1. Startseite
  2. Unternehmen
  3. Handel
  4. Anton Schlecker mit Bewährungsstrafe, Kinder in Haft

Pleite-ProzessAnton Schlecker kommt glimpflich davon – seine Kinder nicht

Der Richterspruch aus Stuttgart überrascht: Anton Schlecker muss nicht ins Gefängnis, seine Kinder aber schon. Ein Schlussstrich unter dem Fall Schlecker ist das Urteil jedoch noch lange nicht.Sebastian Schaal 27.11.2017 - 13:51 Uhr

Anton Schlecker vor dem Landgericht Stuttgart.

Foto: REUTERS

Paukenschlag am Stuttgarter Landgericht: Anton Schlecker muss nicht ins Gefängnis, seine Kinder hingegen schon. Während der 73-Jährige wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 54.000 Euro verurteilt wurde, kamen seine Kinder nicht so glimpflich davon: Meike (44) muss für zwei Jahre und acht Monate in Haft, ihr Bruder Lars (46) sogar noch einen Monat länger – unter anderem wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott.

Im Zentrum des Verfahrens stand eine Frage: Hat Anton Schlecker aus Gier Geld verschoben, als die Insolvenz nicht mehr abzuwenden war?

Auch nach neun Monaten an Gerichtsverhandlungen hielten es die Staatsanwälte für erwiesen, dass Schlecker im Angesicht der drohenden Pleite seines Drogerie-Imperiums Millionen für sich und seine Kinder beiseite geschafft hat. Da er die Insolvenz hätte kommen sehen müssen, so die Ankläger, hätte er sich schuldig gemacht – in zwei der zahlreichen Anklagepunkte sogar in einem besonders schweren Fall des vorsätzlichen Bankrotts.

Das sah die Große Wirtschaftskammer des Stuttgarter Landgerichts unter dem Vorsitzenden Richter Roderich Martis am Ende in dieser Form nicht als erwiesen an und blieb mit dem Strafmaß deutlich unter den von Staatsanwalt Thomas Böttger geforderten drei Jahren Haft.

Stationen der Schlecker-Insolvenz
Schlecker meldet Insolvenz an.
Das Verfahren wird eröffnet. Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz hofft noch auf die Rettung von Teilen der Drogeriekette.
Es wird bekannt, dass Anton Schlecker sein Privathaus im Wert von zwei Millionen Euro vor der Insolvenz an seine Frau übertragen hat. Ein zweites Grundstück soll sein Sohn bekommen haben.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart leitet ein Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Untreue, Insolvenzverschleppung und Bankrott gegen Anton Schlecker ein.
Die Schlecker-Gläubiger fordern mehr als eine Milliarde Euro.
Der österreichische Investor Rudolf Haberleitner will 2013 bis zu 600 ehemalige Schlecker-Filialen mit dem Konzept eines modernen Tante-Emma-Ladens wiederbeleben.
Gut ein Jahr nach der Pleite zahlt die Familie Schlecker dem Insolvenzverwalter 10,1 Millionen Euro. Hintergrund ist der Streit um übertragenes Vermögen aus dem Unternehmen.
Haberleitner will einstige Schlecker-Filialen unter dem Namen Dayli wiederbeleben und Testläden in Deutschland eröffnen.
Noch vor dem geplanten Deutschland-Start ist der Schlecker-Nachfolger Dayli pleite.
Die Staatsanwaltschaft Stuttgart erhebt Anklage gegen Anton Schlecker wegen vorsätzlichen Bankrotts.
Der Insolvenzverwalter reicht Klage gegen ehemalige Schlecker-Lieferanten ein. Sie sollen Schlecker wegen illegaler Preisabsprachen um viel Geld gebracht haben. Geiwitz will Schadenersatz in Millionenhöhe.
Es wird bekannt, dass das Landgericht die Anklage zulassen will. Der Schlecker-Prozess soll im März 2017 beginnen.
Der Prozess vor dem Landgericht Stuttgart beginnt.
Staatsanwalt Thomas Böttger fordert für Anton Schlecker drei Jahre Haft. Lars Schlecker soll nach dem Willen der Staatsanwälte zwei Jahre und zehn Monate in Haft, Meike zwei Jahre und acht Monate. Die Verteidigung hält die Forderungen für „überzogen“, nennt aber selbst kein empfohlenes Strafmaß.
Das Urteil des Landgerichts Stuttgart ist am Ende doch eine Überraschung: Anton Schlecker muss nicht ins Gefängnis. Das Gericht verurteilte den 73-Jährigen wegen vorsätzlichen Bankrotts zu einer zweijährigen Bewährungsstrafe und einer Geldstrafe von 54.000 Euro. Schleckers Kinder Lars (46) und Meike (44) wurden dagegen zu Haftstrafen von zwei Jahren und acht Monaten beziehunsgsweise zwei Jahren und neun Monaten verurteilt, unter anderem wegen Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott.

