoche Online bereits Ende vergangenen Jahres: „Ich glaube nicht, dass es Abercrombie & Fitch noch lange in Deutschland geben wird. Ihr Geschäftsmodell ist zu angreifbar und kippt gerade in den USA, so dass es höchstwahrscheinlich bald zum Rückzug aus Übersee kommt.“ Quelle: REUTERS
Die Baumarkt-Kette Max Bahr mit ehemals bundesweit 132 Standorten wird zerschlagen. Die Übernahmegespräche mit der Hellweg-Gruppe über die verbliebenen 73 Märkte waren Mitte November gescheitert; Ende November scheiterte dann auch eine Übernahme durch Globus. Am 28. November wurde dann bekannt, dass die Mannheimer Baumarktkette Bauhaus 24 Standorte des insolventen Konkurrenten übernimmt. Damit sollen rund 1300 der noch verbliebenen 3600 Arbeitsplätze abgesichert sein. Max Bahr hatte am 26. Juli 2013 die Eröffnung von Insolvenzverfahren wegen Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit beantragen müssen. Mutterkonzern Praktiker hatte am 11. Juli den Gang zum Insolvenzrichter absolviert. Quelle: dpa

Es gab eine Zeit, da wechselte Esprit seine Chefs annährend so schnell wie seine Kollektionen. Heinz Krogner, 15 Jahre lang der "Mr. Esprit", trat im Sommer 2009 den Posten an Ronald Van der Vis ab. Krogner überwarf sich dabei mit Zögling Thomas Grote, der zum Konkurrenten Mexx abwanderte und rund 30 Esprit-Manager aus dem Mittelbau mitnahm. Van der Vis verließ - ebenfalls nach Krach mit Krogner - Esprit 2012 schon wieder.

Pünktlich zur Herbstkollektion betrat der Spanier José Manuel Martinez Gutierrez die Bühne. Der ehemalige Inditex-Mann (Zara) soll den Niedergang der Marke stoppen. Doch die Probleme türmen sich wie Plastiksäcke vor den Altkleidercontainern.

Mit den vor wenigen Wochen bekanntgewordenen Jahreszahlen hat Esprit einen neuen Tiefpunkt erreicht – 427 Millionen Euro Verlust. Zum ersten Mal seit dem Börsengang im Jahr 1993 steckt die Marke in den roten Zahlen. Vorausgegangen waren dem zweistellige Umsatzeinbrüche in den selbstbetriebenen Filialen und im Großhandelsgeschäft. So liefert Esprit die Kollektionen auch an Modeläden wie Peek&Cloppenburg. Der Marktwert des Moderiesens, der in mehr als 40 Ländern und zwölf verschiedenen Sparten von Baby-Kleidung bis Bettwäsche aktiv ist, schrumpfte von 12 Milliarden Euro (2008) auf aktuell 2,2 Milliarden Euro.

Auf dem überfüllten Laufsteg der Labels, die in deutsche Fußgängerzonen und Shopping Malls drängen, wirkt Esprit daher zur Zeit wie ein Model, das seine besten Tage hinter sich hat. Das Outfit ist ein bisschen langweilig – der nötige Pfiff ist den Kollektionen in den vergangenen Jahren abhanden gekommen. Der Absatz mit Esprit-Ware sank bei P&C, einem der wichtigsten externen Händler, von 36 Millionen Euro im Jahr 2009 auf zwölf Millionen Euro im Jahr danach.

Und so schleppt sich Esprit wie ein Model mit Geldsorgen über den Catwalk. Der Gesichtsausdruck lässt die von Laufstegtrainern so gerne eingeforderte "attitude" vermissen – oder wie es Ex-Boss Van der Vis formulierte: "Esprit hat seine Seele verloren". Zu sehr hat sich die Marke den günstigen Fashionketten angenähert, bedauert Esprit-Designer Jörgen Andersson gegenüber fashionmag.com: "Esprit hat sich mehr und mehr wie H&M und Zara verhalten. Das war der große Fehler. Wenn die Kleiderbügel plötzlich aus Kunststoff sind, gibt das der ganzen Kollektion einen billigen Look."

Esprit brachte den Kunden zuletzt nicht mehr das, wofür es stand: gute Qualität zu erschwinglichen Preisen. Doch für einen Abgesang ist es zu früh. Wie am Model mit dem vertrauten Gesicht, auch wenn es nur noch abgekämpft von den Plakatwänden lächelt, hängen die deutschen an der Marke Esprit – und sehen über manche Unschönheiten, wie zu dünne Stoffe, und faden Kollektionen hinweg.

Esprit steht bei der Kundschaft noch immer hoch im Kurs. Werden die Deutschen nach ihren Lieblingsmarken gefragt, landet Esprit ganz gleich welche Markenberatung die Umfrage durchführt, mindestens unter den Top Ten – bei Frauen häufig sogar unter den Top drei.

