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Westfleisch „Böswilliger Frontalangriff“

Quelle: dpa

Nur einen Tag nach einer Razzia in der Firmenzentrale von Westfleisch treffen die Bosse bei der Jahreshauptversammlung auf die Mitglieder der Genossenschaft. In einem Schreiben an die Landwirte verteidigt sich der Vorstand – und wähnt eine Kampagne gegen sich.

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Die Jahreshauptversammlung der Westfleisch SCE mbH an diesem Vormittag steht seit 24 Stunden unter einem völlig anderen Stern. Die Durchsuchungen der Firmenzentrale in Münster und des Standortes Coesfeld am Dienstag durch Ermittler der Abteilung IV der Staatsanwaltschaft Münster, zuständig für Wirtschaftskriminalität, setzen den Vorstand unter Zugzwang. Am Mittwoch müssen die Verantwortlichen des Schwergewichts der deutschen Fleischindustrie ihren Genossen Rede und Antwort stehen. Ob die Mitglieder ihrerseits das Trio entlasten, ist angesichts der jüngsten Entwicklung fraglich.

Dabei hatte die Unternehmensführung Ende vergangener Woche den mehr als 4500 Vertragspartnern der Genossenschaft noch ihre feste Zuversicht vermittelt. Vorstandssprecher Steen Soennichsen und Einkaufsleiter Heribert Qualbrink streuten in einem Schreiben sogar schon Vorfreude auf den 100. Geburtstag des Unternehmens – ein Ereignis, das noch acht Jahre in der Zukunft liegt.

Die vergangenen Wochen seien turbulent gewesen, heißt es, und geprägt von den Geschehnissen rund um Corona und den Konsequenzen. „Dank ihrer Flexibilität und ihrem großen Verständnis für das Geschäft konnten wir die Klippen gemeinsam meistern. Unterdessen haben wir unmissverständlich klarmachen können: Ihre Westfleisch hat die Situation im Griff und ist wieder auf Kurs.“

Nach Corona-Ausbruch und vorübergehender Standortschließung in Coesfeld, mehrfachen Protestaktionen von Tierschützern, Besuch vom Zoll und Arbeitsschutz-Beamten sollten die Durchhalteparolen den Weg ebnen zu einer harmonischen Jahreshauptversammlung. Doch dann klopfte der Staatsanwalt an wegen des Verdachts der Untreue.

Im Visier der Ermittler steht der Verkauf von rund 12.000 Tonnen Schweinefleisch über einen Zwischenhändler in den Vereinigten Arabischen Emiraten an einen Kunden in der Volksrepublik China. Die WirtschaftsWoche hatte über das dubiose Geschäft aus dem Herbst vergangenen Jahres zu branchenunüblichen Bedingungen berichtet. Soennichsen und Co. verwiesen noch in der Vorwoche darauf, dass die Schuld für die Berichterstattung über Vorgänge, die jetzt auch die Staatsanwaltschaft interessieren, bei ehemaligen Mitarbeitern zu suchen sei, die „(Falsch)-Informationen“ streuten.

Ob die Ermittler jetzt Falschinformationen aufsitzen oder richtig liegen, wird sich in einigen Monaten herausstellen. Kurz nach der Durchsuchung teilte Finanzvorstand Carsten Schruck den Westfleisch-Angestellten mit, dass man sich in seinem Verdacht bestätigt sehe, dass „ehemalige Mitarbeiter“ hinter der Sache stecken würden. Und weiter: „Zum Thema gab es bereits heute mit der Staatsanwaltschaft einen regen Austausch. Wir hoffen, dass nach kurzfristiger Bereitstellung von Hintergrundinformationen durch uns die Angelegenheit schnell erledigt ist und das Verfahren eingestellt wird.“ Man werde bei der Generalversammlung Stellung nehmen, kündigte Schruck an.

Westfleisch hat bislang in seiner Verteidigungsstrategie an den Geist der Genossenschaft appelliert. Dritte wollten dem Ruf der Genossenschaft schaden. „Es ist ein böswilliger Frontalangriff, der verdeutlicht, dass es sich um eine gezielte Kampagne handelt, die Westfleisch in ein falsches Licht rücken soll“, schrieb der Vorstand den Mitgliedern. Allerdings lässt diese Darstellung aus, dass die Staatsanwaltschaft wegen Untreue gegen Personen ermittelt, die möglicherweise das Unternehmen Westfleisch selbst geschadet haben. Den Schaden trügen damit die Bauern, sollte sich der Verdacht erhärten.

Der Einladung zur Jahreshauptversammlung im Mövenpick Hotel in Münster werden in diesem Jahr jedoch weniger Genossen folgen als sonst üblich. Zum einen ist der Zugang begrenzt, weil das Coronavirus eine Veranstaltung mit fast 5000 Teilnehmern nicht zulassen würde. Andererseits lassen die strengen Rahmenbedingungen nur einen deutlich reduzierten Flurfunk und Austausch auf informeller Ebene zu. Doch genau davon leben solche Versammlungen normalerweise und machen sie für viele Teilnehmer überhaupt erst attraktiv.

Dem dreiköpfigen Westfleisch-Vorstand um dessen Sprecher Soennichsen kommt das zugute. Er wird bemüht sein, die Deutungshoheit über Ereignisse der vergangenen Wochen und Monate zu wahren. In dem Schreiben an die Genossen heißt es: „Übrigens werden wir in den kommenden Wochen und Monaten einiges unternehmen, um das Image unserer Genossenschaft wieder dahin zu bringen, wo es hingehört: an die Spitze der Fleischvermarktung in Nordwestdeutschland!“

Die Aufgabe ist seit Dienstag nicht leichter geworden. Corona sorgt immerhin für einen kleineren Kreis und größeren Abstand der Teilnehmer, die deswegen nicht ständig die Köpfe zusammenstecken können. In diesem Sinne hat Corona für die Verantwortlichen tatsächlich auch etwas Gutes.

Der materielle Schaden durch die vorübergehende Schließung des Standortes Coesfeld macht derweil dem einen oder anderen Bauern sogar größere Sorgen als der missglückte Dubai-Deal. Im Jahresbericht 2019 hat Westfleisch 8,5 Millionen Euro als ausstehende Forderungen gegenüber einem Kunden im Drittland verzeichnet, laut Westfleisch sei dies aber lediglich „aus kaufmännischer Vorsicht“ gemacht worden.

Wie hoch der Schaden ist, der durch den Corona-Ausbruch angelaufen ist, hat das Unternehmen öffentlich bislang noch nicht kommuniziert.

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