Anders bei Lars und Meike Schlecker, hier folgten die Richter den Staatsanwälten. Ihnen hatte Böttger im Kern zwei Dinge zur Last gelegt:

  • Den Kindern gehörte eine Logistikfirma namens LDG, die die Ware aus den Schlecker-Zentrallagern in die zeitweise 8000 Filialen transportierte – und dafür nach den Erkenntnissen der Strafverfolger zu viel Geld kassierte. Damit habe die Familie ihrem Unternehmen Millionen entzogen, die den Gläubigern am Ende fehlten – für Böttger ein „besonders schwerer Fall des vorsätzlichen Bankrotts“. Zudem hätten sie für die LDG selbst viel zu spät Insolvenz angemeldet.
  • Anton Schlecker hatte drei Tage vor dem Gang zum Insolvenzrichter in Ulm zwei Immobilien einer Österreich-Tochter und der Drogeriekette „Ihr Platz“ in Osnabrück für sieben Millionen Euro zu Gunsten seiner Kinder verkauft. Das Geld ließen sich Lars und Meike noch am gleichen Tag als Gewinnausschüttung auf ihre Konten überweisen.

Anton Schlecker

„Willst du den sicheren Ruin eines Unternehmens, gib ihm 30 Jahre Erfolg.“

(Aus: Die Zeit, 17.11.2005)

Foto: dpa

Erwin Müller (Schlecker-Konkurrent)

„Schlecker ist ein so großer Elefant, dem kann keiner wehtun.“

(Aus: Focus, 23.11.2009)

Foto: dpa

Meike Schlecker

„Es ist kein signifikantes Vermögen mehr da, das dem Unternehmen hätte helfen können.“

(bei ihrer Pressekonferenz am 30.1.2012 auf die Frage nach dem Privatvermögen der Familie Schlecker, Badische Zeitung, badische-zeitung.de)

Foto: REUTERS

Anton Schlecker

„Wir brauchen keinen Strategieberater.“

(Aus: Manager Magazin, im Januar 2010)

Foto: dpa

Ursula von der Leyen

„Die Kreditanstalt für Wiederaufbau beim Bund würde einen Kredit geben, wenn die Länder für diesen bürgen. Ich hoffe, dass jetzt alle Bundesländer Ihren Teil zur Lösung beisteuern, denn die Schlecker Filialen gibt es in allen Bundesländern und die von Entlassung bedrohten Mitarbeiterinnen brauchen eine neue Perspektive.“

(Aus: Welt, 24.03.2012)

Foto: AP

Steffen Seibert

„Es gibt Gründe für eine Transfergesellschaft, und es gibt sehr gute Gründe dagegen. Diese Entscheidung oblag aber nicht der Bundesregierung, sondern sie oblag den Ländern.“

Erklärte der Regierungssprecher nach der Ablehnung einer Transfergesellschaft für die Schleckermitarbeiter aufgrund der Gegenstimmen der FDP. (Aus: FAZ, faz.net, 30.03.2012)

