Kim Dotcom Es begann mit einem gehackten D-Netz

Kim Dotcom drohen 20 Jahre Haft. Vor seinem Fall sorgte er anders für Aufsehen: Vor 19 Jahren landete er in der „WirtschaftsWoche“ einen Scoop, der den bis dato als sicher geltenden Mobilfunknetzen ihre Unschuld nahm.

Der junge Kim Schmitz: Durch den Artikel „Betrug im D-Netz? – Ein Insider packt aus“ in der WirtschaftsWoche wurde er 1996 deutschlandweit bekannt. Quelle: Marcel Stahn

Einen Kim Dotcom kann so schnell nichts erschüttern. Kaum verbreitete sich die Nachricht, dass der selbsternannte Freiheitskämpfer für das Internet seinen langjährigen Rechtsstreit verlieren und von den neuseeländischen Behörden an die USA ausgeliefert werden könnte, da beruhigte Kim Schmitz erst einmal seine Millionen „Follower“ auf Twitter: „Danke für die Unterstützung. Der Kampf geht weiter. Genießt die Ferien. Es gibt wichtigere Dinge als Copyright.“ Ein Smiley verrät - der Betreiber der großen Download-Plattform Megaupload scheint all die juristischen Scharmützel auf die leichte Schulter zu nehmen.

Die Vorwürfe wiegen schwer: Über das 2005 ins Leben gerufene Portal Megaupload waren laut den Vorwürfen der US-Justiz massenhaft illegale Kopien von Filmen und Musik verbreitet worden. In der Anklage wurden Auszüge aus E-Mails veröffentlicht, die belegen sollen, dass Dotcom und andere Manager von Megaupload von den Copyright-Verletzungen gewusst und die Nutzer sogar dazu animiert hätten. Das Geschäft lief offenbar gut: Kim Dotcom und seine Kollegen sollen einen Gewinn von 175 Millionen Dollar eingefahren haben.


Das bewegte Leben von Kim Schmitz
Founder of online file-sharing site Megaupload.com Kim Dotcom, a German national also known as Kim Schmitz and Kim Tim Jim Vestor attends a hearing at the North Shore District Court in Aucklan Quelle: Reuters
Kim Schmitz (rechts) wurde in Neuseeland festgenommen. Der deutsche Internet-Unternehmer soll der Kopf hinter Megaupload sein, einem der beliebtesten Musik- und Videoportale im Netz. Doch laut Anklage habe Megaupload der Unterhaltungsindustrie durch Raubkopien einen Schaden von 500 Millionen Dollar zugefügt. Quelle: dapd
Der Zugriff erfolgte in der "Villa Dotcom" im neuseeländischen Coatesville, 300 Kilometer nordwestlich von Auckland. Die Anlage ist mit 25 Millionen Dollar eine der teuersten im Land. Ursprünglich wollte Schmitz die Villa kaufen. Doch Politiker schlugen dazwischen, am Ende musste Kim Dotcom es mieten. Eine Niederlassungs-Erlaubnis erhielt er aber immerhin - dem Vernehmen nach kaufte er zuvor Staatsanleihen für zehn Millionen Dollar und spendete für Opfer des schweren Erdbebens in Christchurch. Er soll zurückgezogen unter dem Schutz von Bodyguards gelebt haben - aber gerne auch mal Riesensummen für ein Silvesterfeuerwerk ausgegeben haben. Quelle: dpa
Es wurde auch Kims gesamter Fuhrpark beschlagnahmt: Neben einem Rolls Royce Phantom und einem rosa Cadillac gleich ein Dutzend Mercedes-Limousinen. Die Kennzeichen der Fahrzeuge lauteten beispielsweise MAFIA, HACKER, STONED oder POLICE. Quelle: dpa
Einen Autofaible hatte Schmitz schon immer, so nahm er mehrfach an der legendären Gumball-Rallye teil, bei der Stars ihre Luxusschlitten unter realen Bedingungen testen. Einmal gewann Schmitz das halblegale Rennen sogar. Schon 1999 stellte Schmitz auf der Cebit gemeinsam mit dem Tuning-Spezialisten Brabus den Megacar vor - einen Mercedes Benz S 500 L mit integriertem Videokonferenzsystem und Internet-Computer.  In die Kopfstützen der Limousine waren Bildschirme sowie Kameras eingelassen, ein 17-Zoll-Flachbildschirm für den Internet-Computer war am Wagenhimmel befestigt. Quelle: dpa
Lange war darüber spekuliert worden, dass Schmitz hinter Megaupload steckt. Vor einigen Wochen tauchte er dann in einem Werbevideo auf. In dem Musikvideo hat Kim Hip-Hop-Superstars wie Kanye West, P.Diddy oder Will.i.am von den Black Eyed Peas um sich versammelt, sie bejubelten Megaupload genauso, wie Alicia Keys, Chris Brown oder Mary J Blidge.
Der 37-Jährige war eine der schillerndsten Figuren der New Economy: Vom Hacker wurde er zum Internet-Star. „Kim Tim Jim Vestor“ sagte gern: "In zehn Jahren will ich zu den reichsten Männern der Welt gehören".