Den Kleiderschrank ausmisten

Die beliebtesten Einkaufsstraßen Deutschlands
Trotz Online-Boom gehen die Deutschen immer noch gern klassisch auf Einkaufsstraßen shoppen. Das zeigt die alljährliche Passantenfrequenz-Zählung von JLL. Am Zähltag (Samstag, 14. April 2018) besuchten zwischen 13 und 16 Uhr insgesamt 718.880 Passanten die Shoppingmeilen, das sind nur etwa 4000 weniger als 2017 und fast 240.000 Menschen pro Stunde. Kann die Frankfurter Zeil ihren Titel als beliebteste Einkaufsstraße 2017 verteidigen? Quelle: dpa
Rang 10: Schadowstraße, DüsseldorfDie Düsseldorfer Schadowstraße hat sich wieder gefangen. Nachdem sie 2017 einen deutlichen Frequenzrückgang zu beklagen hatte, verbesserte sie sich in diesem Jahr um 665 auf 9130 Besucher pro Stunde. Im Bild die Eröffnung des C&A-Flagship-Stores. Quelle: obs
Rang 9: Königstraße, StuttgartDie Königstraße legt noch deutlicher zu: Stuttgarts meistfrequentierte Einkaufsstraße steigert sich um 1690 auf 9.145 Passanten pro Stunde. Quelle: dpa
Rang 8: Hohe Straße, KölnDie Kölner Hohe Straße lockt pro Stunde 9.435 Einkäufer an,, zu Spitzenzeiten waren es mal 12.795. Damit ist sie nur auf dem zweiten Platz unter den Kölner Top-Shopping-Lagen. Quelle: dpa
Rang 7: Flinger Straße, DüsseldorfDie Flinger Straße in Düsseldorf ist dagegen etwas abgerutscht: Nach dem dritten Platz 2017 reiht sie sich in diesem Jahr weiter hinten ein. 9670 Passanten wollten hier stündlich einkaufen. Quelle: dpa
Rang 6: Westenhellweg, DortmundDortmunds Westenhellweg war 2013 noch absoluter Spitzenreiter mit 12.950 Passanten, stürzte bis 2017 aber auf den neunten Rang ab. Nun reicht es wieder für den sechsten: Mit 10.180 Einkäufern pro Stunde nähert die Ruhgebiets-Shoppingmeile dem Trubel alter Tage wieder an.
Rang 5: Georgstraße, HannoverDie Georgstraße in Hannover, lockte 2015 noch 10.430 Menschen pro Stunde, damals ergab das Rang Vier. Nach einigen schwächeren Jahren hat sie ihren alten Wert nun sogar übertroffen: 10.985 Shoppende pro Stunde. Trotzdem reicht es damit in diesem Jahr nur noch für Platz Fünf. Quelle: dpa

Nur wer genau hinsieht, beobachtet einen schleichenden Verfall des Images. Holger Geißler, Vorstand des Markt- und Meinungsforschungsinstituts YouGov: "Die Strahlkraft der Marke lässt nach". Binnen rund 18 Monaten hat Esprit rund zehn sogenannter BrandIndex-Punkte verloren. YouGov befragt für diesen Markenmonitor täglich 2000 Bundesbürger nach dem allgemeinen Eindruck, Qualität, Preis-Leistungs-Verhältnis, Kundenzufriedenheit und Arbeitgeberimage bzw. Reputation.

Esprit erreicht immer noch gute Werte von 70 Punkten, kein schlechter, aber eben kein Top-Wert mehr. Peter Pirck von der Brandmeyer Markenberatung identifiziert gleich mehrere Fehler, die Esprit in der Vergangenheit gemacht hat. "Das Tempo der Markenausweitung war offensichtlich zu hoch. Vertrieb und Verkaufsflächen wurden massiv ausgeweitet, diverse Submarken eingeführt, Lizenzen vergeben und so weiter." Das habe den Umsatz kurzfristig nach oben gepusht, "aber es hat die Marke auch beliebiger gemacht."

Plötzlich gab es Esprit "überall" zu kaufen - auch in nicht markenadäquaten Geschäften und oft runtergepreist. "Das reduzierte die Begehrlichkeit der Marke", beobachte Pirck. Er hat aber noch Hoffnung. "Als Marke ist Esprit noch immer stark". Man können sie wieder aktivieren, "aber es ist eine schwere Aufgabe in einem sich wandelnden, hochgradig dynamischen Markt."