Foto: dpa

Philipp Rösler (Bundeswirtschaftsminister von 2011 bis 2013)

„Jetzt gilt es für die Beschäftigten – vornehmlich Frauen, einzelne Mütter und ältere Frauen – schnellstmöglich eine Anschlussverwendung selber zu finden.“

(Aus: Handelsblatt, handelsblatt.com, März 2012)

Foto: dpa

Götz Werner, Gründer der Drogeriemarkt-Kette dm

„Man wird nicht dadurch stabiler, dass man wächst. Man wird nur instabiler. Stärker wird man dadurch, dass man sich verändert.“

(Aus: Handelsblatt, 1.6.2012)

Foto: dpa

Dirk Roßmann

„Schleckers Expansionsstrategie war mir irgendwann auch ein Rätsel. Nur auf Masse setzen, das funktioniert nicht.“

Der Schlecker-Konkurrent über die sukzessive Ausdehnung des Konzerns. (Aus: Handelsblatt, 1.6.2012)

Foto: dpa

Christa Schlecker

„Mitarbeiter sind wie Möbel: wenn sie einem lästig sind, wirft man sie einfach raus.“

Zitiert von einem ehemaligen Schleckerdirektor, (Aus: Handelsblatt, 01.06.2012).

Foto: dpa

Lars und Meike Schlecker

„Für unseren Vater und auch für unsere Mutter, die beide gemeinsam das Unternehmen aufgebaut und geführt haben, ist ihr Lebenswerk komplett zusammengebrochen. Aber auch wir Kinder liegen oft wach und grübeln. Da gibt es kein Zurück in die Normalität, denn die Firma war für uns alle Lebensinhalt – und da ist jetzt erst einmal ein großes Nichts. Was uns alle ganz besonders schmerzt, ist, das Schicksal der vielen Schlecker-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeitern hier in Deutschland, in der Fläche, in der Zentrale und in allen Ländern.“

Persönliches Statement vom 22.6.2012, (Aus: tagesspiegel.de)

Foto: dpa

Meike und Lars Schlecker

„Was die gesamte Darstellung unserer Vermögenslage angeht, so möchten wir richtigstellen, dass wir in den vergangenen Jahren und durch die Insolvenz ebenfalls das Allermeiste verloren haben und die kursierenden Angaben merklich über der Wirklichkeit liegen. Wir werden jedoch nicht tiefer unser Vermögen in den Medien offenlegen, da dies immer noch unsere Privatsache ist.“

Persönliches Statement vom 22.6.2012, (Aus: tagesspiegel.de)

Foto: dpa

Lars und Meike Schlecker

„Übertragungen insbesondere in den letzten vier, aber auch in den letzten zehn Jahren, die im Sinne des Insolvenzrechtes rückübertragen werden müssen, werden selbstverständlich diskutiert und ggf. auch rückübervergütet.“

Persönliches Statement vom 22.6.2012 zu den Vorwürfen, Anton Schlecker habe vor der Insolvenz Geld an seine Kinder überwiesen, um es vor der Insolvenz zu schützen (Aus: tagesspiegel.de).

Foto: dpa

Götz Werner

„Natürlich hätte das Schlecker-Aus verhindert werden können.“

Meinte der dm-Gründer im Südkurier, (Aus: suedkurier.de 11.9.2012)

Foto: dpa

Anklageschrift

„Allerspätestens Ende 2009 war Anton Schlecker klar, dass ihm die Zahlungsunfähigkeit drohte. Trotzdem schuf er mehrfach Geld beiseite und entzog es damit dem Zugriff seiner Gläubiger. Herr Schlecker war angetrieben von einem „überzogenen, rücksichtslosen und sittlich anstößigen Erwerbsinteresse“.“

Staatsanwaltschaft Stuttgart, zitiert in Die Zeit vom 9.3.2017.

