Werner knallhart

Lesen Sie wirklich die Leserkommentare?

Die Online-Redaktionen rackern sich ab, um Nutzer-Kommentare auf unzumutbare Stammtisch-Frechheiten zu durchforsten – und geben mitunter überfordert auf. Aber stören geschlossene Diskussionsforen überhaupt jemanden?

So behalten Sie Ihr Online-Leben im Griff
Digital Happiness - Online selbstbestimmt und glücklich sein Quelle: PR
Ein Ebook lehnt an alten Büchern Quelle: Fotolia
Es gibt keinen „Digital Native“ Quelle: Fotolia
Digital selbstbestimmt agieren Quelle: Fotolia
Das eigene „Dafür“ entdecken! Quelle: Fotolia
Sich selbst „Digital-Happiness“-Lehreinheiten kreieren Quelle: Fotolia
Safer Sex für Ihre Daten Quelle: dpa/Picture Alliance
Widerstandsfähig sein: Digitale Resilienz Quelle: Fotolia
Gewinner durch Wissen Quelle: Fotolia
Gute „Filter“ implementieren Quelle: Fotolia
User Innovation: mündige Bürger reden mit! Quelle: Fotolia

"Liebe Leser, leider erreichen uns zu diesem Artikel im Diskussionsforum derartig viele Kommentare, die gegen die Etikette verstoßen oder strafrechtlich relevant sein könnten, dass wir dieses Forum leider schließen müssen."

So oder ähnlich klingt es, wenn Moderatoren von Leserforen verzweifelt aufgeben. Man könnte auch sagen: Wenn man den Fehler gemacht hat, Menschen auf seiner mit viel Mühe aufbereiteten Website die Möglichkeit gibt, mitzudiskutieren.

Denn neben vielen interessanten, inhaltlich fundierten Beiträgen von Lesern, die sich zum jeweiligen Thema gut auskennen und die anderen Leser aber auch uns Journalisten mit ihren Texten weiterbringen, gibt es noch die anderen:

  1. Die, die nichts zu sagen haben, sich aber trotzdem äußern, weil sie noch Ausrufezeichen übrig haben.

  2. Die, die absichtlich oder tollpatschigerweise falsche Tatsachen behaupten.

  3. Die, denen es darauf ankommt, andere Menschen klein zu machen, weil sie keine Chance sehen, selbst zu wachsen.

Das trifft dann entweder die Journalisten (Motto: "Lieber Chefredakteur, wann schmeißen Sie diesen Schmierfink endlich raus?" - oder, Zitat: "Ich hoffe, Sie sterben bald") oder andere Leser. Der Wunsch, ein anderer möge bald sterben, mag ja vielleicht einfach nur eine sehr unfreundliche Meinungsäußerung sein, gegen die strafrechtlich nichts einzuwenden ist. Aber was bringt so etwas anderen Lesern?

Ich kenne Redaktionen, da werden Kollegen mit vielen Jahren Berufserfahrung dazu eingesetzt, die Diskussionsforen auf unverschämte und strafrechtlich bedenkliche Kommentare hin zu durchsuchen. Anstatt Artikel für die Leser zu recherchieren oder Fernsehbeiträge zu produzieren.

Im Forum einer großen deutschen Nachrichtenseite schreibt ein Leser unter einen Beitrag zu nach Deutschland eingewanderten Tierarten, es kämen ja zurzeit genügend menschliche Schmarotzer ins Land, die man einfach mal rücksichtslos ausmerzen müsste. Besagter Kommentar stand dort tagelang, bevor er gelöscht wurde. Um sicherzugehen, dass so ein menschenverachtender Müll nicht nur eine Sekunde andere herabwürdigt und die Marke des eigenen journalistischen Angebots beschädigt, müssen also die Redaktionen auch unter Garten- und Gesundheitstipps und Sportberichten jederzeit mit versteckten Mord-Aufrufen rechnen, um sie aufzuspüren und zu löschen.

Verhängnisvolle Posts, die den Job kosten können
Ein Auktionator bei einer Kunstauktion mit dem Hammer den Zuschlag. Quelle: dpa
Wer seinen Ausbilder als Menschenschinder und Ausbeuter bezeichnet, fliegt Quelle: Fotolia
Hamburger Band Deichkind Quelle: dpa
„Ab zum Arzt und dann Koffer packen“Urlaub auf Rezept? Eine Auszubildende aus Nordrhein-Westfalen schrieb bei Facebook: "Ab zum Arzt und dann Koffer packen." Das las der Ausbilder und fand es gar nicht komisch. Er kündigte der Auszubildenden fristlos. Sie zog vor Gericht. Das Argument der Verteidigung lautete übrigens, dass die Auszubildende wegen ihrer Hautkrankheit Neurodermitis Urlaub bräuchte. Spätestens als die aber sagte: "Ich hätte eh zum 31. Mai gekündigt" war klar, woher der Wind weht. Beide Parteien einigten sich auf eine Zahlung von 150 Euro ausstehenden Lohn und ein gutes Zeugnis. Quelle: dapd
Facebook-Nutzung trotz Kopfschmerzen Quelle: Fotolia
"Speckrollen" und "Klugscheißer" Quelle: AP
Eine Lehrerin bezeichnete sich als "die Aufseherin von künftigen Kriminellen" Quelle: dpa
Bei Facebook Kunden beschimpfen kann ein Entlassungsgrund sein Quelle: AP
Vorsicht beim "Liken" Quelle: dapd

Aber wollen Sie, dass dafür Ihre Rundfunkgebühren eingesetzt werden? Wollen Sie, dass Print- und Onlineredaktionen auch der privatwirtschaftlichen Medienhäuser dafür Personal zusammenziehen? Um es als journalistische Müllwerker durch die Seiten ziehen zu lassen?

Man könnte sagen: Ja. Wenn das Angebot mit besagtem Aufwand besser ist, als es ganz ohne Diskussionsforen wäre.

Gerade lese ich im Internet einen Artikel zum Gedankenspiel, ob zum Beispiel Claudia Roth Chancen auf den Posten der Bundespräsidentin hätte. Bitte urteilen Sie selbst, ob Sie die Beiträge darunter weiterbringen:

"Claudia Roth ? Soll das n Witz sein ? Falls ja, ist es ein ganz mieser."

"Das wäre ja nicht zu ertragen, die Roth als Präsidentin, schlimmer geht's nimmer.."

"Sie kann es, und es wäre schade, wenn sie es nicht wird."

Und nu? Alles im Rahmen. Alles harmlos. Kann man alles so sagen. Nichts davon ist unerträglich. Aber: Sind Sie jetzt schlauer? Oder zumindest gut unterhalten? Würden Sie diese Leser-Bauchgefühle emotional an das Medium binden?

Inhalt
Artikel auf einer Seite lesen
© Handelsblatt GmbH – Alle Rechte vorbehalten. Nutzungsrechte erwerben?
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%