Otto-Tochter EOS: Inkasso wächst dank Schuldenkrise
Die Verbraucherzentralen wollen bei Inkasso-Unternehmen aufräumen. "Unseriöses Inkasso ist eine bedrohliche Plage. Abzocke und Einschüchterung müssen endlich gestoppt werden", fordert Gerd Billen, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbandes. "Seriöses Inkasso ist legitim und sinnvoll. Aber auch hier kann es nicht ohne Regeln weitergehen."
Foto: fotolia.comDenn bei den Verbraucherzentralen häufen sich die Beschwerden über Forderungen von Inkasso-Büros. Von Juli bis September 2011 sammelten die Verbraucherschützer mehr als 4000 Beschwerden. Die Auswertung ergab: 99 Prozent davon waren berechtigt, die Inkassounternehmen beziehungsweise deren Praktiken unseriös.
Foto: fotolia.comInsgesamt beschwerten sich die Verbraucher über 116 Schuldeneintreiber. 19 davon waren nicht einmal im Rechtsdienstleistungsregister eingetragen und dürfen deshalb schon per Gesetz kein Geld eintreiben. Die meisten Beschwerden gingen über die Deutsche Zentral Inkasso GmbH ein: 1.459 Menschen reklamierten bei der Verbraucherzentrale. Das ist ein stattlicher Anteil von 40 Prozent. Der Zweitplatzierte in diesem unrühmlichen Ranking vereint nur noch 226 Einträge auf sich. Das ergibt sechs Prozent aller Beschwerden. Stolz muss die "blue 180. Vermögensverwaltungs GmbH" darauf trotzdem nicht sein.
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Häufig steht in den Inkasso-Schreiben nicht einmal, wofür Geld bezahlt werden soll und von wem die Forderung stammt. Es fehlt eine Auflistung wie Gläubiger, Adresse, Vertragsschluss und Datum. Ohne diese Information lässt sich natürlich nicht bewerten, ob eine Forderung berechtigt ist. Die Erfahrung der Verbraucherzentralen zeigt, dass sich die Geldeintreiber häufig weigern, diese Information preis zu geben. Stattdessen schicken sie neue Schreiben mit höheren Mahngebühren, weil der Schuldiger auf "zahlen Sie Summe x" nicht reagiert.
Foto: fotolia.comDarüber hinaus können Inkassounternehmen ihre Gebühren völlig frei bestimmen und erreichen teils astronomische Höhen. Die Kosten einer Inkassoforderung setzen sich im Regelfall zusammen aus: Der Hauptschuld, den Mahngebühren des Gläubigers, den Inkassokosten und etwaigen Auslagen des Inkassounternehmens. Manche berechnen auch Kontoführungsgebühren, Verzugszinsen oder Ermittlungskosten. Jedoch gaben nicht alle an, wie sich ihre Forderungen zusammen setzen.
Foto: fotolia.comIm Regelfall ging es bei den Inkasso-Verfahren um geringe Summen. In der Stichprobe der Verbraucherzentrale lagen alle Beträge unter zehn Euro. Mithilfe der Inkassogebühren explodierten die sogenannten Bagatellforderungen. So lag die durchschnittliche Hauptforderung bei 5,42 Euro. Mit Gebühren sollte der Schuldner durchschnittlich 69,70 Euro zahlen. Die niedrigste Hauptforderung betrug zwei Cent.
Foto: dpa/dpawebDie meisten Forderungen der Inkassobüros entstehen durch Abofallen im Internet (54 Prozent). Mit dem Aufrufen einer Homepage oder dem Download einer Datei entstehen Gebühren, die zuvor nicht deutlich ausgewiesen waren. In so einem Fall ist die Forderung nicht berechtigt, weil dem Verbraucher das Abonnement oder die Kosten "untergeschoben" wurden. Fast ein Drittel (27 Prozent) kam durch Gewinnspiele zustande und zu 26 Prozent durch am Telefon offerierte Verträge.
Die Inkassounternehmen, die den Verbraucherschützern negativ auffielen, arbeiteten besonders häufig mit den Anbietern solcher Produkte zusammen. So tritt die Deutsche Zentral Inkasso GmbH häufig für die für Internet-Vertragsfallen bekannte Webtains GmbH oder die Premium Content GmbH in Erscheinung.
Nachdem die Schreiben im Briefkasten landeten, fühlten sich 75 Prozent der Empfänger bedroht. Zum einen liegt das an den weiteren Schritten, die die Schuldeneintreiber ankündigen:
Die reichen vom Schritt vor Gericht, über einen "Hausbesuch", bis zu Zwangsvollstreckungen, Lohn- und Kontopfändungen. Bei letzterem betonte laut Verbraucherzentrale besonders das Unternehmen Teschinkasso, dass eine Zwangsvollstreckung mit einer Verhaftung einhergehen kann.
