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Verkehrte (Finanz)welt
Dem Geschäftsbericht 2018 der Wirecard AG gingen heiße Spekulationen und reichlich mediale Berichterstattung voraus. Quelle: REUTERS

Was Investoren aus dem Bericht des Abschlussprüfers lernen: das Beispiel Wirecard

Investoren sollten in Geschäftsberichten auch den Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers studieren, denn daraus lassen sich einige Informationen ziehen. Welche das sein können, zeigt das Beispiel Wirecard.

Er wurde mit Spannung erwartet, dann verschoben, und am 25. April schließlich veröffentlicht: Dem Geschäftsbericht 2018 des Zahlungsdienstleisters Wirecard gingen heiße Spekulationen und reichlich mediale Berichterstattung voraus. Der seit Jahresbeginn deutlich gesunkene Kurs der Wirecard-Aktie und der relativ volatile Kursverlauf waren ein anschauliches Beispiel dafür, dass ein Vertrauensverlust seitens der Investoren in die Integrität von veröffentlichten Unternehmensinformationen zu signifikanten Preisverzerrungen führen kann.

Für eine faire und effiziente Preisbildung auf Kapitalmärkten ist dieses Vertrauen jedoch ein entscheidender Faktor. Nicht zuletzt deshalb hat die EU im Nachgang der Finanzkrise die Anforderungen zur gesetzlichen Abschlussprüfung von Unternehmen, Banken und Versicherungen, die am Kapitalmarkt aktiv sind, reformiert. Seitdem enthält der Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers nicht nur mehr eine Art „Formeltestat“, sondern ist inhaltlich um sogenannte Key Audit Matters erweitert worden.

Key Audit Matters sind besonders wichtige Sachverhalte der Prüfung und umfassen eine Beschreibung der vom Abschlussprüfer als bedeutsam beurteilten Risiken. Dazu gehören wesentlich falsche Darstellungen (auch aufgrund von Betrug), die entsprechenden Reaktionen des Abschlussprüfers sowie eventuelle wichtige Feststellungen. Das Beispiel Wirecard zeigt, dass diese neue Form des Bestätigungsvermerks für Investoren durchaus relevante Informationen enthalten kann.

Manipulationsvorwürfe bei Wirecard

Seit Ende Januar 2019 hatten Presseartikel über Wirecard behauptet, dass es zu Buchführungsmanipulationen der Umsätze durch Mitarbeiter eines Tochterunternehmens von Wirecard in Singapur kam. Um diesen Behauptungen zu entgegnen, veröffentlichte Wirecard Auszüge aus einem Bericht einer externen Untersuchung durch die Anwaltskanzlei Rajah & Tann Singapore LLP. Dieser Bericht stellte zwar Unregelmäßigkeiten („wrongful accounting recordings“) fest, laut einer Stellungnahme von Wirecard am 26. März 2019 hätten diese Unregelmäßigkeiten aber „keine wesentlichen Auswirkungen auf die Abschlüsse von Wirecard“. Der nun mit dem Geschäftsbericht 2018 der Wirecard AG veröffentlichte Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers EY (Ernst & Young) könnte Investoren helfen, ein ausgewogeneres Urteil über den Sachverhalt in Singapur zu fällen.

EY, Abschlussprüfer von Wirecard seit 2009, prüfte auch im Geschäftsjahr 2018 deren Konzernabschluss, einschließlich der Tochtergesellschaften, sowie den dazugehörigen Lagebericht für ein Honorar von 2,1 Millionen Euro. Das Ergebnis: ein uneingeschränkter Bestätigungsvermerk. Der erste Key Audit Matter des Bestätigungsvermerks adressiert den Sachverhalt in Singapur und dieser war, laut EY, aufgrund „der Komplexität und des zeitlichen Umfangs der Aufklärungsarbeiten […] einer der bedeutsamsten Sachverhalte.“ Im Zuge der durchgeführten Abschlussprüfung würdigte EY auch die Erkenntnisse unabhängiger Dritter und der internen Compliance Abteilung von Wirecard sowie Einschätzungen von „Funktionsträgern der betroffenen Gesellschaften, Lieferanten, Kunden und einbezogenen Rechtsanwälten“.

Zudem setzte EY eigene forensische Experten ein. Schlussendlich kommt EY zu dem Urteil, dass „sich keine Einwendungen gegen die bilanzielle Behandlung von Sachverhalten auf Grundlage der Erkenntnisse aus Untersuchungen, die aufgrund von Beschuldigungen eines Hinweisgebers in Singapur durchgeführt wurden, ergeben.“ Bezugnehmend auf diesen Sachverhalt weist EY auch auf eine Angabe im Anhang hin, die eine retrospektive Anpassung der Konzernbilanz und der Konzern-Gewinn- und Verlustrechnung 2017 erläutert. Die Anpassung des Ergebnisses je Aktie für das Geschäftsjahr 2017 beläuft sich auf -0,03 Euro.

Auch wenn damit aus bilanzieller Sicht der Sachverhalt in Singapur abgeschlossen scheint, schickt EY einleitend zu den Key Audit Matters eine Einschränkung voraus: „Aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich laufender und/oder ggf. zukünftiger Rechtsstreitigkeiten sowie hinsichtlich möglicher neuer Erkenntnisse der aufgrund der Anschuldigungen geführten Ermittlungen kann nicht ausgeschlossen werden, dass Einschätzungen […] zukünftig anders ausfallen können.“

Damit möchte EY offenbar besonders die Grenzen der durchgeführten Abschlussprüfung und des Bestätigungsvermerks verdeutlichen. Zwei Punkte zur Zielsetzung und dem Umfang einer Abschlussprüfung sind insbesondere hervorzuheben: Erstens ist eine Abschlussprüfung keine Vollprüfung, sondern sie basiert auf risikoorientierten Stichprobenprüfungen.

So weist EY explizit in den Bestätigungsvermerken von Wirecard für die Konzernabschlüsse 2017 und 2018 darauf hin: „Hinreichende Sicherheit ist ein hohes Maß an Sicherheit, aber keine Garantie dafür, dass eine […] durchgeführte Prüfung eine wesentliche falsche Darstellung stets aufdeckt.“ Zweitens beurteilt eine Abschlussprüfung lediglich die Gesetzeskonformität der Rechnungslegung der Jahres- beziehungsweise Konzernabschlüsse und der dazugehörigen Lageberichte. Sie beurteilt dagegen nicht, ob sich ein Unternehmen in einer „gesunden“ wirtschaftlichen Lage befindet. Investoren sollten sich dieser potentiellen „Erwartungslücke“ bewusst sein und den Bestätigungsvermerk des Abschlussprüfers entsprechend interpretieren.

Dennoch: Die Angaben im Anhang und die zusätzlichen Informationen der Key Audit Matters im Bestätigungsvermerk sind für Investoren hilfreich – bei Wirecard beispielsweise zur besseren Einschätzung von Behauptungen in Presseartikeln in der Vergangenheit und eventuell zusammenhängenden Short-Attacken. Des Weiteren können Key Audit Matters das Verständnis schärfen, welche Problembereiche der Rechnungslegung bei einem Unternehmen besonders relevant sein könnten und somit Investitionsentscheidungen verbessern. Die Lektüre lohnt sich also.

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