Wucher bei Medikamenten: Die dubiosen Methoden der US-Pharma-Industrie
Pharmahersteller können in den USA deutlich höhere Preise als in Europa verlangen.
Foto: dpaMit einer Preisanhebung um das 55-Fache bei einem lebenswichtigen Immunschwäche-Medikament wurde Martin Shkreli vor einem Jahr zum Inbegriff der unternehmerischen Raffgier. Die Empörung über den großmäuligen „Pharma-Bad-Boy“ ist noch immer riesig. Doch während Shkreli Politikern und Medien in den USA als Boxsack diente, dürften andere Pharma-Manager aufgeatmet haben. Denn dass sich der Volkszorn auf den 32-jährigen Provokateur richtete, lenkte vom Rest der Branche ab. Nun rücken weitere Konzerne ins Zwielicht.
Shkreli wurde in den USA zum Hassobjekt, nachdem seine Firma Turing Pharmaceuticals das Entzündungs-Medikament Daraprim - das unter anderem Aids-Patienten helfen soll - kaufte und den Preis schlagartig von 13,5 auf 750 Dollar pro Pille anhob. Während das Mittel für viele Patienten unerschwinglich wurde, protzte Shkreli mit seinem Reichtum und hatte für Kritiker nur Hohn und Spott übrig. Doch die Wucher-Methode stellt im US-Pharmageschäft keine Ausnahme dar. Als eigentlichen Skandal empfinden viele Beobachter, dass die Preistreiberei völlig legal ist.
Immer wieder geraten in den USA Arzneimittel-Hersteller in die Kritik, weil sie Medikamente drastisch verteuern. Zuletzt rückte der Pharmakonzern Mylan in den Fokus, der den Preis für die Allergiespritzen EpiPen von 100 auf 600 Dollar angehoben hatte. Wer verstehen will, warum Shkrelis Ex-Firma Turing Pharmaceuticals oder Mylan Medikamente derart drastisch verteuern können, muss hinter die Kulissen des US-Pharmasektors schauen.
abbvie Deutschland
Umsatz 2015: 22,8 Milliarden US-Dollar
Aus der Pharmasparte von Abbott ging 2013 das BioPharma-Unternehmen abbVie hervor, das an den deutschen Standorten in Wiesbaden, Ludwigshafen und Berlin circa 2600 Mitarbeiter beschäftigt. Diese sind für die jährliche Produktion von etwa 1,8 Milliarden Tabletten und Kapseln zur Behandlung von Krebs, Hepatitis C und Erkrankungen des zentralen Nerven- sowie Immunsystems verantwortlich. Innerhalb von drei Jahren hat sich die ehemalige forschungsbasierte Pharmasparte laut Studie eine derart gute Reputation in Facharztkreisen erarbeitet, dass der Konzern - gemessen an der Gesamtbeurteilung - auf Platz 18 im Pharma-Trend-Ranking landet.
Quelle: Pharma-Trends 2016
Foto: PresseGilead Sciences
Umsatz 2015: circa 32 Millionen US-Dollar
Die deutsche Niederlassung des biopharmazeutischen Unternehmens Gilead Sciences besteht seit 1991 in München. Der Konzern, der innovative Therapeutika für Bereiche entwickelt und vermarktet, in denen der medizinische Bedarf bisher noch nicht gedeckt werden konnte, hat sich eigenen Angaben zu Folge zum Ziel gesetzt, die Versorgung von Patienten zu verbessern, die an lebensbedrohlichen Krankheiten leiden. Am deutschen Standort liegt der Fokus auf dem Vertrieb medizinischer Produkte.
Die im Rahmen der Studie befragten Fachärzte schätzen das Unternehmen nicht nur aufgrund seiner Marketing-, Vertriebs- und Servicequalitäten, die sich der Konzern selbst auf die Fahne schreibt, sondern auch hinsichtlich der Gesamtwirkung, die im Ranking ebenso stark gewichtet wurde. Insgesamt landet Gilead Science auf einem soliden 17. Platz.
Foto: APCelgene Deutschland
Umsatz 2015: 9,2 Milliarden US-Dollar
Das 1986 in den USA gegründete biopharmazeutische Unternehmen Celgene ist seit 2006 auch in Deutschland am Standort München vertreten und beschäftigt dort inzwischen 300 Fachkräfte, die sich neben der Behandlung von bösartigen hämatologischen Erkrankungen außerdem für die Onkologie, entzündliche Erkrankungen und Erkrankungen des Immunsystems engagieren. Da Celgene (ähnlich wie der Konkurrent Gilead Science) von sich selbst sagt durch die Entwicklung innovativer Arzneimittel Menschenleben retten zu wollen, fließt ein überdurchschnittlicher hoher Anteil der Gelder in die Forschung und Entwicklung.