Damit spielt Pirck auf die stärker werdende Konkurrenz an. H&M etwa, konnte vor allem seit der Krise 2009 mit günstigen Preisen überzeugen. Im BrandIndex erreicht das Label nun schon 55 Punkte – rückt immer näher an Esprit heran. Und die Schweden sind nicht die einzigen. Immer mehr Marken drängen nach Deutschland – die britische Marke Top Shop will hierzulande sesshaft werden, die japanische Uniqlo hat den Markstart in Deutschland für 2014 angekündigt. Der Platz auf der Kleiderstange ist hart umkämpft.

Esprit packt die Probleme an, und tut das, was jeder halbwegs modebewusste Frau nach dem Ende einer Saison tut: Sie mistet den Kleiderschrank aus. Doch bei Esprit handelt sich um einen mächtig großen Schrank mit aktuell über 1000 eigenen Läden von Hamburg bis Hongkong und über 10.000 Standorten im Großhandel. Da dauert das Umsortieren leicht Monate, wenn nicht Jahre.

Nach dem Prinzip, was gar nicht mehr passt fliegt als erstes raus, hat sich Esprit von einer Reihe alter Strukturen verabschiedet. Die Trennung zwischen Groß- und Einzelhandel hat Martinez aufgehoben. Bisher beackerte Esprit jeden Markt doppelt – mit Managern, die sich nur um Groß- oder nur um den Einzelhandel kümmerten. Das führte nicht nur zu unnötigem Nebeneinander, sondern auch viel internen Konkurrenz, die sich am Ende nicht auszahlte.

Die Schublade mit der Aufschrift US-Geschäft hat Martinez, ebenfalls endgültig geräumt. Esprit hat sich vom US-Markt zurückgezogen. Seit Frühjahr gibt es nur noch drei Regionen, die bearbeitet werden – das Kerngeschäft in Deutschland und den angrenzenden Ländern, die Region Asia &Pacific, die vom Börsensitz in Hongkong aus betreut wird und den "Rest der Welt".

Noch deutlich komplexer als der Umbau auf der Management-Ebene wird die Neustrukturierung des Beschaffungsmarktes. Wie in der Mode lässt sich eben nicht jedes Teil der alten mit einem der neuen kombinieren. Esprit wagte den schonungslosen Gang vor den Spiegel und fragte sich, wie will ich aussehen?

Noch mehr Chaos als Ordnung

Was die Deutschen online kaufen
Blumen Quelle: dpa
Telekommunikation/Handy Quelle: dapd
Platz 8: Haushaltsgeräte Quelle: obs
Möbel, Sofa Quelle: Screenshot
Platz 1: Kleidung Quelle: dpa
Modelleisenbahn Quelle: dpa/dpaweb
Bücher Online-Versandhandel Quelle: Screenshot

Arndt Brockmann, seit Juli Deutschland-Chef von Esprit, hat das Markenantlitz klar vor Augen. "Wir sind keine Billigmarke, wir sind auch keine Premiummarke. Wir sind im besten Sinne eine solide Marke, die gute Qualität bietet." Am Preissegment, in dem sich Esprit bewegt, will Brockmann nicht rütteln – hier und da könne es Änderungen in der Preisarchitektur innerhalb des Segments geben, "aber wir sind der Meinung, dass wir den Kunden eine höhere Qualität zu diesen Preisen bieten müssen.“

Und damit die bald wieder stimmt, gibt es sogar einen eigenen Vorstand für das Thema Beschaffung. Bereits in dieser Herbst-Winter-Kollektion soll sich die Qualität bei einigen Produkten für den Kunden spürbar verbessern, verspricht Brockmann. Wie er das angestellt hat? Etwa, in dem Musterteile nicht mehr langwierig hin- und hergeschickt werden, sondern Techniker in der heißen Phase, wo Produkte abgestimmt und finalisiert werden, in den Fabriken vor Ort sind. Oder, indem man nicht den Lieferanten auswählt, der am schnellsten und billigsten liefert, sondern sich Partner aussuche, die auch an der Qualität arbeiten wollen – und sich vernünftige Preise sichere, indem man langfristige Verträge mit ihnen schließe.

Langfristig - der Faktor Zeit ist das große Problem. Im Hause Esprit gibt es noch viel zu tun, die Umstrukturierung des riesigen Kleiderschranks braucht Zeit. Zeit, die nicht jeder Esprit zugestehen kann oder möchte.

