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Aus Panzerriese wird U-Boot-Bauer Rheinmetalls riskante Zukunftspläne

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Zukauf könnte mehr als vier Milliarden kosten

Doch der Plan ist nicht nur ambitioniert, er ist auch riskant. Für den Aufstieg müssten die Düsseldorfer nicht nur ein halbes Dutzend Akteure aus Politik und Wirtschaft mit extrem unterschiedlichen Interessen unter einen Hut bringen. Die Sache würde auch extrem teuer.

Ein Analyst einer deutschen Großbank, der lieber anonym bleiben will, schätzt den Finanzbedarf auf mindestens vier Milliarden Euro: „Das kann sich Rheinmetall mit seiner gegenwärtigen Bilanz wenn überhaupt, dann nur durch Verkäufe leisten.“

Diese Nationen haben 2013 am stärksten aufgerüstet
Entgegen dem weltweiten Trend sind die Waffenverkäufe russischer Rüstungsunternehmen 2013 stark gewachsen. Nach Angaben des Stockholmer Friedensforschungsinstituts Sipri verkauften die großen Rüstungskonzerne in dem Land 20 Prozent mehr Militärgüter als im Vorjahr. Nach Einschätzung der Friedensforscher ist das vor allem auf das Ausgabenprogramm der russischen Regierung zurückzuführen. „Diese Investitionen sind ausdrücklich dafür vorgesehen, die nationalen Produktionsfähigkeiten und Waffen zu modernisieren, um sie auf Augenhöhe mit den Fähigkeiten und Technologien der großen Waffenproduzenten in den USA und Westeuropa zu bringen“, erklärte der Sipri-Experte Siemon Wezeman die Zahlen. Unter den Top 100 der weltweit führenden Waffenhersteller sind nun zehn russische Produzenten. Insgesamt machten die führenden Rüstungsunternehmen weltweit 2013 zum dritten Mal in Folge etwas weniger Kasse. Laut Sipri setzten die 100 größten Hersteller zusammen 402 Milliarden US-Dollar (rund 323 Milliarden Euro) und damit zwei Prozent weniger als im Vorjahr um. In einigen Ländern blüht jedoch der Handel mit Waffen. Quelle: dpa
Platz 10: ChinaChina ist zwar längst unter den Staaten mit den größten Militärbudgets, stockt aber weiter kräftig auf. Die Militärausgaben der Asiaten sind langfristig an das ökonomische Wachstum gebunden. Das belegen auch die Zahlen. Während die Rüstungsausgaben seit 2004 um 170 Prozent stiegen, schoss das BIP um 140 Prozent in die Höhe. Von dieser Linie ist die chinesische Regierung trotz Spannungen mit Japan, Vietnam und den Philippinen nicht abgewichen. Quelle: AP
Platz 9: EcuadorObwohl die SIPRI-Forscher Ecuador für ein friedliches Land halten, hat die Regierung das Rüstungsbudget seit 2004 um rund 175 Prozent aufgestockt. Damit hat die ecuadorianische Regierung 2013 rund 3 Milliarden US-Dollar für Rüstung ausgegeben. Quelle: AP
Platz 8: AngolaAngola hat unter Präsident José Eduardo dos Santos sein Militärbudget in den letzten zehn Jahren um rund 175 Prozent aufgestockt. Nach Algerien (Platz 2) hat das Land damit das zweitgrößte Rüstungsbudget Afrikas. Treiber dieser Entwicklung ist die positive wirtschaftliche Entwicklung und Einnahmen aus dem Erdölgeschäft. Quelle: dpa
Platz 7: Algerien"Algerien steigert seine Militärausgaben weiterhin in halsbrecherischem Tempo", hält der SIPRI-Bericht fest. 2013 gab die algerische Regierung 8,8 Prozent mehr für seine Streitkräfte aus als noch im Vorjahr - und gibt damit als erstes afrikanisches Land jährlich mehr als zehn Milliarden US-Dollar für Rüstung aus. Ähnlich wie in Ghana könnten die Erlöse aus dem Erdölgeschäft ein Grund für den Anstieg sein. Der SIPRI-Report macht aber auch der Wunsch nach regionaler Vormachtstellung, der starken Rolle des Militärs im Inland und die Angst vor Terroranschlägen verantwortlich. Quelle: AP
Platz 6: GeorgienGeorgien hat seinen Militäretat seit 2004 um 230 Prozent aufgestockt. Ein Grund für den Anstieg dürfte der Konflikt mit dem Nachbarland Russland gewesen sein. Russische Truppen hatten im Jahr 2008 die autonomen Regionen Südossetien und Abchasien besetzt. Quelle: REUTERS
Platz 5: GhanaGhana hat seine Militärausgaben mehr als verdoppelt: von 109 Millionen Dollar im Jahr 2012 auf 306 Millionen Dollar im vergangenen Jahr. Damit steht das Land sinnbildlich für den ganzen Kontinent, in dem die Rüstungsausgaben stärker als in anderen Erdteilen stiegen. Ein Grund für den Anstieg der ghanaischen Ausgaben könnten laut SIPRI kürzlich erschlossene Ölreserven sein. Außerdem ist Ghanas Armee stark in internationalen Friedensmissionen engagiert. Quelle: REUTERS