Wenn man nach den Studienergebnissen geht, scheinen Fachärzte dieses Engagement zu würdigen. In dem Ranking, das unter anderem auf der Grundlage der fachärztlichen Beurteilung der Innovationskraft, dem Geschäftserfolg und dem ethischen Handeln basiert, landet Celgene Deutschland auf Platz 16.
Foto: PresseBiogen
Umsatz 2015: 10,8 Milliarden US-Dollar
Aufgrund der Wirksamkeit und Innovationskraft des Medikaments Tecfidera wurde der US-amerikanische Biotechnologiekonzern Biogen im letzten Jahr bereits im Rahmen der Pharma-Trend-Awards mit der „Goldenen Tablette“ zur Behandlung von Multiple Sklerose ausgezeichnet. Auch in diesem Jahr ist der Konzern, der seit 1997 auch über eine Niederlassung in Ismaning bei München verfügt, wieder im Ranking der besten Pharma-Unternehmen Deutschlands vertreten. In der Gesamtbeurteilung landet Biogen auf Platz 15. Seinen guten Ruf hat der Biotechnologiekonzern insbesondere seinen Entwicklungen im Bereich der Therapien für Autoimmunerkrankungen und dem und seinen ökologischen Prinzipien zu verdanken, für die Biogen 2014 sogar zum Spitzenreiter des Dow Jones Sustainability Index erklärt wurde.
Foto: APPfizer
Umsatz 2015: 48,9 Milliarden US-Dollar
Mehr als 200 Millionen Medikamentenpackungen wurden 2014 alleine an den deutschen Niederlassungen des Pharmakonzerns Pfizer hergestellt. Das lässt die Relevanz der 2000 Mitarbeiter in Berlin, Freiburg, Karlsruhe und München zumindest erahnen – zumal das „grüne Werk“ am Standort Freiburg nach Angaben des Unternehmens als Vorreiter „in Sachen Umweltschutz und Nachhaltigkeit in der pharmazeutischen Industrie“ fungieren soll. Die Beurteilung der Fachärzte, die unter anderem die Dimensionen „Ethisches Handeln“, „Verantwortung“ und „Gesamtwirkung“ bewerten mussten, scheint diese Aussage zu bestätigen. Insgesamt reicht die Bewertung für Platz 14.
Foto: dpaPlatz 13: Bayer HealthCare
Umsatz 2015: 46,3 Milliarden Euro
Bayer kann auf eine 150-Jährige Unternehmensgeschichte zurückblicken und wirbt mit seinen innovativen Produkten „für ein besseres Leben“. Die Kernkompetenzen des Life-Science-Unternehmens liegen in den Bereichen Gesundheit und Agrarwirtschaft. Von den weltweit 55.900 Mitarbeitern sind alleine 36.7000 an den zahlreichen deutschen Standorten beschäftigt. In der medizinischen Forschung liegt der Fokus unter anderem auf Infektionskrankheiten, Onkologie, Neurologie und Kardiologie. Aufgrund der Gesamtbeurteilung der befragten Fachärzte landet Bayer (Deutschland) auf Platz 13 des Rankings.
Foto: REUTERSSanofi
Umsatz 2015: 34,54 Millionen Euro
Die im Rahmen der diesjährigen Pharma-Trend-Studie durchgeführten Fachärztebefragungen über die deutschen Tochtergesellschaften von Sanofi fielen insgesamt sehr positiv aus, sodass der Pharmakonzern auf Platz zwölf des Pharma-Trend-Rankings landet. Insgesamt etwa 9200 Mitarbeiter sind an den deutschen Niederlassungen in Frankfurt und Berlin beschäftigt, alleine 8400 bei der Sanofi-Aventis Deutschland GmbH in Frankfurt. An den beiden Standorten kümmern sie sich genauso um die Produktion, Fertigung und Verwaltung wie um die Forschung und Entwicklung neuer Wirkstoffe für Arzneimittel. Die Forschungsschwerpunkte liegen hier bei Diabetes und Alterserkrankungen.