Händler sind verstimmt

Steffen Jost etwa. Er betreibt fünf Modehäuser in Rheinland-Pfalz und Hessen und ist Präsident des Bundesverbandes des Deutschen Textileinzelhandels BTE. „Nach dem Frühjahr 2014 werde ich entscheiden, ob ich mich von Esprit trennen muss. Die Flächenleistung ist einfach nicht mehr gut genug.“

Der Fachtitel Textilwirtschaft hat kürzlich Jost und weiter Kollegen aus dem Handel zum Thema Esprit befragt. Viele halten Martinez für den richtigen Mann, sehen die Lage bei Esprit jedoch kritisch. Modehaus-Inhaber Claus-Wilhelm Vocke: „Die Frage ist, ob es Esprit noch genug Zeit bleibt, die wichtigen Veränderungen umzusetzen.“ Und Isa Aurich, die zwölf Monomarkenstores führt, darunter zwei von Esprit, meint: „Von der modischen Aussage her ist die Kollektion mittlerweile gut, aber die Ware ist oft nach wie vor zu teuer.“

Einigen Händlern könnte der Geduldsfaden schon bald reißen. In den letzten Monaten gab es massive Lieferverzögerungen und Fehllieferungen. Hintergrund der Misere ist ein Projekt, das noch vor der Ära Martinez angeschoben wurde. In dem Wunsch, möglichst alles auf einen Schlag besser zu machen, machte Esprit einen Fehler, der allen übereifrigen Schrankausmistern passiert. Statt Fach für Fach und Schublade für Schublade auszuräumen, auszusortieren und wieder einzuräumen, werfen sie einfach den kompletten Schrankinhalt in einem großen Haufen auf den Boden – und schaffen damit noch mehr Chaos als Ordnung. So hat Esprit gleichzeitig die Logistik am Standort Mönchengladbach zentralisiert und auch vollautomatisiert. Als wäre das nicht genug, wurde die IT des Konzerns auf SAP umgestellt. Damit war das Chaos perfekt.

Enger finanzieller Spielraum


Esprit-Chef Martinez hat sich deshalb vor kurzem mit einem Brief persönlich an die Händler gerichtet: "Für die ärgerlichen Fehler, die Ihnen die Zusammenarbeit mit uns erschwert haben, entschuldige ich mich heute in aller Form", heißt es darin. Hoffen kann Martinez nun nur auf die Geduld der Partner, die er, wie er selbst einräumt, "strapaziert" habe.

Esprit kämpft aber nicht nur mit hausgemachten Problemen und Folgen strategischer Irrwege. Esprit muss sich wie alle stationären Händler damit befassen, wie sich traditionelle Ladengeschäfte und Online-Vertriebswege besser miteinander verknüpfen lassen. Gerrit Heinemann, Professor für Betriebswirtschaftslehre mit dem Schwerpunkt Trade und Retail und Leiter des eWeb Research Centers an der Hochschule Niederrhein: "Esprit klebt wie viele andere Modehersteller am Fliegenfänger des stationären Handels“.

Nach einer Studie der Gesellschaft für Konsumforschung GfK, werden Modewaren zwar schon zu 23 Prozent über Online-Kanäle gekauft - bis 2020 könnte der Anteil sogar auf 40 Prozent steigen - das heißt, aber nach wie vor müssen die Label einen Großteil des Umsatzes über den stationären Handel erwirtschaften. "Der Schlüssel zur Stärkung des stationären Handels liegt in der Smartphone-Technologie und die damit nutzbaren Location Based Services" - also z.B. über Apps die der Kunde nutzen kann, während er im Geschäft steht - etwa einen Code am Kleiderbügel einscannt und ein Video von der Produktion des T-Shirts auf dem Smartphone anschauen kann.

Angesichts der offensichtlich enormen Restrukturierungsaufwendungen hält es Heinemann für fraglich, ob Esprit den finanziellen Spielraum für die Systeminvestitionen hat, um alle Kanäle offline, online und mobile auf Kanalexzellenz zu trimmen und auf den neuesten Stand zu bringen, wie Nordstrom oder Macys das derzeit vormachen.

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Esprit-Deutschland-Chef Brockmann sieht sich gut gerüstet. Er rechnet "mit starken Impulsen unserer Online-Erfahrung auf den stationären Handel". Was genau er damit meint, verrät er allerdings nicht, spricht nur von "Projekten" beim "Multichannel-Ansatz", über die er sich nicht näher äußern möchte. Was Esprit für die kommenden Monate plant? Aufräumen, aufräumen, aufräumen. Brockmann: „Jetzt geht es erst einmal darum, die Ansprüche die unsere Kunden an die Marke haben, dauerhaft wieder erfüllen zu können." Bevor man neue Geschäftsfelder aufmache oder in weitere Märkte expandiere, werde Esprit dafür sorgen, "das Kerngeschäft in saubere und sichere Bahnen zu lenken.“

Es bleibt eine Frage des Geldes, ob Esprit in der Zeit, die Handel und Kunden der Marke noch lassen, es schafft wieder auf die Beine zu kommen. "Wir blicken hoffnungsvoll in die nächsten Monate", sagt Brockmann. Esprit hofft, wie wohl jedes in die Jahre gekommene Model, auf das ganz große Comeback.

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