Foto: dpa

Schlecker-Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz

„Schlecker war – wie viele andere Patriarchen in der deutschen Wirtschaft – sicherlich beratungsresistent und hat zu spät auf die Krise seines Unternehmens reagiert.“

(Aus: WirtschaftsWoche, 23.1.2017)

Foto: dpa

Arndt Geiwitz

„Nach meinem Dafürhalten wurde Anton Schlecker von der Insolvenz überrascht. Er war überzeugt, dass er vom Einkaufsverbund Markant wieder ein Lieferantendarlehen bekommt. Dass dieses überraschend ausblieb, war der Anfang vom Ende.“

(Aus: Stuttgarter Nachrichten, 5.3.2017)

Foto: dapd

Leni Breymaier, SPD-Landesvorsitzende in Baden-Württemberg

„Er war ein Geizhals. Er hat gedacht, wenn er spart, dann kommt er zu viel.“

(Aus der TV-Sendung „Hart aber fair“ vom 6.3.2017)

Foto: dpa

Staatsanwaltschaft

„Anton Schlecker wollte frei schalten und walten. Aber wer das will, muss in der Krise auch sein Vermögen zusammenhalten.“

Staatsanwalt Christoph Buchert vor Gericht am 9.3.2017.

Foto: dpa

Anton Schlecker

„Dass dieses Unternehmen wirklich kaputtgehen könnte, war für mich völlig unvorstellbar.“

(Vor Gericht am 13.3.2017)

Foto: dpa

Anton Schlecker

„Ich habe die Pleite nicht kommen sehen. Ich erinnere mich nicht an Liquiditätsprobleme, die ich für nicht überwindbar gehalten hätte.“

In einer Stellungnahme als Teil seines Bankrottprozesses am 13.3.2017. (Aus: Tagesspiegel)

Foto: dpa

Schleckerfrau aus Stetten

„Es kann doch nicht sein, dass die sich hier acht Anwälte leisten können. Uns haben die immer immer nur erzählt, es sei kein Geld mehr da.“

Schleckerfrau Andrea Straub am 9.3.2017 in Die Zeit.

Foto: dpa

Dirk Roßmann

„Anton Schlecker war über Jahrzehnte der Verführung erlegen, sich mit seinem Erfolg zu identifizieren. Seit der Insolvenz habe ich ihn und seine Familie nicht wiedergesehen.“

(Aus: Die Zeit, 16.3.2017)

Foto: dpa

Dirk Roßmann

„Die sich in den letzten Jahren abzeichnende Unternehmenskrise wollte er (Schlecker) lange nicht wahrhaben und verdrängte die Realität. Der Durchschnittsumsatz einer Schlecker-Filiale betrug zuletzt nur noch einen Bruchteil von dem der beiden Marktführer dm und Rossmann. Damit verschlechterte sich die Wettbewerbsfähigkeit entscheidend.“

Dirk Roßmann über Anton Schlecker in Die Zeit, 16.3.2017.

Foto: dpa

Arndt Geiwitz

„Die Philosophie von Anton Schlecker war immer, durch extreme Größenvorteile Preisvorteile zu erreichen. Dieser Blickwinkel war sicherlich zu einkaufsorientiert und zu wenig kundenorientiert.“

Berichtete der Insolvenzverwalter im Bankrottprozess im Juli 2017. (Aus: Rheinische Post, 18.7.2017)

Foto: dapd

Schleckerfrau

„Selbst wir wussten von Läden, die keinen Umsatz bringen – das müssen die da oben doch erst recht gewusst haben!“

Anja Reichstein, Schleckerfrau, bei Cicero Online.

Foto: dpa

Schlecker-Steuerdirektor

„Seit 2004 wurde operativ mehr oder weniger kein Geld mehr verdient.“

So der ehemalige Schlecker-Steuerdirektor in einer polizeilichen Vernehmung (n-tv.de vom 4.4.2017).