Foto: PresseMSD
Umsatz 2015: 39,5 Milliarden US-Dollar; davon in Deutschland 1,4 Milliarden Euro
Allein am Umsatz gemessen ist MSD der fünftgrößte Arzneimittelhersteller der Welt, der Corporate Responsibility groß schreibt. Zum Kerngeschäft des Pharmaunternehmens gehören neben verschreibungspflichtigen Arzneimitteln auch Impfstoffe und Präparate für die Tiergesundheit. Von den weltweit circa 68.000 Mitarbeitern sind etwa 1800 in Deutschland tätig. Im Ranking der besten Pharmaunternehmen landet MSD nach der Bewertung von Fachärzten auf Platz elf.
Foto: dpaMerck Deutschland
Umsatz 2015: 12,8 Milliarden Euro
Unter die besten zehn Unternehmen der Pharmabranche haben es die deutschen Merck-Gesellschaften geschafft. Die Niederlassung in Gernsheim ist Produktionsstandort und ist eigenen Angaben zufolge der zweitgrößte Arbeitgeber im Kreis Groß-Gerau. Die im Rahmen der Studie befragten Fachärzte waren sich darüber einig, dass der Chemiekonzern, der in den Bereichen Healthcare und Life Science zu Hause ist, zu Recht eine gute Reputation genießt. In der Gesamtwertung landet Merck Deutschland daher auf Rang zehn.
Foto: PresseAstraZeneca
Umsatz 2015: 24,7 Milliarden US-Dollar
Auch für AstraZeneca spielt gesellschaftliche Verantwortung eine große Rolle – das zumindest geht aus den eigenen Angaben des Unternehmens hervor, laut denen das Forschungsunternehmen 12 Patientenorganisationen und Selbsthilfegruppen finanziell unterstützt. AstraZeneca gehört nicht nur zu den weltweit führenden Arzneimittelherstellern, sondern auch zu den Marktführern Deutschlands. Seit 1978 werden am Produktionsstandort in Wedel Tabletten, Kapseln, Tuben, Ampullen und Flaschen verpackt, die Beschwerden von Patienten mit Atemwegs-, Herz-Kreislauf-, Stoffwechsel- und entzündlichen Erkrankungen mindern sollen. Auch für Krebs-Erkrankungen, Infektionen und neurologische Krankheiten wird stetig an innovativen Medikamenten geforscht.
Unter Berücksichtigung der Dimensionen „Kompetenz“, „Zuverlässigkeit“, „Empfehlung“, „Transparenz“ und „Verantwortung“ schneidet AstraZeneca bei den befragten Fachärzten gut ab, was für einen soliden neunten Platz im Ranking reicht.
Foto: PresseAstellas Pharma
Umsatz 2015: 109 Millionen Euro
Astellas Pharma, das 2005 aus der Fusion der japanischen Firmen Fujisawa und Yamanouchi entstanden ist, beschäftigt mittlerweile 17.000 Mitarbeiter auf der ganzen Welt. Am deutschen Standort in München arbeiten etwa 400 Fachkräfte an der Herstellung, Vermarktung und dem Vertrieb von Arzneimitteln für verschiedene medizinische Fachbereiche, darunter Transplantation, Schmerztherapie und Onkologie. Fachärzte scheinen das Leitbild wertzuschätzen, laut dem „Patienten oberste Priorität“ in der Forschung genießen und „therapeutische Lücken“ geschlossen werden sollen. Platz acht im Ranking.
Foto: dpaBristol-Myers Squibb
Umsatz 2015: 16,6 Milliarden US-Dollar
Den achten Platz teilt sich Astellas Pharma mit Bristol-Myers Squibb, dem weltweit operierenden Pharma- und Biotech-Unternehmen, das seinen deutschen Sitz in München hat. Einen besonderen Fokus legt Bristol-Myers Squibb auf Innovationen, die im Pharma-Trend-Ranking als Unterkategorie „Innovationskraft“ eine starke Beachtung finden und von Fachärzten als Dimension bewertet wurden. Therapeutisch liegt der Fokus auf der Entwicklung verschreibungspflichtiger Arzneimittel für Krebs, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, HIV, Hepatitis und Krankheiten des Immunsystems.
Foto: PresseBoehringer-Ingelheim
Umsatz 2015: 14,8 Millionen Euro
Mit einem Umsatz von 14,8 Millionen Euro im letzten Geschäftsjahr zählt auch Boehringer-Ingelheim zu den umsatzstärksten Pharmaunternehmen der Welt. Zudem kommt das global orientierte Unternehmen, das bereits seit 1885 besteht, bei Fachärzten gut an. Das zumindest geht aus der Studie hervor. Durch eine gute Gesamtbeurteilung landet das Unternehmen, das am Standort Deutschland rund 14.893 Mitarbeiter beschäftigt, auf Platz sieben im Ranking.
