Heidelberg-Materials-Vorständin Nicola Kimm: „Die grüne Transformation muss auch finanziell machbar sein“
Nicola Kimm
Foto: Nico Kurth für WirtschaftsWocheFrau Kimm, Heidelberg Materials ist eines der klimaschädlichsten Unternehmen Deutschlands. Wieso haben Sie sich trotzdem dazu entschieden, für den Konzern zu arbeiten?
Ich würde nicht sagen trotzdem, sondern: genau deshalb. Hier kann ich mit meiner Arbeit etwas bewirken.
Sie sind seit 2021 Vorständin bei Heidelberg Materials. Was war Ihre erste Amtshandlung?
Wenn man sofort alles ändert, macht man sich keine Freunde. Es ging erst mal darum, den Status Quo zu erfassen: Was ist gut? Wo gibt es Nachholbedarf? Was erwartet die Gesellschaft von uns? Ich glaube, deshalb war es wichtig, die Stelle extern zu besetzen: Das erlaubt mir, kritisch zu sein.
Und? Wo gab es Nachholbedarf? Welche Fehler wurden in der Vergangenheit gemacht?
Ich habe Lücken nie als Fehler betrachtet. In jedem Unternehmen gibt es Baustellen. Heidelberg Materials hatte zum Beispiel keine klare Strategie zur Messbarkeit der unterschiedlichen Nachhaltigkeitsziele. Mir war es wichtig, klar festzulegen, was unsere wichtigsten Ziele sind. Wenn man als Unternehmen 30 Ziele hat und alle gleichzeitig erreichen will, hat man keinen Fokus. Wir halten unsere Klimaziele deshalb kurz und unkompliziert. Unsere Beschäftigten wissen, was sie bedeuten und wie sie ihren Beitrag leisten können, um diese Ziele zu erreichen.
Wie bereit sind der Traditionskonzern und seine Mitarbeiter für die Transformation? Gehört viel Überzeugungsarbeit zu ihrem Job?
Nein, die Menschen wollen für ein Unternehmen arbeiten, das ein positives Gesellschaftsziel hat. Ich arbeite seit vielen Jahren in dem Bereich und habe einen Wandel von Push zu Pull erlebt. Vor 15 Jahren war ich noch diejenige, die den einzelnen Teams vorgeschlagen hat: Lasst uns diese Ziele setzen, lasst uns das so messen. Inzwischen geht es vielen Abteilungen gar nicht schnell genug, teilweise kommen die Kolleginnen und Kollegen auf mich zu.
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Kurz nach Ihrem Amtseintritt wurde Heidelberg Cement in Heidelberg Materials umbenannt. War das Ihre Idee?
Die Idee ist gemeinsam im Vorstand entstanden. Wir sind mehr als Zement, der Name soll das verdeutlichen. Internationale Kunden wussten häufig gar nicht, was noch alles Teil des Konzerns ist. Künftig wollen wir als gesamter Konzern gesehen werden. Die ganze Firma bekommt Anerkennung für die Fortschritte, auch für die in Tochterunternehmen. Aber wenn etwas schief geht, muss auch die gesamte Firma dafür geradestehen. Ein Unternehmen, eine Kultur, ein Branding: Wir ziehen alle an einem Strang.
Hat sich Heidelberg Materials dem Thema Klimaschutz zu spät gewidmet?
Dominik von Achten hat schon vor meinem Start bei Heidelberg Materials viel Wert auf die CO2-Reduktion gelegt. Das hat er unter anderem damit deutlich gemacht, dass er Boni für Beschäftigte an Klimaziele geknüpft hat. Das hat dem Thema Nachhaltigkeit intern große Aufmerksamkeit verschafft.
Ein Teil der Emissionen lässt sich bei der Zementherstellung technisch nicht vermeiden. CO₂-neutral kann Heidelberg Materials nur werden, indem CO2 abgeschieden und unter der Erde gespeichert wird. Kann man da wirklich von Klimaneutralität sprechen?
Die CO2-Abscheidung und -Speicherung ist einer von drei Hebeln, an denen wir parallel arbeiten. CCS ergänzt die anderen beiden Hebel: Ebenso verringern wir durch eine veränderte Rezeptur den CO2-Fußabdruck unserer Produkte und setzen möglichst flächendeckend alternative Energien ein, um unseren hohen Energieverbrauch zu decken.
Inzwischen sind Sie seit zwei Jahren dabei. Was ist Ihr größter Meilenstein bei Heidelberg Materials?
