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Forschung vor Umbau Bayer gehen Pharma-Blockbuster aus

Quelle: dpa

Jenseits von Monsanto und Glyphosat plagen Bayer noch ganz andere Probleme: Läuft der Patentschutz für umsatzstarke Medikamente wie Xarelto aus, fehlen zulassungsfähige Nachfolgeprodukte in der Pharmasparte.

Rund 8000 Klagen wegen Glyphosat, elf Milliarden Euro Börsenwert vernichtet, hohe Rechts- und Reputationsrisiken: Der Ärger um den umstrittenen Unkrautvernichter der neuen US-Tochter Monsanto dominiert die Schlagzeilen über Bayer. Er überschattet aber ein ganz anderes fundamentales Problem, mit dem sich der Konzern auseinandersetzen muss: „Die Pharmasparte hat gemessen an Industriestandards nur eine relativ schwache Phase-III-Pipeline“, sagt Berenberg-Analyst Alistair Campbell. Nach Einschätzung vieler Experten ist bei Bayer der Nachschub an neuen Medikamenten zu schwach, um Umsatzausfälle nach dem Patentablauf der Top-Medikamente auffangen zu können. Lange war die Pharmasparte das Zugpferd, dort hat der Aspirin-Hersteller seine Wurzeln. Sie muss aber weiter gestärkt werden, wenn der Leverkusener Konzern im Vergleich zur internationalen Konkurrenz nicht noch mehr ins Hintertreffen geraten will.

Im weltweiten Pharmamarkt belegt der Konzern nach Daten der Analysefirma Evaluate Pharma nur den 15. Platz und macht mit verschreibungspflichtigen Medikamenten weniger als die Hälfte des Umsatzes der drei Top-Unternehmen Novartis, Pfizer und Roche. Viele Anleger sorgten sich, dass die Pharmasparte wegen der Monsanto-Übernahme künftig zu kurz kommen könnte. Baumann hatte jedoch auf der Hauptversammlung im Mai versichert, das Geschäft sei mit derzeit 50 Projekten in der klinischen Entwicklung gut aufgestellt. Auch Pharma-Vorstand Dieter Weinand hatte Ende vergangenen Jahres im Reuters-Interview zurückgewiesen, dass der Konzern ein Pipeline-Problem habe. Bayer sei für den Patentablauf seines wichtigsten Medikaments, des Gerinnungshemmers Xarelto mit einem Umsatz von allein 3,3 Milliarden Euro 2017, gerüstet.

Den vielversprechendsten Medikamentenkandidaten in der Entwicklungspipeline traut Bayer zusammen einen jährlichen Spitzenumsatz von mindestens sechs Milliarden Euro zu. Analysten hatten Zweifel an dieser Schätzung geäußert, da sie einen Erfolg von allen Projekten erfordere. „Ich sehe momentan keine neuen Blockbuster“, sagt ein Fondsmanager. „Im Pharmabereich muss viel getan werden, sie müssen weiter investieren.“ Bayer befindet sich mitten in einer strategischen Überprüfung seiner Pharmaforschung und -entwicklung unter dem Code-Namen „Super Bowl“. Erste Ergebnisse daraus seien im November zu erwarten, sagte ein Insider. Möglich seien Stellenkürzungen oder die Auslagerung von Medikamententests. Es werde „kräftige Veränderungen“ geben.

Die aktuellen Probleme bei Bayer

Kürzlich wurde ein Leitungsteam rund um den Chef der Pharmaforschung und -entwicklung, Jörg Möller, besetzt. Dieses werde nun neue Organisationsformen und Prozesse festlegen, sagte eine weitere mit der Sache vertraute Person. Bayer wollte sich dazu nicht äußern.

Noch legt der Umsatz der Kassenschlager – Xarelto und das Augenmittel Eylea – kräftig zu, das Wachstum hat in den vergangenen Jahren aber deutlich nachgelassen. Es sind die einzigen Bayer-Medikamente mit einem Umsatz von über einer Milliarde Euro. Wenn die Patente der beiden Arzneien Mitte der 2020er-Jahre auslaufen, drohen empfindliche Umsatzeinbußen. „Xarelto und Eylea wachsen noch in den nächsten drei bis fünf Jahren. Bayer hat damit ein Zeitfenster von ein bis drei Jahren um etwas einzulizenzieren, oder es muss zeigen, dass aus der früheren Pipeline doch noch etwas entsteht“, sagt Fondsmanager Markus Manns von Union Investment. „Stand heute ist die Pipeline schwach bis moderat.“ Der Druck sie zu stärken, werde sich in den nächsten Jahren erhöhen, noch habe Bayer aber etwas Luft.

Während Baumann zur Ergänzung der Pipeline neben Partnerschaften auch Zukäufe angekündigt hat, halten Insider letzteres wegen der limitierten Mittel von Bayer nach der Monsanto-Übernahme für weniger wahrscheinlich. Sie gehen davon aus, dass sich der Konzern auf die Einlizenzierung von Wirkstoffen fokussieren wird. Zuletzt waren im Bayer-Pharmageschäft mehrere Entwicklungsprojekte gescheitert, darunter eine Studie mit dem Mittel Anetumab Ravtansine zum Einsatz bei einer asbestbedingten Krebsart.

Nach Einschätzung von Investoren war die Ende 2017 angekündigte Allianz mit der US-Biotechfirma Loxo Oncology über das Krebsmittel Larotrectinib, dem Analysten jährliche Umsätze von bis zu einer Milliarde Dollar zutrauen, ein Schritt in die richtige Richtung. Loxo winken im Rahmen der Zusammenarbeit Zahlungen von bis zu 1,6 Milliarden Dollar von Bayer. „Über die nächsten Jahre wird ein Budget von einer bis fünf Milliarden Euro übrigbleiben zum Einlizenzieren, für den Betrag kann man noch ein bis zwei gute Wirkstoffe bekommen“, schätzt Manns. Insgesamt seien neue Wirkstoffe aber sehr teuer und Bayer könne ins Hintertreffen geraten, wenn das Unternehmen gegen größere Rivalen wie Pfizer mitbiete. Etwas Luft könnte der Verkauf von Unternehmensteilen schaffen: Erst kürzlich hatte Bayer sein Geschäft mit verschreibungspflichtigen Hautpflegeprodukten an die dänische Leo Pharma veräußert. Investmentbanker erwarten, dass irgendwann auch das Tiermedizingeschäft oder das Radiologiegeschäft ins Schaufenster gestellt werden.

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