Foto: dpaNovo Nordisk
Umsatz 2015: 65,9 Millionen DKK
Das dänische Unternehmen Novo Nordisk erlangte durch die Produktion des Medikaments Insulin in den 20er Jahren weltweiten Ruhm. Seitdem gehört der Arzneimittelhersteller zu den Weltmarktführern im Bereich der Diabetesversorgung und konzentriert sich zudem auf die Herstellung von Blutgerinnungsmedikamenten und Wachstumshormontherapien. Der Deutschlandsitz befindet sich seit 1958 in Mainz. Unter den insgesamt 39 bewerteten Pharmaunternehmen zählt Novo Nordisk – laut fachärztlicher Gesamtbeurteilung – zu den sechs besten der Welt.
Foto: REUTERSLilly Pharma
Umsatz 2015 (Deutschland): 610,1 Millionen Euro
Mit einem Jahresumsatz von circa 20 Millionen US-Dollar zählt auch Lilly Pharma zu den größten Pharmaunternehmen der Welt. Alleine in Deutschland sind 956 Mitarbeiter für den Pharmakonzern tätig, sodass die Tochterfirma auch hierzulande zu den umsatzstärksten zählt. Die Hauptniederlassung befindet sich in Bad Homburg. Seinen Aufstieg hat das Unternehmen vor allem dem Antidepressivum Prozac zu verdanken. Bis heute liegen die Forschungsschwerpunkte bei der medizinischen Behandlung von Diabetes, Krebserkrankungen und psychischen Krankheiten - das umsatzstärkste Präparat ist Zyprexa gegen Schizophrenie. Das scheinen Fachärzte zu schätzen zu wissen, denn laut deren Beurteilung landet Lilly Pharma auf Platz fünf.
Foto: PresseNovartis Pharma (Novartis AG)
Umsatz 2015: 49,4 Milliarden US-Dollar
Nach der Beurteilung der Fachärzte landet Novartis auf Platz vier der besten Pharmaunternehmen Deutschlands. Überzeugen kann es insbesondere durch seine Erfahrungswerte. Novartis Pharma ist 1996 aus der Fusion der beiden ehemaligen Basler Pharma- und Chemieunternehmen Ciba-Geigy AG und Sandoz hervorgegangen und kann auf eine rund 250-Jährige Unternehmensgeschichte zurückblicken. Im letzten Jahr machte der Konzern durch die Übernahme der Krebssparte des Konkurrenten GlaxoSmithKline von sich Reden, dem das Unternehmen im Gegenzug die eigene Impfstoff-Produktion für 7,1 Milliarden Dollar verkaufte.
Foto: obsGlaxoSmithKline
Umsatz 2015: 23.923 Millionen britische Pfund
Gleich zwei Pharmariesen landen auf Platz drei des diesjährigen Rankings – GlaxoSmithKline ist eines davon. Als weltweit sechstgrößtes Pharmaunternehmen zählt es auch deutschlandweit nicht nur gemessen am Umsatz und der Anzahl der Mitarbeiter zu den größten Konzernen, sondern schneidet auch bei Fachärzten überdurchschnittlich gut ab. An den deutschen Produktionsstätten forschen rund 3800 von weltweit rund 100.000 Mitarbeitern in den drei Geschäftsbereichen Pharma, Biologicals und Consumer Healthcare.
Foto: WirtschaftsWocheRoche Pharma
Umsatz 2015: circa 44 Milliarden Euro
Über die gleiche Platzierung kann sich Roche Pharma mit Hauptsitz in Basel freuen. Der Konzern beschäftigt mehr als 90.000 Mitarbeiter in über 100 Ländern; die Standorte in Deutschland zählen zu der zweitwichtigsten Länderorganisation des Konzerns. Alleine in Berlin, Grenzach, Mannheim, Penzberg und Waiblingen arbeiten rund 15.400 Mitarbeiter in der Forschung und Entwicklung. Den Forschungsschwerpunkt bilden die Gebiete Onkologie, Virologie und Transplantationsmedizin. Den Erkenntnisgewinn wissen auch Fachärzte zu schätzen. Platz drei.