Foto: dpa

Ein Punkt, mit dem sich die Staatsanwaltschaft sicher keinen Gefallen getan hat: In der zu Prozessbeginn vorgetragenen Anklage hieß es noch, dass Schlecker Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit drohte – angemeldet hatte Schlecker die Insolvenz im Januar 2012. Im Laufe des Verfahrens rückten die Staatsanwälte aber von ihrer Anklage ab und hielten später Ende 2010 für den Zeitpunkt, ab dem die Pleite nicht mehr abzuwenden war.

„Nach Überzeugung der Kammer drohte die Zahlungsunfähigkeit ab dem 1. Februar 2011“, sagte Martis. Deshalb setzte das Gericht im Falle von Anton Schlecker die Summe, die dem Unternehmen entzogen wurde, deutlich geringer an als die Staatsanwaltschaft – was das geringere Strafmaß erklärt.

Die Schlecker-Familie auf der Anklagebank
Der 73-Jährige ist der große Unbekannte. Selbst örtliche Politiker und Wirtschaftsvertreter hatten kaum Kontakt zu ihm. Nach der Pleite soll sich Anton Schlecker auch von Vertrauten zurückgezogen haben. Der gelernte Metzgermeister eröffnete 1975 den ersten Schlecker-Markt. Bereits zwei Jahre später betrieb er mehr als 100 Filialen. Er baute ein Imperium auf und beschäftigte in Glanzzeiten mehr als 55.000 Menschen.
Der heute 46-Jährige saß mit in der Geschäftsführung des Schlecker-Imperiums. Er wurde an der European Business School in London ausgebildet und machte 2000 an der Steinbeis-Hochschule in Berlin seinen Master of Business Administration. Zu Zeiten des Internet-Hypes sammelte Lars Schlecker unternehmerische Erfahrungen als Gesellschafter des B2B-Portals Surplex.com.Mit seiner Schwester verbindet ihn eine schreckliche Erfahrung: An Weihnachten 1987 wurden die Schlecker-Kinder entführt. Vater Anton handelte die Lösegeldforderung der Erpresser von 18 auf 9,6 Millionen Mark herunter. Das Geld wurde gezahlt, die Kinder konnten sich aber selbst befreien. Nach einem Bankraub wurden die Entführer 1998 gefasst. Lars Schlecker ist verheiratet und lebt in Berlin.
Lars' zwei Jahre jüngere Schwester (44) legte eine mustergültige Karriere vor. Sie studierte an der renommierten IESE Business School in Barcelona, ist aber schon etwa seit dem Jahr 2000 im Unternehmen beschäftigt. Meike Schlecker war es, die sich 2012 vor Journalisten stellte, um die Pleite zu verkünden. Es war der erste öffentliche Auftritt der Familie seit dem Prozess gegen die Entführer der Kinder 1999. Meike Schlecker ist geschieden; sie lebt in London.
Ende Mai durfte Christa Schlecker die Anklagebank verlassen. Sie erklärte sich bereit, 60.000 Euro an gemeinnützige Organisationen zu zahlen – das Verfahren wurde eingestellt. Über Anton Schleckers Frau ist am wenigsten bekannt. Die 69-Jährige wird als „resolut“ beschrieben. Sie galt als enge Vertraute Antons und soll zusammen mit ihm das berüchtigte Kontrollnetz über Mitarbeiter errichtet haben.

Im Nachgang der Pleite gab es darüber die unterschiedlichsten Äußerungen. „Nach meinem Dafürhalten wurde Anton Schlecker von der Insolvenz überrascht“, sagte etwa der Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz vor Prozessbeginn. „Er war überzeugt, dass er vom Einkaufsverbund Markant wieder ein Lieferantendarlehen bekommt. Dass dieses überraschend ausblieb, war der Anfang vom Ende.“ Ein ehemaliger Steuerdirektor des Drogerie-Imperiums soll hingegen in einer polizeilichen Vernehmung ausgesagt haben, dass „seit 2004 operativ mehr oder weniger kein Geld mehr“ verdient wurde.