Für die Zukäufe müsste sich Rheinmetall wohl von einem großen Teil des Stammgeschäfts Panzerbau sowie vom Autozulieferer-Geschäft trennen, das mit 2,5 Milliarden Euro Umsatz etwas größer ist als das Geschäft mit Haubitzen und Granaten. Und das hieße: komplette Abhängigkeit von der extrem politisch dominierten Rüstung

Wohlwollen beim Minister

Die Konsolidierungs-Idee genießt das Wohlwollen des Wirtschaftsministers. Sie entlockte dem Vizekanzler seine bislang konkreteste Äußerung zur Zukunft der maladen Branche. Er habe Interesse „an einer innovativen, leistungs- und wettbewerbsfähigen nationalen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie und dem Erhalt ausgewählter Schlüsseltechnologien und industrieller Fähigkeiten“, so Gabriel. „Dafür unterstützen wir jede Form von Konsolidierung“, skandieren seine Ministerialen.

Kenner der Szene übersetzen das freundlich als „ermuntern, nicht forcieren“. Konkret bedeutet dies aber: Die Unternehmen sollen fusionieren und dann schrumpfen, bis die verbliebenen Aufträge der Bundeswehr und politisch genehme Exporte ihnen das Überleben und der Bundesrepublik militärisches High-Tech-Wissen sichern.

Große deutsche Rüstungskonzerne

Das umzusetzen sei freilich ausschließlich Aufgabe der Unternehmen selbst. „Die in Presseberichten beschriebene volle Rückendeckung oder gar aktive Hilfe kann keiner erwarten“, sagt ein Kenner der Berliner Szene. Kein Wunder, dass sich KMW-Chef Haun nicht nur als imaginäre Mätresse behandelt fühlt, schlimmer noch: „Sie wollen uns zu Tode aushungern.“

KMW wäre für Rheinmetall nur Ballast

Das Schicksal möchte Papperger Rheinmetall durch den Umbau ersparen. Den Beginn sehen Insider freilich nicht durch eine Übernahme des Panzerrivalen KMW. „Das brächte Rheinmetall statt einem Gewinn vor allem viel Ärger“, so ein Insider. Denn die Idee einer Fusion Rheinmetall-KMW, die seit gut 20 Jahren kursiert und bereits im Jahr 2000 in einem Papier der rot-grünen Bundesregierung angemahnt wurde, scheiterte bisher an persönlichen Gründen. „Zwischen den beiden Top-Managements herrschte lange offener Hass“, klagt ein Ex-Mitarbeiter.

Auch jetzt ist die Lage angespannt. Da fühle sich Gabriel machtlos, sagen seine Leute: „Der Minister ist nicht der Psychotherapeut der Branche.“

Und selbst wenn sich beide Seiten vertrügen, wäre KMW für Rheinmetall kaum mehr als Ballast. Die eher patriarchalisch geführten Bayern leben vor allem vom Auslaufmodell Panzer. „Dagegen haben die börsennotierten Düsseldorfer erfolgreich expandiert in neue Geschäftsfelder“, sagt Aude Fleurant, Programmdirektorin am renommierten Stockholmer Friedensforschungsinstitut Sipri.

Hierzu zählen intelligente Munition, Elektronik und die Zusammenarbeit mit dem israelischen Drohnenhersteller IAI beim unbemannten Flugkörper Heron für die Bundeswehr.

Zudem wäre die innerdeutsche Panzer- Allianz das Aus für die Fusion von KMW mit dem staatlichen französischen Panzerbauer Nexter. Das Projekt „Kant“ – militärisch-unphilosophisch für „KMW And Nexter Together“ – ist aber ein Lieblingskind der Regierung in Paris. Es soll über die Kombination deutsche Technik und laxe französische Exportrichtlinien Tausende gefährdete Jobs retten. Sollte KMW unter dem Druck Gabriels „Kant“ aufkündigen, droht ein deutsch-französischer Krach.

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