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Wassersommeliers „Deutschland ist ein Mineralwasser-Schlaraffenland“

Der Wassersommelier Martin Metzinger schaut in ein Glas mit Mineralwasser. Quelle: dpa

Das Mineralwasser-Geschäft boomt und ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Ist Wasser gleich Wasser? Nicht für Wassersommeliers. Sie schmecken feinste Unterschiede heraus – und lassen dafür auch mal den Champagner stehen.

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Für ein gutes Glas Wasser ignoriert Martin Metzinger auch schon mal teuren Champagner. Prüfend lässt der 57-Jährige die Flüssigkeit über die Zunge gleiten. „Schmeckt leicht karbonisiert“, sagt er und schnuppert an der Sprudelflasche. „Riecht neutral.“ Metzinger ist zufrieden: Das Wasser hat den Test bestanden.

Der Mann aus dem pfälzischen Dirmstein ist Wassersommelier – und damit im Weinland Rheinland-Pfalz nahezu ein Exot. Metzinger kann darüber lachen. „Wasser ist doch lebenswichtig. Viele trinken zu wenig und laufen nahezu ausgetrocknet durch die Gegend.“

Das Geschäft mit Mineralwasser boomt in Deutschland und ist längst ein Wirtschaftsfaktor. Lag der Konsum 1970 bei 12,5 Litern je Einwohner, wurden dem Verband Deutscher Mineralbrunnen zufolge 2019 durchschnittlich etwa 141,7 Liter Mineralwasser pro Kopf getrunken. Deutschland, sagt Metzinger, sei ein Mineralwasser-Schlaraffenland. Wohl nur wenige können über ein Glas Wasser so spannend erzählen wie er.

Wenn der Mann mit der markanten Brille von Kohlensäure und filternden Erdschichten spricht, glänzen seine Augen. „Wasser war schon immer ein Grundnahrungsmittel der Menschheit – und Mineralwasser ist die Krone, ein Kulturgut“, sagt er. Seit 45 Jahren - und damit seit Kindesbeinen – ist Metzinger in der Getränkebranche tätig. Aufgewachsen ist er in Mannheim, wo seine Eltern einen Getränkebetrieb in vierter Generation führten. Seit zehn Jahren arbeitet Metzinger nun für einen Mineralbrunnen-Betrieb aus dem Kreis Ludwigsburg in Baden-Württemberg.

Doch was genau macht ein Wassersommelier? Und wie wird man das? Metzinger tippt auf zwei Aktenordner. „Die musste ich für mein Zertifikat im Institut Doemens bei München durcharbeiten. Da bringen Koryphäen der deutschen Wasserindustrie als Dozenten den etwa 20 Schülern des jeweiligen Kurses alles bei.“ Mit dem Fachwissen kann Metzinger etwa Lokalbesitzer beraten, welches Wasser sie anbieten sollen. „Ich gebe auch Preisempfehlungen. Der Markt ist eng, und die Unternehmer sollen Erfolg haben.“ Auch Privatpersonen kann er beraten – etwa, welches Wasser am besten zum kräftig gewürzten Steak passt.

In Supermärkten reihen sich Mineralwassersorten oft über viele Meter. Welches sollte man nehmen, Herr Metzinger? Der Experte lacht. „Das ist so, als wenn Sie den Arzt fragen: „Wie kann ich gesund werden?““ Es komme auf viele Details an. „Erstens muss das Mineralwasser schmecken. Zweitens sollte man auf die Inhalte achten. Wer leicht zu Muskelverspannungen neigt, sollte ein Wasser mit mehr Magnesium nehmen, wer etwas für die Knochen tun will, sollte auf Calcium achten. Und wer Verdauungsprobleme hat, sollte ein Wasser mit mehr als 1000 Milligramm Sulfat zu sich nehmen. Das schmeckt vielleicht erdiger, aber er wird den Effekt spüren“, zählt der Experte auf.

Wasser ist nicht gleich Wasser, das sagt auch Metzingers Kollege Armin Schönenberger. Der 52-Jährige ist auch einer von derzeit rund 160 zertifizierten Wassersommeliers in Deutschland – und einer von zwei Wassersommeliers im Saarland. „Wasser ist heute ein Trendprodukt“, sagt der Mann aus Riegelsberg. „Süßgetränke, Kaffee oder Bier haben die Menschen schon immer viel getrunken. Durch das neue Gesundheitsbewusstsein erlebt Wasser jedoch eine Renaissance.“

Schönenberger ist selbstständig als Wassersommelier tätig und bietet Schulungen sowohl für interessierte Endverbraucher, als auch für Gastronomen und den Getränkefachgroßhandel an. Ein Thema ist etwa die Ernährungsberatung für besseres Trinken im Unterricht an Schulen sowie am Arbeitsplatz. Ebenso ist er seit fünf Jahren bei der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Heilbronn sowie der Volkshochschule des Saarlandes und der Erwachsenenbildung des Saarlandes tätig.

Mit oft schicken Modeprodukten wie norwegisches Gletscherwasser oder Regenwasser aus Tasmanien kann Schönenberger nicht viel anfangen. Er bevorzugt regionale Erzeugnisse. „Nirgendwo in Europa ist die Qualität und Vielfalt der Mineralwässer so hoch wie in Deutschland“, sagt Schönenberger. Zudem sei der CO2-Abdruck eines importierten Getränks oft viel ungünstiger als bei heimischen Produkten.

Apropos Klimaschutz: Sollte eine Wasserflasche grundsätzlich aus Glas bestehen? Metzinger wiegt den Kopf hin und her. „Hier wird sehr pauschalisiert. Man sollte immer schauen: Wie weit wird die Flasche transportiert, wie oft wird sie wiederverwendet?“ Vor 40 Jahren seien Plastikflaschen sehr ungesund gewesen, aber seitdem habe sich die Kunststoffindustrie enorm entwickelt. „Am Strand sehe ich allerdings oft, wie Menschen eine Plastikflasche mit Wasser in die pralle Hitze stellen. Die müssten das dann eigentlich schmecken. Also – im Zweifel schmeckt Wasser aus einer Glasflasche immer etwas neutraler.“

Wasser zu testen, sei schwieriger als Bier oder Wein, meint Metzinger. „Um alle Unterschiede zu schmecken, braucht man viel Erfahrung.“ Er ist neben Wasser- auch ausgebildeter Biersommelier. „Es ist nicht selten so, dass Bier als interessanter angesehen wird. Wasser wird oft unterschätzt – auch von manchen Gastroexperten.“

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