Die Schlecker-Insolvenz in Zahlen
... Menschen kostete die Schlecker-Pleite den Job
... Mitarbeiter hatte Schlecker zu Bestzeiten
... Schlecker-Märkte gab es vor der Insolvenz im In- und Ausland
... Euro zahlte ein Hilfsfonds an Ex-Mitarbeiter
... Milliarde Euro forderten Gläubiger nach der Pleite
... Millionen Euro zahlte Anton Schleckers Familie an die Insolvenzverwaltung

Eines kann man der Großen Wirtschaftskammer unter Richter Martis nicht vorwerfen: Dass sie nicht genug ins Detail gegangen sind. Über Stunden wurden Zahlenkolonnen und Kontoauszüge seziert, Gutachter gehört und mit früheren Wegbegleitern der Mensch Anton Schlecker in dem von ihm geschaffenen Imperium beleuchtet. In den Anhörungen zeichneten die Zeugen ein Bild eines Patriarchen, der kein Widerwort duldete und sich systematisch von Kritik abschottete. Selbst Direktoren sollen sich bis zur Insolvenz davor gescheut haben, dem Chef schlechte Nachrichten überbringen zu müssen.

Nur: Weder Starrsinn noch schlechte Unternehmensführung und auch Insolvenzverursachung sind ein Straftatbestand.

1975

Der 1944 geborene Anton Schlecker, Sohn eines Fleischwarenfabrikanten, eröffnet in Kirchheim unter Teck seinen ersten Drogeriemarkt. Schleckers Strategie: Er eröffnet die Läden an
strukturell wenig attraktiven Standorten in Wohngebieten. Die Filialen sind klein und spartanisch ausgestattet. Schlecker handelt mit Lieferanten beste Konditionen und lange Zahlungsziele aus, um so die Expansion zu finanzieren. Und seine Kette expandiert schnell: Schon zwei Jahre später zählt Schlecker mehr als 100 Filialen, 1984 gibt es bereits 100 Drogeriemärkte.

Foto: WirtschaftsWoche

1987

Die Kinder der Schleckers, Lars (r.) und Meike (nicht im Bild) werden am 22. Dezember entführt. Ihr Vater handelt das Lösegeld von 18 auf 9,6 Millionen D-Mark herunter, die Summe, über die er versichert ist. Kurz vor Heiligabend können sich die Kinder selbst befreien. Die Täter werden 1998 gefasst.

Foto: dpa Picture-Alliance

1987-1998

Im Jahr 1987 eröffnet Schlecker die ersten Filialen im Ausland. Er expandiert wie im Rausch: 1995 kommt Schlecker bereits auf 5800 Filialen und beschäftigt rund 25.000 Mitarbeiter.

Doch Schleckers Image als Arbeitgeber leidet: 1994 wird der Familie vorgeworfen, Scheinarbeitsverhältnisse zu betreiben und unter Tarif zu bezahlen. Auch die Gründung von Betriebsräten soll systematisch blockiert worden sein. 1998 werden Anton Schlecker und seine Ehefrau Christa zu jeweils zehn Monaten auf Bewährung verurteilt. Der Grund: Das Amtsgericht Stuttgart sieht es als erwiesen an, dass das Ehepaar seinen Mitarbeitern tarifliche Bezahlung vortäuschte

Foto: imago images

2007 kauft die Drogeriekette den insolventen Konkurrenten Ihr Platz. 700 Standorte kommen auf einmal dazu, Schlecker zählt 14.400 Ableger in 17 Ländern. Ein Höhepunkt.

Foto: dapd

2011 holt Anton Schlecker seine beiden Kinder Lars (links) und Meike (rechts) in die Unternehmensführung. Zuvor war die Drogeriekette wieder einmal wegen dem Umgang mit den Mitarbeitern in die Kritik geraten. Laut Medienberichten überwachte Schlecker seine Mitarbeiter, auch der Vorwurf der schlechten Bezahlung wurde erneut erhoben. Viele Medien sehen die neue Familiengeneration an der Spitze als Ablenkungsmanöver.