Zum anderen ist die in den Briefen verwendete Sprache eher aggressiv: "Wir haben Sie nicht vergessen" klingt wenig vertrauenseinflößend.
Foto: fotolia.comViele sind so eingeschüchtert, dass sie bezahlen. Obwohl die meisten Forderungen unberechtigt, beziehungsweise schon beglichen sind. So erwähnt die Verbraucherzentrale ein Beispiel, bei dem UGV-Inkasso eine Forderung in Höhe von 20,84 Euro eintreiben sollte. Mit Mahn- und Inkassogebühren sollte der Schuldner 169,21 Euro zahlen. Innerhalb von rund acht Jahren explodierte die Summe auf 1206,37 Euro, obwohl der Schuldner in der Zeit ein Vielfaches gezahlt hat.
Foto: fotolia.comDeutsche Unternehmen dürften in Südeuropa derzeit kaum Beliebtheitspreise gewinnen – erst recht, wenn sie in der Inkassobranche tätig sind. Dennoch hat Finanzdienstleister EOS das Geschäft vor allem in Spanien zuletzt deutlich ausgebaut. „Die Banken verkaufen Kreditpakete, die ihre Bilanzen belasten“, sagt EOS-Chef Hans-Werner Scherer. „Wir haben die Situation genutzt und Pakete erworben.“ Zudem hat EOS in Spanien die Inkassotöchter der Banken Pastor und Popular übernommen und damit das Exklusivrecht zum Eintreiben überfälliger Forderungen, meist Konsumentenkredite etwa für neue Möbel.
Das Ziel: EOS will die Krise aussitzen und hofft, dass die Schuldner ihre Außenstände doch noch begleichen. Bis dahin setzt der Konzern nach eigenen Angaben auf kleinere Raten oder akzeptiert Zahlungspausen von Konsumenten. „Die spanischen Schuldner zahlen – zwar auf niedrigerem Niveau, aber sie zahlen“, sagt Scherer.
Vor Ort trifft das Inkasso der Deutschen derweil auf wenig Gegenliebe. So meldet die spanische Verbraucherschutzorganisation Facua viele Beschwerden über EOS, vor allem bei Forderungen von Telekommunikationsunternehmen. Handyanbieter, Stromversorger und Banken zählen zu den wichtigsten Auftraggebern. „Wir haben das Unternehmen oftmals darüber unterrichtet, dass sich Konsumenten beklagen, weil EOS Schulden einzutreiben versuchte, die gar nicht existierten“, sagt eine Sprecherin von Facua.
Auch in Online-Foren wird Kritik laut. „Ich habe eine Hypothek bei Banco Pastor, und bis jetzt habe ich jeden Monat bezahlt, jetzt bin ich arbeitslos und habe keine Einkünfte“, klagt etwa ein Nutzer mit dem Pseudonym „suka Rojo“. „Diesen Monat habe ich nur 450 Euro von meiner Rate bezahlt und bin 200 Euro schuldig geblieben – und die Bank hat die Leute von EOS auf mich gehetzt, die rufen mich jetzt ständig an und schicken mir SMS.“
Die Auswirkungen der Krise in Spanien bekommt EOS derweil auch in anderen Regionen zu spüren. „Rumänische Gastarbeiter haben früher aus Spanien oft Geld nach Hause geschickt“, sagt Scherer. „Damit wurden teilweise Rechnungen beglichen, die wir verwalten.“ Dann brach die Krise in Spanien aus, und plötzlich konnten auch rumänische Schuldner ihre Raten nicht bezahlen.
Mit einer Präsenz in mittlerweile 27 Ländern ist EOS breit genug aufgestellt, um Rückschläge in einzelnen Regionen zu verkraften. Der wichtigste Markt bleibt Deutschland: Rund 45,5 Prozent der Umsätze entfielen zuletzt auf das Geschäft in der Heimat. Westeuropa steuerte 21,1 Prozent bei, Osteuropa 16,2 Prozent. Wachstumschancen sahen die Hamburger in den vergangenen Jahren auch in Nord- und Südamerika. So übernahm EOS im November 2011 einen kanadischen Inkassodienstleister, der nun eng mit der US-Tochter von EOS zusammenarbeitet. Auch beim brasilianischen Schulden-Samba verdient die Otto-Tochter mit. Dort übernahm EOS die Mehrheit an Hoepers Recuperadora de Crédito, einem der größten Inkassoanbieter des Landes.