Unsere neuen Nachhaltigkeitsziele für das Jahr 2030. Bis dahin wollen wir unsere C2-Emissioonen auf 400 Kilogramm pro Tonne Zement reduzieren. Neben Klimaschutz und Kreislaufwirtschaft, haben wir uns auch zu mehr Diversität und Nachhaltigkeit in der Lieferkette verpflichtet. Eines unserer unserer größten Projekte ist im Moment unser erstes vollständig dekarbonisiertes Werk in Deutschland. Wir haben kürzlich eine Förderzusage der EU bekommen.
Das Werk in Geseke soll ab 2029 CO2 abscheiden. Das Kohlendioxid soll anschließend per Zug nach Bremerhaven gebracht und schließlich unter der Nordsee gespeichert werden. Noch ist CCS in Deutschland allerdings verboten. Sind Sie sicher, dass sich das bis 2029 etwas ändert? Was geschieht, wenn das nicht passiert?
Deutschland will bis 2045 treibhausgasneutral sein, die EU 2050. Die Umsetzung von CCUS ist daher nicht nur für Heidelberg Materials ein wichtiges Element, um Klimaziele zu erreichen. Die deutsche Politik ist gerade dabei, die politischen Weichen für diese wichtigen Klimaschutztechnologien zu stellen. Ich bin daher zuversichtlich.
Heidelberg Materials will bis 2030 rund 50 Prozent weniger CO2 ausstoßen als 1990. Es gibt Kritiker, die das als zu lasch bezeichnen. Halten Sie dieses Ziel wirklich für ausreichend?
Unsere Ziele sind sehr ambitioniert – auch ambitionierter als die unserer Mitbewerber. Das ist gut, denn Unternehmen brauchen herausfordernde Ziele, sonst bewegt sich nichts. Wir wissen für jedes Land und jeden Standort, wie wir die Ziele umsetzen können. Nur das macht unsere Ziele auch glaubwürdig.
Manchen reichen Ihre Pläne nicht. Bei der letzten Hauptversammlung haben Klimaaktivisten demonstriert. Tauschen Sie sich mit Kritikern aus?
Ja, Dominik von Achten und ich sind in der Pause auf die Aktivisten von Fridays for Future zugegangen. Wir haben uns auch mit den kritischen Aktionären unterhalten. Meine Tür steht offen. Es ist gut, kritische Stimmen zu haben, solange sie konstruktiv sind. Ich finde es sehr wichtig, transparent zu sein. Die grüne Transformation ist komplex und muss sowohl technisch als auch finanziell machbar sein.
Wie eng arbeiten Sie mit Dominik von Achten zusammen?
Ich kann ihn von meinem Schreibtisch aus sehen. Allerdings sind wir beide häufig auf Reisen. Wir reden nicht unbedingt täglich miteinander, aber mehrmals die Woche.
Bei der Hauptversammlung wurden Sie von Anlegern mehrfach direkt angesprochen, Sie haben sich aber nicht zu Wort gemeldet. Selbst den Nachhaltigkeitsbericht hat Dominik von Achten vorgestellt. Wäre das nicht Ihre Aufgabe gewesen?
Wie in vielen Unternehmen üblich, war mit dem gesamten Vorstand vereinbart, dass Herr von Achten als CEO sprechen wird. Bei anderen Unternehmen mag das anders gehandhabt werden.
Dies ist Ihr erstes Interview mit einem Wirtschaftsmedium. Würden Sie sich als öffentlichkeitsscheu bezeichnen?
Nein. Ich wollte ambitionierte Ziele und ein solides Programm vorlegen können, bevor ich damit an die Öffentlichkeit gehe. Im ersten Jahr haben wir also unsere Hausaufgaben gemacht, jetzt geht es an die Umsetzung.
Denken Sie, Ihre Aufgabe bei Heidelberg Materials wird irgendwann erledigt sein?
Es gibt Nachhaltigkeitsmanager, die das behaupten. Ich glaube das nicht. Die Anforderungen werden immer weiter steigen, es wird immer komplizierter werden. Das ist es, was Nachhaltigkeit für mich interessant macht. Vieles von dem, was ich heute mache, gab es vor fünf Jahren noch nicht. So wird es weitergehen. Im Übrigen bleibt noch viel zu tun: bei Umfragen steht der Beruf „Nachhaltigkeitsmanagerin“ nie zur Auswahl.
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