Foto: dapd

Mit einer Marketingkampagne wollte das Unternehmen sein angeschlagenes Image 2011 wieder aufpolieren. Doch der Denglisch-Spruch „For you. Vor Ort.“ stößt bei Sprachwächtern auf Kritik. Ein Sprecher des Unternehmens rechtfertigt sich in einem Brief damit, dass die Kunden ein „niedriges Bildungsniveau“ hätten – der Brief gerät an die Öffentlichkeit und löst einen Shitstorm aus.

Gleichzeitig machen sich die Bilanzprobleme immer stärker bemerkbar. Noch im selben Jahr werden 600 Filialen geschlossen, weitere sollen 2012 folgen.

Foto: imago images

For You. Vor Ort. Vorbei.

Doch es kommt noch schlimmer: Am 23. Januar 2012 meldet Anton Schlecker Insolvenz an. Da Privat- und Firmenvermögen nicht getrennt sind, ist er auch persönlich pleite. Rund 2400 Läden sollen geschlossen werden. Die Subunternehmen von Schlecker müssen ebenfalls dran glauben: Neben Tankstellen ist das u. a. der Drogeriemarkt Ihr Platz. Alle Mitarbeiter verlieren ihre Jobs.

Foto: dapd

Der Mann, der das Schlecker-Schlachtfeld aufräumen muss, heißt Arndt Geiwitz. Der Insolvenzverwalter muss nicht nur weitere Filialen schließen, er kündigt auch die Entlassung von mehr als 11.700 Mitarbeitern an. Doch nicht nur die geschäftlichen Beziehungen Anton Schleckers gerieten in den Fokus der Aufmerksamkeit. Auch die Frage nach dem Vermögen der Familie erhitzen die Gemüter. Geiwitz nimmt sich auch den Gründer persönlich vor und fechtet unter anderem die Vermögensübertragungen von Anton Schlecker an Familienangehörige an.

Foto: dpa

Schnell wird der Ruf nach der Politik laut. Doch die Bundesländer sind gespalten: Während Baden-Württemberg Geld für eine Auffanggesellschaft für die Mitarbeiter bereitstellen will, lehnt Niedersachen (im Bild: der damalige FDP-Wirtschaftsminister Jörg Bode) jegliche Hilfen ab. Auch der Bund verweigert eine Beteiligung der Kfw an einer solchen Gesellschaft. Am Ende scheitern die Auffangpläne am Veto der FDP in Bayern. 25.000 Schlecker-Mitarbeiter, größtenteils weiblich, verlieren ihren Job.

Foto: dpa

Ein Investor kann trotz längerer Suche nicht gefunden werden. Als Grund für die Schlecker-Pleite gelten nicht nur interne Probleme, sondern auch die starke Konkurrenz von Drogeriemärkten in Deutschland. Dazu zählen der Marktführer dm sowie Rossmann und Müller. Sie profitieren von der Insolvenz der Konkurrenz: Rossmann etwa fährt nach den Schlecker-Schließungen ein hohes Umsatzwachstum ein.

Foto: dapd

Insgesamt werden durch die Insolvenz Schleckers mehr als 25.000 Menschen arbeitslos. Für den Unternehmensgründer bleibt die Insolvenz auch ein persönlicher Makel: Der Name Schlecker steht heute für eine der größten Unternehmenspleiten in der deutschen Geschichte.

Foto: imago images

Vier Jahre nach der Insolvenz der Drogeriemarktkette Schlecker erhebt die Staatsanwaltschaft Stuttgart im April 2016 Anklage gegen den Gründer Anton Schlecker (im Bild), seine Frau Christa und die beiden Kinder Meike und Lars.

