Gemini 3: Wie Google einen „Nokia-Moment“ verhindert

Alphabet hat in den vergangenen Jahren zig Milliarden Dollar an Gewinn gemacht – mit der Google-Suche, YouTube, Online-Anzeigen und natürlich Rechenzentrumskapazitäten in der Cloud. Der Konzern hat mit einiger Verzögerung entdeckt, wo er das Geld sinnvoll investieren kann, ja sogar muss: in die Dominanz des Marktes für Künstliche Intelligenz.
In dieser Woche hat Google sein neues KI-Modell Gemini 3 in den Markt gedrückt – zumindest für einige Zeit auch in der Pro-Version kostenlos (Erster persönlicher Eindruck: Es hakelt hier und da wegen Verbindungsabbrüchen, aber es ist faszinierend). So greift Google dank der Nutzereingaben auch exklusive Trainingsdaten für neue Modelle ab und kann so einen Vorsprung erarbeiten.
Auf der Basis von Gemini 3 mit auf den Markt gebracht: eine Coding-Plattform für Software-Entwickler („Antigravity“) sowie qualitative Sprünge bei der Bildgenerierung mit einer neuen Version von „Nano Banana“, wie der Konzern sein Bildmodell nennt.
Googles Vorteil: TPU-Prozessoren
Und all das hat Google vor allem mit selbst designten TPU-Prozessoren entwickelt, nicht mit Chips von Hardware-Spezialist Nvidia. Allein den Wert des Chipgeschäfts von Google mit der KI-Entwicklungseinheit DeepMind schätzten die Analysten von D.A. Davidson daher zuletzt auf 900 Milliarden Dollar.
Die KI-Offensive erinnert damit ein bisschen an den olympischen Lauf der Niederländerin Femke Bol (hier ist das legendäre Rennen mal eingebettet, von YouTube natürlich). Von Platz vier rannte sie auf der letzten Runde des 4x400-Meter-Rennens in Paris auf Platz eins. Genau eine solche Aufholjagd vollzieht Alphabet mit Google derzeit.
Denn bis die Erkenntnis reifte, KI in das Zentrum allen Schaffens bei Alphabet zu stellen, hatte das Unternehmen Fehler gemacht – und lag zurück. Entwickler Noam Shazeer verließ 2021 frustriert den Konzern, weil KI-Pläne in den Schubladen lagen, aber nicht in die Tat umgesetzt wurden. Für 2,7 Milliarden Dollar kaufte Google drei Jahre später Shazeers neue Firma zurück, um ihn als wichtigen Kern der KI-Entwicklungstruppe zurückzugewinnen.
Auch dank ihm hat der Konzern in den Sprintmodus geschaltet und kann dies mit gefüllten Kassen tun, anders als OpenAI mit ChatGPT. Hatte Alphabet zuvor relativ wenig investiert, ist der Konzern jetzt entschlossen, mit aller Kraft den „Nokia-Moment“ zu verhindern und nicht als einstiger Technologie-Vorreiter an den Rand gedrängt zu werden. So war es dem Handyhersteller Nokia einst ergangen.
Die Nutzung der Google-Suche hat durch die Einführung des KI-Modus für alle Nutzer übrigens zugenommen. Sie ist nicht zurückgegangen, wie der offene Angriff durch OpenAI zunächst hatte vermuten lassen. Googles Gegenangriff funktioniert.
Die neue Marktposition von Google hat zuletzt die von Warren Buffett gegründete Holding-Gesellschaft Berkshire Hathaway erkannt und sich maßgeblich an der Mutter Alphabet beteiligt. Zum Ende der Woche erzitterte dann die Börse. Selbst erstaunlich gute Zahlen von KI-Chipspezialist Nvidia konnten einen Kursrutsch vieler Technologie-Aktien nicht verhindern. Alphabet „überstand“ den Tag mit einem Minus von nur einem Prozent.
Grenzen setzen könnten Google eigentlich nur Kartellwächter. Eine 3,5-Milliarden-Dollar-Strafe der EU-Kommission aus einem Geschäftssegment war in der jüngsten Präsentation zu den Quartalszahlen aber tatsächlich nur eine Fußnote. Und die US-Regierung unter Donald Trump ist wahrlich nicht als Gegner großer Konzerne bekannt. Es ist ein süßer Moment für Alphabet-Chef Sundar Pichai.
Hinweis: Dieser Artikel erschien erstmals am 21. November 2025. Wir zeigen ihn aufgrund des Leserinteresses erneut.
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