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Investoren auf Hauptversammlungen Große Klappe, nichts dahinter

Investoren lassen sich nicht so einfach stoppen. Quelle: imago images

Großanlegern kritisieren Vorstände, manchmal stimmen sie sogar gegen sie ab.  Alles nur Show: Selbstbereicherung und Größenwahn von Managern stoppen sie so nicht.

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Ich gebe es zu. Ich bin auch darauf reingefallen, habe diese Geschichten geschrieben: „Fondsmanager machen Vorständen Druck“, „Rebellion der Aktionäre“, „Vorstandschef XY muss sich auf eine ungemütliche Hauptversammlung einstellen“. Ist ja verlockend. Wirtschaftsjournalismus ist manchmal ein verdammt trockenes Geschäft. Deshalb stürzen wir uns mit Begeisterung drauf, wenn es mal offenen Streit gibt, wenn es menschelt und kracht.

Große Show fürs Publikum

Und so werden brave Fondsmanager, die auf der Hauptversammlung ein paar mahnende Worte an den Vorstand richten, zu Rebellen stilisiert. Ebenso wie Stimmrechtsberater, die großen Investoren sagen, wie sie abstimmen sollen. Schaut man näher hin, ist die Enttäuschung gewaltig. Die Fondsmanager, die auf Hauptversammlungen auftreten, sind Marketingfiguren ihrer Gesellschaften: Sie tragen deren Namen in die Öffentlichkeit und signalisieren den Anlegern: „Schaut her, wir kümmern uns, bei uns könnt Ihr Euer Geld unbesorgt anlegen“ (auch wenn es uns leider nicht gelingt, besser abzuschneiden als ein Indexfonds, der einfach den Dax abbildet, keine Fondsmanager braucht – und deshalb viel billiger ist). Fondsgesellschaften, die sich selbst dieses Marketinginstrument nicht leisten wollen – weil sie sich nicht mal zur Show mit Vorständen anlegen wollen – erklären dann geheimnisvoll raunend, sie sagten dem Management schon die Meinung, aber hinter verschlossenen Türen. Ich sehe sie zittern, die Herren Sewing und Achleitner (Deutsche Bank), Zielke (Commerzbank), Kerkhoff (Thyssenkrupp), Baumann (Bayer) – zittern davor, dass ihnen der Fondsmanager der Allianz oder der DWS im Konferenzraum auf die Finger klopft.

„Cover your ass“

Auch die Stimmrechtsberater wie ISS und Ivox Glass Lewis sind keine scharfen Wachhunde der Börse, sondern eher Bürokraten, die in Standard-Checklisten an Hunderte von Punkte ihre Häkchen setzen. Am Ende rechnen sie dann aus, wie Investoren abstimmen sollen, weitgehend automatisiert und wenig individuell. Anders kann es auch gar nicht sein, wenn eine Handvoll Leute mehrere tausend Abstimmungspunkte auf Hunderten von Hauptversammlungen beurteilen müssen. Sicher, dann wird auch mal der eine oder andere Vorstand oder Aufsichtsrat nicht entlastet. Praktische Konsequenzen hat das aber keine. Soll es auch nicht. Die Stimmrechtsberater haben nur eine „Cover-your-ass“-Funktion, sie sollen die Portfoliomanager aus der Schusslinie bringen: Wenn beim Unternehmen etwas schiefgeht, können die großen Portfoliomanager sagen, sie hätten sich nach bestem Wissen darum gekümmert, die Rechte ihrer Anleger wahrzunehmen. Formell stimmt das ja, und viel gekostet hat es auch nicht. Hintern gerettet, alles gut.

Statt weniger Vergütung mehr Vergütungsberater

Nur: Katastrophen für Unternehmen und Aktienkurs – wertzerstörende Fusionen, dreiste Bonuspläne, Zick-Zack-Strategieschwenks – werden mit diesem System nicht verhindert. Dazu lässt das Aktienrecht deutschen Vorständen zu viel Freiheit. Als Investoren zum Beispiel die Aktienoptionspläne für Manager kritisierten, weil selbst mittelmäßige Manager zweistellige Millionensummen kassierten, schraubten diese die Vergütungen keinesfalls runter. Nein: Die Manager heuerten – mit dem Geld der Aktionäre – Vergütungsberater an. Diese Unterart der Management- und Personalberater erlebte einen wahnsinnigen Boom, weil alle börsennotierten Konzerne sich auf einmal Bonuspläne stricken lassen wollten, die von den Investoren problemlos durchgewinkt werden konnten. Ergebnis: Vorstände verdienen jetzt nicht weniger, aber alle Bonuspläne sind jetzt gutachterlich abgesegnet.

Man kennt sich und man schätzt sich

Einen Vorstand stürzen werden klassische Fondsmanager mit Hilfe ihrer Stimmrechtsberater aber nie. Investoren und Vorstände können einfach nicht heftig aneinandergeraten, dazu sind sie sich zu nah. Investoren brauchen Informationen und Einschätzungen über die Firma, da hilft ein enges Verhältnis zum Management. Wer will das gefährden? Soziale Herkunft, Ausbildung, Weltanschauung – alles ähnlich, bei Bankern, Fondsmanagern und Industrie-Vorständen. Und es gibt eine Menge Querverbindungen: Da wird der Investmentbanker Finanzvorstand bei dem einen Dax-Konzern, und der Analyst der Fondsgesellschaft geht als Investor-Relations-Chef zu einem anderen, und immer hat die Mutterbank der Fondsgesellschaft Geschäftsbeziehungen zum Unternehmen. Das alles verbindet, und deshalb zittern Vorstände oft in der öffentlichen Wahrnehmung vor den Investoren – aber nur selten in der Wirklichkeit.

„Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten“

Nicht-Entlastung des Vorstands, Gegenstimmen bei Abstimmungen, kritische Reden auf Hauptversammlungen – das stecken Manager locker weg. Es gilt der alte Sponti-Spruch: „Wahlen ändern nichts, sonst wären sie verboten.“ Etwas anderes ist es nur, wenn Investoren massiv mit eigenem Geld in der Firma sind und womöglich auch schon viel verloren haben. Findet sich einer, der viele Aktien hält, und spielt der den Leitwolf, dann kann er andere hinter sich scharen und wirklich etwas bewegen. Das sind dann Kaliber wie Hedgefonds TCI aus London, der einst den Chef der Deutschen Börse stürzte, Elliott aus den USA oder Finanzinvestor Cevian aus Schweden, lange erfolglos aktiv etwa bei Thyssenkrupp. Wer wirklich etwas verändern will, muss den Vorstand stürzen – oder zumindest signalisieren, dass er es kann: Aufsichtsrat abwählen, einen neuen wählen, der dann einen neuen Vorstand einsetzt. Ein langer, harter Weg, der Investoren in der Regel überfordert. Und dass der neue Vorstand es dann besser macht, ist natürlich nicht garantiert.

Ist die Lage eines Konzerns erst mal so verfahren, bleibt Privatanlegern nur ein Trost: Sie können, anders als die Großen, unkompliziert und schnell verkaufen – am besten auch gleich den Fonds, der seit zehn Jahren unbeirrt an den Aktien von Deutsche Bank & Co. festhält. So funktioniert Kontrolle im Kapitalismus: Wenn der Aktienkurs fällt, fällt irgendwann auch der Vorstand. Abstimmung mit den Füßen ist die wirksamste Form von Aktionärsdemokratie – allemal wirksamer als Abstimmungen und kritische Reden bei Hauptversammlungen.

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