In ihrer 262-seitigen Anklageschrift werfen die Ermittler Schlecker vor, der ehemalige Milliardär habe angesichts der drohenden Insolvenz seines Konzerns Vermögen beiseite geschafft. Gleich dreizehn dieser „Bankrott“-Straftaten soll Schlecker „in besonders schwerem Fall“ begangen haben. Das Gesetz sieht hierfür jeweils eine Höchststrafe von bis zu zehn Jahren vor. Die Strafverfolger werfen Schlecker zudem vor, er habe falsche Angaben in Bilanzen gemacht und eine Falschaussage an Eides statt abgegeben.

Foto: dapd

Im März 2017 beginnt der Prozess vor dem Landgericht in Stuttgart. Im Zentrum des Prozesses steht diese Frage: Wann drohte die Zahlungsunfähigkeit des Unternehmens? War tatsächlich erst Anfang 2012 klar, dass das Unternehmen seine Rechnungen nicht mehr würde bezahlen können? Oder stand das bereits Monate, wenn nicht Jahre früher fest, wie die Staatsanwaltschaft behauptet. Demnach drohte Schlecker nämlich bereits Ende 2009 die Zahlungsunfähigkeit.

Foto: dpa

Am 27.11.2017 endet der Strafprozess vor dem Stuttgarter Landgericht. Das Urteil: Während Anton Schlecker mit einer Geld- und Bewährungsstrafe davon kommt, müssen seine Kinder Lars und Meike in Haft. Bei dem 73-Jährigen sehen die Richter nur den Tatbestand des vorsätzlichen Bankrotts erfüllt, bei den Kindern unter anderem Insolvenzverschleppung, Untreue und Beihilfe zum Bankrott. Die Beiden treten ihre Haftstrafe im Sommer 2019 in Berlin an und werden 2021 vorzeitig entlassen.

Foto: imago images

In den Plädoyers in der vergangenen Woche hatte die Staatsanwaltschaft ihren Vorwurf der Insolvenzverschleppung erneuert. Aus ihrer Sicht hatte der jahrelange Umsatzrückgang schon 2009 zu „massiven Liquiditätslücken“ geführt. Von 2009 an sei es nur noch darum gegangen, „Löcher zu stopfen und sich von einer Liquiditätslücke zur nächsten zu hangeln“.

Fast sechs Jahre ist die Insolvenz der damals größten Drogeriekette Europas inzwischen her, seit März 2017 lief in Stuttgart das Verfahren. Sofern das Urteil Bestand hat, wäre die strafrechtliche Aufarbeitung damit wohl abgeschlossen. Der Schlussstrich unter dem Fall Schlecker ist es aber nicht.

Betrachtet man den Fall nicht nur strafrechtlich, sind die Dimensionen anders. Gut 22.000 Gläubiger haben Forderungen angemeldet, das Volumen liegt bei mehr als einer Milliarde Euro. Einige Hundert Millionen versucht Verwalter Geiwitz mit Kartellklagen gegen damalige Lieferanten einzutreiben. Wie viel er bekommt und wer dann davon und in welchem Maße profitiert – noch nicht absehbar. Und bereits im Dezember beginnt nach Informationen der WirtschaftsWoche ein Zivilverfahren gegen die Ehefrau und Kinder von Anton Schlecker.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
Stellenmarkt
Die besten Jobs auf Handelsblatt.com
Anzeige
Homeday
Homeday ermittelt Ihren Immobilienwert
Anzeige
IT BOLTWISE
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Remind.me
Jedes Jahr mehrere hundert Euro Stromkosten sparen – so geht’s
Anzeige
Presseportal
Lesen Sie die News führender Unternehmen!
Anzeige
Bellevue Ferienhaus
Exklusive Urlaubsdomizile zu Top-Preisen
Anzeige
Übersicht
Ratgeber, Rechner, Empfehlungen, Angebotsvergleiche
Anzeige
Finanzvergleich
Die besten Produkte im Überblick
Anzeige
Gutscheine
Mit unseren Gutscheincodes bares Geld sparen
Anzeige
Weiterbildung
Jetzt informieren! Alles rund um das Thema Bildung auf einen Blick