Was heute kaum noch jemand weiß: Bevor Dotcom als exzentrischer Protz-Millionär für Schlagzeilen sorgte, bevor er ins Fadenkreuz der Justiz geriet, sorgte er anders für Schlagzeilen. Seinen ersten großen Scoop landete er vor fast 20 Jahren in der „WirtschaftsWoche“. „Betrug im D-Netz? – Ein Insider packt aus“ titelte Heft 37 am 5. September 1996.

Der Insider war der damals 22-jährige Kim Schmitz, der heute als Kim Dotcom bekannt ist. Als ehemaliger Hacker hatte er in München die Firma Dataprotect gegründet und die Topmanager der damaligen Telekom-Tochter T-Mobile auf eine gravierende Sicherheitslücke im D1-Netz aufmerksam gemacht. Es war das erste Mal, dass ein Hacker den Ruf der damals als absolut sicher geltenden D-Netze ankratzte.

Entsprechend groß war der Aufschrei: „Hacker knacken den Code des D1-Netzes“, schrieb damals der Berliner „Tagesspiegel“. Die Telekom wollte das erst nicht glauben. „In der Szene gibt es viele Bluffer“, wiegelte ein Sprecher damals im Frühstücksfernsehen ab. „Gerade dieser Hacker hat einen sehr zweifelhaften Ruf.“ Doch das war eher eine Beruhigungspille für die verunsicherten Kunden, die damals zu tausenden die Hotline von T-Mobile anriefen.

Insider verriet den Code

Exklusiv in der "WirschaftsWoche" enthüllte Kim Schmitz damals, wie er das D1-Netz geknackt hat. „Hacker könnten auf jeder beliebigen D1-Rufnummer auf Kosten des rechtmäßigen Inhabers telefonieren", erklärte er und verblüffte damit auch die Telekom-Experten. "Je mehr Details wir preisgaben, umso hellhöriger wurden die beiden D1-Manager.“ Allerdings hatten die Hacker den Code nicht geknackt, sondern ein Insider hatte ihn offenbar verraten.

Ein Mitarbeiter eines großen deutschen Kommunikationskonzerns soll sämtliche Verschlüsselungsalgorithmen des D1-Netzes an die Hacker-Szene weitergeben haben. Mit diesem Know-how hätten sie mit geringem technischen Aufwand die Handy-Chipkarten fälschen können.

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Ob diese Sicherheitslücke jemals ausgenutzt wurde, ist bis heute unklar. Fest steht nur: Seit dieser Enthüllung haben die Mobilfunknetze ihre Unschuld verloren. Damals schien es zum Beispiel noch undenkbar, dass Mobiltelefonate über die D-Netze aufgrund der damals als abhörsicher geltenden Verschlüsselungsalgorithmen abgefangen werden können.

Heute weiß jeder, dass die Mobilfunknetze offen wie ein Scheunentor sind: Sogar das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt hochoffiziell in seinem jüngsten Jahresbericht: „Telefonate, die über die Mobilfunktechnologie der zweiten Generation (GSM) getätigt werden, können auf der Funkschnittstelle abgehört werden.“

All die tollen Werbesprüche der Netzbetreiber aus den Neunzigerjahren über ihre so perfekt abgesicherten Mobilfunknetze sind seit Langem widerlegt. Kim Schmitz hat, als er noch ein junger Bursche war, seinen Teil dazu beigetragen.

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