Foto: dpa/dpawebTakeda Pharma
Umsatz 2015: 1,78 Milliarden Yen
Gemessen an der fachärztlichen Beurteilung landet Takeda deutschlandweit auf dem zweiten Platz im Ranking. Das weltweit operierende Pharmaunternehmen ist seit 1981 auf dem deutschen Markt vertreten. Während am Hauptsitz in Berlin das Hauptaugenmerk auf dem Vertrieb liegt, steht im Stadtteil Oranienburg die Herstellung fester, flüssiger und steriler Arzneimittel im Vordergrund. Neben der reinen Medikamentenforschung engagiert Takeda Deutschland sich – eigenen Angaben zu Folge für die Weiterentwicklung des Gesundheitssystems.
Foto: dpaJanssen-Cilag
Umsatz 2015: 1,07 Milliarden Euro
Das seit 1959 auch in Deutschland vertretene Forschungs- und Entwicklungsunternehmen Janssen-Cilag schneidet nach der fachärztlichen Beurteilung im diesjährigen Ranking am besten ab. Das Unternehmen, das am Hauptsitz in Neuss mehr als 800 Mitarbeiter beschäftigt, hat im letzten Jahr allein in Deutschland einen Umsatz von 1,07 Milliarden Euro erwirtschaftet und überzeugt durch Innovationskraft, insbesondere auf den Forschungsgebieten der Infektiologie, Immunologie, Psychiatrie und Onkologie. Seit 2003 hat der Gesundheitskonzern als Teil von Johnson & Johnson mehr als 20 Produkte neu auf dem Markt eingeführt, davon sechs alleine im Jahr 2014.
Foto: PresseAls „Paradebeispiel“ für die Fehlfunktion des US-Gesundheitssystems beschreibt Experte Aaron Carroll Preissprünge wie bei Mylans EpiPen. Der Medizin-Professor von der Indiana University spricht von einem staatlich geförderten „Vorsorge-Albtraum“, bei dem die Regierung den Einsatz teurer Medikamente unterstütze, ohne etwas dafür zu tun, die Kosten zu kontrollieren. „Es gibt wenig Wettbewerb und hohe Hürden, den Markt zu entern, deshalb kann eine Firma den Preis ohne großen Widerstand weiter und weiter erhöhen.“
Turing und Mylan mögen extreme Beispiele sein, doch auch Konkurrenten wie Pfizer, Biogen, Gilead oder Amgen nutzen ihre Preismacht bei exklusiven Medikamenten recht schamlos aus. Während Regierungen in Europa in der Regel die Preise für Arzneimittel kontrollieren, können die Hersteller in den USA verlangen, was sie wollen. Ihr größter Abnehmer ist die staatliche Krankenversicherung für ältere oder behinderte Bürger, Medicare. Sie darf die Preise aber nicht direkt verhandeln. Das übernehmen die privaten Versicherer, allerdings unter strikten Auflagen des Staats.
Das Ergebnis ist ein verworrenes System, bei dem die Preise in der Regel nicht von denen bezahlt werden müssen, die sie auskungeln. Den Pharma-Konzernen, die ihre hohen Forderungen mit gesellschaftlich notwendigen Forschungs- und Entwicklungsausgaben rechtfertigen, spielt das in die Karten. Allerdings erhalten auch viele Patienten Rabatte, so etwa die von Medicaid, dem öffentlichen Gesundheitsprogramm für Arme. Pharma-Manager verteidigen sich deshalb mit dem Argument, die Wucherpreise existierten ja nur auf dem Papier.
Das stimmt jedoch nur bedingt, meint Experte Carroll: „Die Versicherung schützt einige vor den Kosten und erlaubt höhere Preise.“ Doch die bedürftigsten Patienten würden am stärksten von den extrem hohen Auslagen getroffen, die man in den USA in der Regel beim Medikamentenkauf vorstrecken muss. Ob und was die Versicherung letztlich trägt, ist oftmals mit Ungewissheit und langer Wartezeit verbunden. „Die Armen sind diejenigen, die am ehesten verzichten, weil sie sich das nicht leisten können“, so Carroll.
Dass das US-Gesundheitssystem dringenden Reformbedarf hat, daran gibt es kaum Zweifel. Die dubiose Preismacht der Pharma-Hersteller ist dabei eine große Baustelle, da sind sich ausnahmsweise sogar die Präsidentschaftskandidaten Hillary Clinton und Donald Trump einig. Obwohl das Land mit Abstand die höchsten Gesundheitsausgaben pro Kopf hat, schneidet es im internationalen Vergleich schlecht ab. Im Ranking der Weltgesundheitsorganisation WHO landete es abgeschlagen auf Rang 37 - zwei Plätze vor Cuba und einen hinter Costa Rica.