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Machtvakuum im Konzern Börse wettet auf Zerschlagung von Thyssenkrupp

Thyssenkrupp: Börse setzt auf Zerschlagung wegen Führungskrise Quelle: dpa

Nach dem Abgang von Hiesinger und Lehner entsteht im Industriekonzern Thyssenkrupp ein Machtvakuum. Scheinbar paradox schießt der Aktienkurs nach oben: Die Anleger setzen auf eine Zerschlagung.

Nach dem angekündigten Rücktritt von Thyssenkrupp-Aufsichtsratschef Ulrich Lehner droht eine Zerschlagung des Dax-Konzerns. Zumindest setzen Investoren an der Börse darauf: Die seit Jahren eher dahindümpelnde Aktie legte am Dienstag zeitweise um knapp zehn Prozent zu. „Thyssenkrupp steht nun am Scheideweg“, sagte Fondsmanager Ingo Speich von Union Investment der Nachrichtenagentur Reuters. Mit dem kürzlich schon ausgeschiedenen Vorstandschef Heinrich Hiesinger und Lehner seien zwei Vertreter der bisherigen Strategie weggefallen, die zuletzt oft kritisiert wurde. Die beiden hatten eine Zerschlagung stets abgelehnt.

Lehner begründete seinen Rücktritt – wie bereits Hiesinger – mit einer mangelnden Unterstützung durch die großen Aktionäre, darunter die Krupp-Stiftung. Deren Chefin, Ursula Gather, will Lehners Posten nicht übernehmen. Sie gerät durch das Personalchaos selbst zunehmend unter Druck. Als Kandidaten für die Nachfolge Lehners werden unter anderem der ehemalige Hochtief-Chef Hans-Peter Keitel und der frühere Deutsche-Telekom-Boss Rene Obermann gehandelt, die beide dem Gremium angehören.

Lehner hatte in der vergangenen Woche Investoren wie Cevian und den US-Hedgefonds Elliott scharf angegriffen. „Wir sprechen nicht nur in der Hauptversammlung, sondern in vielen Treffen mit unseren Aktionären. Bedauerlicherweise beschreiten einige aber auch andere Wege, die teilweise schon als Psychoterror bezeichnet werden könnten“, sagte er der Wochenzeitung „Die Zeit“. Einige aktivistische Investoren seien dafür bekannt, dass Manager, die sie loswerden wollten, später in psychiatrische Behandlung gemusst hätten.

Das steckt hinter Cevian

Cevian forderte erneut eine andere Strategie. „Um in Zukunft dauerhaft erfolgreich zu sein, müssen die Geschäftssparten von Thyssenkrupp fokussiert, unternehmerisch und effizient aufgestellt werden – flexibel und frei von unverhältnismäßig hohen Kosten und Bürokratie“, sagte Gründungspartner Lars Förberg. Nur so könnten sie nachhaltig erfolgreich sein. „Alle großen und nachhaltig erfolgreichen Unternehmen wandeln sich fortwährend, bauen auf ihre Stärken, nutzen ihre Chancen und passen sich so immer wieder neuen Herausforderungen an.“

In seinem Rücktrittsschreiben hatte Lehner auch gegen die Krupp-Stiftung ausgeteilt, die mit 21 Prozent größter Einzelaktionär ist. „Das Vertrauen der großen Aktionäre und ein gemeinsames Verständnis im Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung von Thyssenkrupp waren Grundlage meiner Arbeit und Voraussetzung für mein Versprechen an Berthold Beitz, das Unternehmen im Interesse von Aktionären, Mitarbeitern und Kunden erfolgreich weiterzuentwickeln“, sagte Lehner mit Blick auf die 2013 verstorbene Unternehmenslegende. „Das ist heute nicht mehr gegeben.“

Gather zeigte sich in einer Mitteilung der Stiftung überrascht von Lehners Rücktritt. „So sehr die Krupp-Stiftung seine Entscheidung respektiert, so sehr bedauern wir sie – gerade im gegenwärtigen Moment.“ Seine Nachfolge wolle sie nicht antreten. Die Stiftung betrachte es als oberstes Ziel, die langfristige Stabilität und die Fortentwicklung des Essener Konzerns zu sichern. Dafür wolle sie sich als Ankeraktionärin gemeinsam mit dem Vorstand und den Arbeitnehmervertretern einsetzen. „Die damit verbundenen Aufgaben wird die Stiftung im Sinne des Stifterwillens, die Einheit des Unternehmens möglichst zu wahren, auch weiterhin verantwortlich wahrnehmen.“

Im Klartext heißt dies aber auch, dass nichts so bleiben muss, wie es ist. Schon auf der Internetseite der Stiftung wird dieser Leitgedanke in einem Zitat des früheren Krupp-Chefs Alfried Krupp von Bohlen und Halbach deutlich: „Vorstellungen einer falsch verstandenen Tradition dürfen uns nicht hindern, zu neuen Wegen zu finden.“

Die Investmentbank Jefferies schrieb in einem Marktkommentar, dass es nun womöglich zu einer tiefgreifenden Restrukturierung des Konzerns mit seinen fast 160.000 Mitarbeitern komme. Einige Investoren setzen sich für einen Verkauf der Aufzugssparte ein, der Ertragsperle des Unternehmens. Thyssenkrupp ist zudem noch im Stahl-, Autoteile- und U-Bootgeschäft sowie im Anlagenbau aktiv.

Die Arbeitnehmervertreter wollen neben der Krupp-Stiftung auch Cevian ins Boot holen. „Eine Grundsatzvereinbarung mit den großen Aktionären Krupp-Stiftung und Cevian wäre im Interesse des Unternehmens sinnvoll“, sagte der Gewerkschaftssekretär und stellvertretende Thyssenkrupp-Aufsichtsratsvorsitzende Markus Grolms laut einem Vorabbericht der „Westdeutschen Allgemeinen Zeitung“. „Wir sind für entsprechende Gespräche bereit.“ Der Konzern müsse möglichst rasch aus dem Krisenmodus raus.

„Es muss im Aufsichtsrat schlimmer zugehen als gedacht“, kritisierte der Geschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz, Thomas Hechtfischer. „Es scheint, als bewege sich die Stiftung in Richtung der Positionen von Cevian und Elliott. Die Stiftung und Frau Gather müssen dringend deutlich machen, welche Strategie Thyssenkrupp einschlagen soll.“

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