Kim Dotcom: Es begann mit einem gehackten D-Netz
Der junge Kim Schmitz: Durch den Artikel „Betrug im D-Netz? – Ein Insider packt aus“ in der WirtschaftsWoche wurde er 1996 deutschlandweit bekannt.
Foto: Marcel StahnEinen Kim Dotcom kann so schnell nichts erschüttern. Kaum verbreitete sich die Nachricht, dass der selbsternannte Freiheitskämpfer für das Internet seinen langjährigen Rechtsstreit verlieren und von den neuseeländischen Behörden an die USA ausgeliefert werden könnte, da beruhigte Kim Schmitz erst einmal seine Millionen „Follower“ auf Twitter: „Danke für die Unterstützung. Der Kampf geht weiter. Genießt die Ferien. Es gibt wichtigere Dinge als Copyright.“ Ein Smiley verrät - der Betreiber der großen Download-Plattform Megaupload scheint all die juristischen Scharmützel auf die leichte Schulter zu nehmen.
Die Vorwürfe wiegen schwer: Über das 2005 ins Leben gerufene Portal Megaupload waren laut den Vorwürfen der US-Justiz massenhaft illegale Kopien von Filmen und Musik verbreitet worden. In der Anklage wurden Auszüge aus E-Mails veröffentlicht, die belegen sollen, dass Dotcom und andere Manager von Megaupload von den Copyright-Verletzungen gewusst und die Nutzer sogar dazu animiert hätten. Das Geschäft lief offenbar gut: Kim Dotcom und seine Kollegen sollen einen Gewinn von 175 Millionen Dollar eingefahren haben.
Was heute kaum noch jemand weiß: Bevor Dotcom als exzentrischer Protz-Millionär für Schlagzeilen sorgte, bevor er ins Fadenkreuz der Justiz geriet, sorgte er anders für Schlagzeilen. Seinen ersten großen Scoop landete er vor fast 20 Jahren in der „WirtschaftsWoche“. „Betrug im D-Netz? – Ein Insider packt aus“ titelte Heft 37 am 5. September 1996.
Das wilde Leben des Kim Dotcom
März 2012: Die US-Bundesstaatsanwaltschaft hat in Neuseeland Antrag auf Auslieferung von Megaupload-Gründer Kim Dotcom und drei seiner Mitarbeiter eingereicht. Die US-Justiz wirft den Megaupload-Anbietern Verstöße gegen Gesetze zum Schutz des Urheberrechts vor und fordert ihre Auslieferung wegen des Vorwurfs der organisierten Kriminalität. In den USA droht Dotcom eine Freiheitsstrafe von bis zu 20 Jahren. Es wäre nicht die erste Haftstrafe für den gebürtigen Kieler.
Foto: ReutersKim Schmitz (rechts) wurde in Neuseeland festgenommen. Der deutsche Internet-Unternehmer soll der Kopf hinter Megaupload sein, einem der beliebtesten Musik- und Videoportale im Netz. Doch laut Anklage habe Megaupload der Unterhaltungsindustrie durch Raubkopien einen Schaden von 500 Millionen Dollar zugefügt.
Foto: dapdDer Zugriff erfolgte in der "Villa Dotcom" im neuseeländischen Coatesville, 300 Kilometer nordwestlich von Auckland. Die Anlage ist mit 25 Millionen Dollar eine der teuersten im Land. Ursprünglich wollte Schmitz die Villa kaufen. Doch Politiker schlugen dazwischen, am Ende musste Kim Dotcom es mieten. Eine Niederlassungs-Erlaubnis erhielt er aber immerhin - dem Vernehmen nach kaufte er zuvor Staatsanleihen für zehn Millionen Dollar und spendete für Opfer des schweren Erdbebens in Christchurch. Er soll zurückgezogen unter dem Schutz von Bodyguards gelebt haben - aber gerne auch mal Riesensummen für ein Silvesterfeuerwerk ausgegeben haben.
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Es wurde auch Kims gesamter Fuhrpark beschlagnahmt: Neben einem Rolls Royce Phantom und einem rosa Cadillac gleich ein Dutzend Mercedes-Limousinen. Die Kennzeichen der Fahrzeuge lauteten beispielsweise MAFIA, HACKER, STONED oder POLICE.
Foto: dpaEinen Autofaible hatte Schmitz schon immer, so nahm er mehrfach an der legendären Gumball-Rallye teil, bei der Stars ihre Luxusschlitten unter realen Bedingungen testen. Einmal gewann Schmitz das halblegale Rennen sogar.
Schon 1999 stellte Schmitz auf der Cebit gemeinsam mit dem Tuning-Spezialisten Brabus den Megacar vor - einen Mercedes Benz S 500 L mit integriertem Videokonferenzsystem und Internet-Computer. In die Kopfstützen der Limousine waren Bildschirme sowie Kameras eingelassen, ein 17-Zoll-Flachbildschirm für den Internet-Computer war am Wagenhimmel befestigt.
