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Si Newhouse Tod eines Ausnahme-Verlegers

Ein wagemutiger Verleger, der sich gleichzeitig wenig einmischte – Si Newhouse Jr. prägte mit Magazinen wie „Vanity Fair“, „Vogue“ oder dem „New Yorker“ den Magazin-Journalismus wie kaum ein anderer.

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Si Newhouse Jr. mischte sich nie in die Redaktion der Magazine ein, die bei seinem Verlag Conde Nast erschienen. Quelle: AP

New York Ein Lob vom Chef – das erwartete Bill Wackermann, als er seinem Verleger Si Newhouse Jr. Kosteneinsparungen in der Redaktion vorstellte. Stattdessen bekam er etwas zu hören. „Wer hat etwas von Kürzungen gesagt?“, fragte der Verleger verärgert, „von nichts kommt nichts“.

Chefredakteure wie Anna Wintour von „Vogue“ oder Graydon Carter von „Vanity Fair“ ermunterte Newhouse Jr. zum Geldausgeben, genehmigte verschwenderische Partys und teure Fotoserien. Er selbst aber kam er um fünf Uhr morgens ins Büro und trug er einen ausgebeulten, zerknitterten Anzug, „in dem er eher wie ein Hochschuldozent als ein Vorstand aussah“, erinnert sich sein Cousin Jonathan Newhouse, der heute das Verlagshaus Condé Nast führt.

Newhouse Jr. war ein Mann der Gegensätze, die er mit Erfolg in sich vereinte. Der New Yorker war ein Stern am Medienhimmel: 1981 holte er „Vanity Fair“ aus der Mottenkiste und machte daraus ein Hochglanzmagazin der Extraklasse. Er stellte Vogue-Chefin Wintour ein, die zur Legende in der Mode- und Medienwelt wurde und in dem Film „Der Teufel trägt Prada“ verewigt wurde. Am vergangenen Sonntag starb Newhouse Jr. im Alter von 89 Jahren.

Anfangs stand es nicht gut um Newhouse Jr. – wie selbst gerne sagte. Der älteste Sohn von Zeitungsbaron Samuel Irving Newhouse Sr. ließ sich treiben, brach sein Studium an der Syracuse University ab. Einen Job beim väterlichen Medienunternehmen Advanced Publication füllte er lustlos aus. Seine erste Ehe ging nach acht Jahren in die Brüche.

Doch 1959 veränderte sich sein Leben. Der Vater hatte ein Vermögen mit Zeitungen gemacht, ihm gehörten von der „Long Island Daily Press“ bis zum „St. Louis Globe-Democrat“ ein ganzer Kranz profitabler Lokalzeitungen in den USA. Allerdings liebte seine Frau Mitzi Newhouse mehr das Modemagazin „Vogue“. Zum Hochzeitstag überraschte er sie mit einer Neuigkeit: Er hatte das Verlagshaus Condé Nast gekauft, zu dem „Vogue“ gehörte.

Die Geschäfte von dem neuen Verlag übernahm Newhouse Jr., während sein jüngerer Bruder Donald – der noch heute im Unternehmen aktiv ist – sich um die Zeitungen kümmerte. „Die Akquisition sah er als seine große Chance“, schrieb Carol Felsenthal in der Biografie „Bürger Newhouse: Porträt über einen Medienkaufmann“.

Mit 32 Jahren war Newhouse Jr. Chef von Magazinen wie „Vogue“, „Glamour“ oder „House & Garden“. Zu seinem Vertrauten wurde „Vogues“ Artdirektor Alexander Liberman. Der gebürtige Russe war 1941 als Fotograf und Künstler nach Amerika gekommen, zusammen mit seiner Frau Tatjana Alexejewna Jakowlewa, die zur Stilikone im New York der Fünfziger und Sechziger Jahre aufstieg. Liberman führte Newhouse in die glamouröse Mode- und Kunstwelt von New York ein und beriet ihn später beim Auf- und Ausbau seiner Kunstsammlung, die auf dem Höhepunkt einen Wert von 100 Millionen Dollar besaß.


„Er war ein brillanter Königsmacher"

Der Einfluss von Liberman war groß. Der war „immer am Bohren und Pushen“, wie Newhouse Jr. einmal sagte, nicht zuletzt nach mehr Geld für Personal. Newhouse Jr. machte 1962 die bekannte Moderedakteurin Diana Vreeland zur Chefin von „Vogue“, holte später den berühmten Modefotografen Richard Avedon ins Haus. „Er war ein brillanter Königsmacher, der wusste, wie man Gewinner auswählt“, sagte Tom Florio, der früher im Vorstand von Condé Nast arbeitete.
Newhouse sparte nicht am Geld, ließ den Chefredakteuren freie Hand. In einem Nachruf beschreibt David Remnick vom „New Yorker“, über die Arbeit mit dem Verleger: „Ihm gehörte alles, er zahlte die Gehälter und die Miete, rührte aber nicht mit einem Finger das Magazin an; nicht einmal schlug er eine Geschichte vor, verriet nicht seine politischen Neigungen, gab niemals Anweisungen für eine künftige Ausgabe oder übte Kritik an einer erschienen Ausgabe“, schreibt Remnick.

Newhouse Jr. konzentrierte sich auf das Geschäft – mit einigem Erfolg. So übernahm er 1985 den „New Yorker“, der lange rote Zahlen schrieb, aber bis heute Gewinne abwirft und die besten Autoren Amerikas anzieht. Auch die Übernahme von dem Tech-Magazin „Wired“ 1998 war eine kluge Idee. Im Buchgeschäft gelang Newhouse Jr. ein spektakulärer Coup: In den Siebziger Jahren übernahm er für 60 Millionen Dollar den Verlag Random House, den er 1998 für 1,4 Milliarden Dollar an Bertelsmann weiterverkaufte.

Geduldig war Newhouse Jr., aber nicht sentimental. Unprofitable Magazine wie „Mademoiselle“ oder „Gourmet“ wurden dicht gemacht. Auch bei Personalentscheidungen konnte er hart, direkt und nicht selten unhöflich sein. Grace Mirabella erfuhr 1988 erst aus dem Fernsehen, dass sie nicht mehr Chefin von „Vogue“ war. Richard Gottlieb wurde 1992 auf einer Reise in Japan von einem Reporter aus dem Bett geworfen – was er dem zu seinem Rauswurf als Chefredakteur vom „New Yorker“ sagen würde?

Nicht immer hatte Newhouse Jr. Erfolg. Ganze 100 Millionen Dollar steckte er in das Wirtschaftsmagazin „Portfolio“, das von der Qualität der Geschichten und Aufmachung ein großartiges Produkt war – aber 2007 kurz vor der Finanzkrise erschien und zwei Jahre später eingestellt wurde.

Auch digitale Medien machten dem Magazingeschäft immer mehr zu schaffen. Die Werbeeinnahmen fielen, die hohen Ausgaben machten sich bemerkbar. Redakteure flogen wie selbstverständlich erste Klasse, schickten ihre Koffer vorab per Fedex ins Hotel, erhielten zinsgünstige Millionenhypotheken. „Ich glaube an Verschwendung“, sagte Liberman, bis zu seinem Tod 1999 die rechte Hand von Newhouse Jr., „Verschwendung ist sehr wichtig für Kreativität“.

Aber die Zeit kam zu einem Ende. Die roten Zahlen gingen durch die Decke, Budgets mussten gekürzt werden, Condé Nast zog vom Times Square in Midtown New York ins deutlich preiswertere 1 World Trade Center im Süden Manhattans um. Eine Ära geht zu Ende.

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