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Aufholbedarf Wer Weltmarktführer bleiben will, braucht Künstliche Intelligenz

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Wir verlieren den Anschluss

Bezogen auf die Künstliche Intelligenz heißt das: Wir befinden uns etwa im Jahr 1918. Die Technologie ist zum Massenprodukt geworden, die Phase der Konsolidierung beginnt gerade. Möglicherweise erleben wir noch einige echte Neuerungen in Teilbereichen, vermutlich jedoch vor allem Verbesserungen und Optimierungen bestehender Komponenten. Und so spektakulär die Erfolge der neuen Technologie scheinen mögen: Derzeit ist die Künstliche Intelligenz meilenweit davon entfernt, Modelle zu schaffen, die ein eigenes Bewusstsein haben, die also eigenständig denken können. Und wenn die KI dem üblichen Zyklus folgt, wird das noch Jahrzehnte so bleiben.

In dieser Zeit wird die Technologie einen Siegeszug antreten, wie einst das Auto: „Nimm irgendwas und füge KI dazu“ – so hat der Gründer und Herausgeber des Magazins „Wired“, Kevin Kelly, den Businessplan für Zehntausende Start-ups umschrieben. Dabei kann es nicht unser Ziel sein, Künstliche Intelligenz neu gegründeten Unternehmen zu überlassen. Auch die etablierten Unternehmen und insbesondere der Mittelstand müssen sich mit der Technologie auseinandersetzen, sie anwenden.

Und es geht längst nicht nur um Künstliche Intelligenz. Laut einer McKinsey-Studie schätzt nur jedes zweite mittelständische Unternehmen den eigenen Digitalisierungsgrad – eine wichtige Voraussetzung für den Einsatz von KI - als hoch ein. Viele sehen die Digitalisierung zudem als IT-Thema, ein Mittel zur Produktivitätssteigerung – was ein fataler Irrtum ist. Mit Hilfe digitaler Anwendungen und insbesondere mit Künstlicher Intelligenz gilt es, neue Geschäftsfelder zu erschließen, die Organisationsstruktur anzupassen und die Firmenkultur zu verändern. Nur so bleiben die Unternehmen konkurrenzfähig.

Doch bislang setzen nur fünf Prozent der deutschen Unternehmen KI-Algorithmen ein. Selbst vergleichsweise junge Unternehmen haben Nachholbedarf. Viele vor zehn, 15 Jahren gegründete IT-Firmen bieten KI weder als Service für ihre Kunden an – noch nutzen sie die Technologie selbst. Und wenn sie nicht schnell damit beginnen, wird es sie in fünf Jahren nicht mehr geben.

Die eigentliche Gefahr, die von der Künstlichen Intelligenz ausgeht, ist zumindest für Deutschland und andere hochentwickelte Industrienationen, den Anschluss zu verlieren. Genau danach aber sieht es gerade aus. Fast alle Neuerungen in der Technologie kommen aus den USA oder aus China. Die beiden Nationen bilden ein geopolitisches KI-Oligopol, das uns zwei bis drei Jahre voraus ist. Und nur noch schwer einzuholen. Ein ähnlicher zeitlicher Vorsprung wird etwa Googles Suchmaschine unterstellt – und viele Experten sind sich sicher, dass es keinen ernstzunehmenden Angriff mehr geben wird, die Marktmacht des Suchmaschinen-Giganten zu brechen. Trotz aller Bemühungen um eine europäische Antwort.

Wer Märkte beherrscht, kann Standards setzen – und sich so weitere Wettbewerbsvorteile sichern. Den beiden KI-Weltmächten ist ihre Chance durchaus bewusst – und Deutschland hat die Gefahr erkannt. Drei Milliarden Euro will die Bundesregierung deshalb bis 2025 in die Technologie investieren. Das ist viel Geld, doch ob es reicht, um Deutschland das Aufschließen zu den führenden KI-Nationen zu ermöglichen, darf bezweifelt werden. Nur zum Vergleich: Allein die Provinzregierung von Shanghai will Künstliche Intelligenz in den kommenden Jahren mit 15 Milliarden Dollar fördern.

Doch Geld alleine wird nicht reichen, um Deutschland zu einer führenden KI-Nation zu machen. Das Thema muss in den Köpfen der Menschen und der Politiker aus der IT-Nische und dem Dunstkreis von Nerds verschwinden. Künstliche Intelligenz wird alle Lebensbereiche und alle Branchen verändern – und deshalb muss sie an allen Schulen gelehrt werden und zwar nicht nur in Mathematik oder Informatik, sie muss in allen Fächern mitgedacht werden.

Die Bilder des CEO-Abends
Gipfeltreffen der Weltmarktführer in Schwäbisch Hall Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Bereits am Vorabend trafen sich Inhaber und CEOs mittelständischer Unternehmen in der Kunsthalle Würth. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Reinhold Würth, Stiftungsaufsichtsratsvorsitzender der Würth-Gruppe Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Beat Balzli, Chefredakteur der WirtschaftsWoche, und Walter Döring eröffnen den CEO-Abend offiziell. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Die Evening Keynote hielt Hans Bühler, CEO der Optima Packaging Group. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Hier posieren Walter Döring (links) und Robert Friedmann, Sprecher der Konzernführung der Würth-Gruppe, mit ada-Gründungsverlegerin Miriam Meckel. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche
Durch den Abend führte Daniel Rettig, Ressortleiter Erfolg/Kultur & Stil der WirtschaftsWoche. Quelle: Sebastian Muth für WirtschaftsWoche

Am wichtigsten aber ist es, dass wir unsere inhärente Ablehnung gegenüber allem Neuen ablegen – unsere Schizophrenie bezüglich technischer Entwicklungen. Was diesem Land fehlt, ist die Euphorie, mit der andere Nationen den Möglichkeiten der KI begegnen. Warum sehen wir nicht die positiven Aspekte der Technologie?

Etwa in der Medizin – und damit in Entwicklungsländern, wo Patienten zu spezialisierten Ärzten oft Hunderte von Kilometern zurücklegen müssen. Die cloud-basierte Diagnose eines mit einem portablen Gerät aufgenommenen Röntgenbildes ist dort enorm hilfreich. KI vernichtet dabei keine Jobs – aber sie ermöglicht es Ärzten, egal wo auf der Welt, mehr Zeit mit ihren Patienten zu verbringen. Oder im Umweltschutz: Mit Hilfe intelligenter Algorithmen lassen sich individuelle Wale im Nordatlantik mittlerweile mit fast 90-prozentiger Genauigkeit erkennen, was für die Bemühungen, die vom Aussterben bedrohten Arten zu retten, enorm hilfreich ist. Vor allem aber in der Wirtschaft. Mit Hilfe von KI wird es möglich sein, viele der einst in Billiglohnländer abgewanderten Firmen zurückzuholen.  

Wenn Deutschland die gleiche Begeisterung für Künstliche Intelligenz und digitalen Fortschritt aufbrächte, wie für den Fußball, müssten wir uns wesentlich weniger Sorgen um unsere Zukunft machen.

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