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Lange war darüber spekuliert worden, dass Schmitz hinter Megaupload steckt. Vor einigen Wochen tauchte er dann in einem Werbevideo auf. In dem Musikvideo hat Kim Hip-Hop-Superstars wie Kanye West, P.Diddy oder Will.i.am von den Black Eyed Peas um sich versammelt, sie bejubelten Megaupload genauso, wie Alicia Keys, Chris Brown oder Mary J Blidge.
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Der 37-Jährige war eine der schillerndsten Figuren der New Economy: Vom Hacker wurde er zum Internet-Star. „Kim Tim Jim Vestor“ sagte gern: "In zehn Jahren will ich zu den reichsten Männern der Welt gehören".
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Der Drei-Zentner-Mann war für Parties und Protzereien berüchtigt, liebte Auftritte mit eigenem Jet oder B-Promis im Bikini.
Foto: WirtschaftsWocheFünf Millionen Mark koste ihn sein dekadenter Lebensstil im Jahr, sagt Schmitz einmal. Und ergänzte: "Also gar nicht so viel."
Foto: WirtschaftsWocheKim Dotcom galt vielen als Hochstapler und Großmaul, weil er beispielsweise einmal zehn Millionen Dollar auf den Kopf von Osama Bin Laden aussetzte.
Foto: WirtschaftsWocheBekannt geworden war er vor allem durch den angeblichen Einstieg zur Rettung von Letsbuyit.com - einer Dotcom-Bude, die in sechs Monaten 66 Millionen Euro verbrannte.
Foto: WirtschaftsWocheWegen Insiderhandels wurde der Partykönig 2002 zu einer Bewährungsstrafe von 20 Monaten verurteilt. Doch schon früher hatte der Hacker Ärger mit der Polizei: 1994 stürmte ein Trupp schwerbewaffneter Polizisten die Münchner Wohnung des Hackers. Kimble wanderte in Untersuchungshaft. "Es war wie ein Alptraum", sagt er. Erst da habe er begriffen, dass sein grosses Computerspiel zur bitteren - kriminellen - Realitaet geworden sei. Zwei Monate sass der damals 20jaehrige in einer Zelle, er kam erst frei, als seine Mutter eine Kaution von 30 000 Mark hinterlegte.
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Nun drohen Kim Schmitz sogar bis zu 20 Jahren Haft.
Foto: WirtschaftsWocheDer Insider war der damals 22-jährige Kim Schmitz, der heute als Kim Dotcom bekannt ist. Als ehemaliger Hacker hatte er in München die Firma Dataprotect gegründet und die Topmanager der damaligen Telekom-Tochter T-Mobile auf eine gravierende Sicherheitslücke im D1-Netz aufmerksam gemacht. Es war das erste Mal, dass ein Hacker den Ruf der damals als absolut sicher geltenden D-Netze ankratzte.
Entsprechend groß war der Aufschrei: „Hacker knacken den Code des D1-Netzes“, schrieb damals der Berliner „Tagesspiegel“. Die Telekom wollte das erst nicht glauben. „In der Szene gibt es viele Bluffer“, wiegelte ein Sprecher damals im Frühstücksfernsehen ab. „Gerade dieser Hacker hat einen sehr zweifelhaften Ruf.“ Doch das war eher eine Beruhigungspille für die verunsicherten Kunden, die damals zu tausenden die Hotline von T-Mobile anriefen.
Insider verriet den Code
Exklusiv in der WirtschaftsWoche enthüllte Kim Schmitz damals, wie er das D1-Netz geknackt hat. „Hacker könnten auf jeder beliebigen D1-Rufnummer auf Kosten des rechtmäßigen Inhabers telefonieren“, erklärte er und verblüffte damit auch die Telekom-Experten. „Je mehr Details wir preisgaben, umso hellhöriger wurden die beiden D1-Manager.“ Allerdings hatten die Hacker den Code nicht geknackt, sondern ein Insider hatte ihn offenbar verraten.
Ein Mitarbeiter eines großen deutschen Kommunikationskonzerns soll sämtliche Verschlüsselungsalgorithmen des D1-Netzes an die Hacker-Szene weitergeben haben. Mit diesem Know-how hätten sie mit geringem technischen Aufwand die Handy-Chipkarten fälschen können.
Ob diese Sicherheitslücke jemals ausgenutzt wurde, ist bis heute unklar. Fest steht nur: Seit dieser Enthüllung haben die Mobilfunknetze ihre Unschuld verloren. Damals schien es zum Beispiel noch undenkbar, dass Mobiltelefonate über die D-Netze aufgrund der damals als abhörsicher geltenden Verschlüsselungsalgorithmen abgefangen werden können.
Heute weiß jeder, dass die Mobilfunknetze offen wie ein Scheunentor sind: Sogar das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) warnt hochoffiziell in seinem jüngsten Jahresbericht: „Telefonate, die über die Mobilfunktechnologie der zweiten Generation (GSM) getätigt werden, können auf der Funkschnittstelle abgehört werden.“
All die tollen Werbesprüche der Netzbetreiber aus den Neunzigerjahren über ihre so perfekt abgesicherten Mobilfunknetze sind seit Langem widerlegt. Kim Schmitz hat, als er noch ein junger Bursche war, seinen Teil dazu beigetragen.