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Gescheitertes Wüstenprojekt Klaus Krinner glaubt nicht mehr an Desertec – aber an Solarstrom

Eine mit dem Desertec-Projekt vergleichbare Solaranlage in der israelischen Negev-Wüste. Quelle: AP

Deutsche Unternehmen sind mit Euphorie in das Wüstenprojekt gestartet. Übrig blieben nur Innogy und der Mittelständler Klaus Krinner, der jetzt lieber Solarkraftwerke auf deutschen Parkplätzen und Feldern bauen will.

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Klaus Krinner schaut lieber in die Zukunft. Klar, auch der heute 81-jährige Gründer der nach ihm benannten Firma im oberbayrischen Straßkirchen war fasziniert von der Idee, riesige Solarparks in der Sahara oder auf der arabischen Halbinsel zu bauen, um grünen Wüstenstrom zu produzieren und durch Stromtrassen im Mittelmeer nach Europa zu bringen. Beim größten Solarkraftwerk in Abu Dhabi, das vor zwei Monaten feierlich eröffnet wurde und das bald 1177 Megawatt sauberen Strom produzieren soll, baute er das Fundament für die Solarpanels. Insofern war die Entscheidung richtig, bei der Gründung der Desertec Industrial Initiative (DII) vor genau zehn Jahren mitzumachen. Ohne die dort entstandenen Kontakte hätte er den einen oder anderen Auftrag aus anderen Kontinenten wahrscheinlich gar nicht bekommen.

Doch so euphorisch wie vor zehn Jahren ist Krinner nicht mehr. Der Visionär und Kämpfer für Solarenergie ist sich nicht mehr sicher, ob die ursprüngliche Desertec-Idee – nämlich der Bau riesiger Solarparks in der Wüste – überhaupt noch realisierbar ist. „Die Genehmigungsverfahren sind umständlich und langwierig“, sagt Krinner. Auf das pünktliche Bezahlen achten die Investoren auch nicht so genau wie in Westeuropa. Sogar von Korruption ist die Rede. Die politischen Risiken seien ohnehin nicht mehr kalkulierbar. Solche Solaranlagen seien natürlich ein „exponiertes Terrorziel“. Ein Anschlag reicht – und die Energiezufuhr nach Deutschland würde zusammenbrechen.

Krinner will aber trotzdem nicht dem Beispiel von Dax-Konzernen wie Siemens, der Deutschen Bank und E.On folgen und aus der Desertec-Initiative aussteigen. Als letzter Mittelständler hält er der Desertec Industrial Initiative die Treue, auch wenn Krinner keine aktive Rolle mehr in der DII spielt. „Wir wollen aber das Thema weiter am Leben halten“, sagt Geschäftsführer Michael Krinner, ein Neffe von Klaus Krinner. Außer ihm ist auf deutscher Seite nur noch der Essener Stromkonzern Innogy als Gesellschafter oder Partner bei der DII mit von der Partie.

Die Treue zur Desertec-Initiative hat einen einfachen Grund: Krinner ist überzeugt, dass sich der Klimawandel auf unserem Planeten nur durch klimafreundlichen Strom stoppen lässt. Doch den will er jetzt lieber in Deutschland statt in der Wüste produzieren. „Meine Vision ist, dass wir bald ohne Kohle und Atomkraft auskommen“, sagt Krinner. Und dann plaudert der ehemalige Landwirt aus dem Nähkästchen.

Da wäre zum Beispiel sein neuer Carport mit Solardach. Unzählige Parkplätze vor Supermärkten, Freizeitparks oder Fußballstadien will er durch eine Stellplatzüberdachung mit integrierter Photovoltaikanlage aufwerten. „Der Carport schützt Autos vor Sonne und Regen und produziert zugleich umweltfreundlichen Strom“, sagt Krinner und rechnet vor. „Zwei Stellplätze liefern genügend Energie, um den Strombedarf eines Drei-Personen-Haushalts zu decken.“ Auch die Elektroautos könnten umweltfreundlich aufgeladen werden. Nach seinen Berechnungen könnte mit der an einem Stellplatz gewonnenen Energie ein Elektroauto 10.000 Kilometer weit fahren.

Derzeit ist Krinner nach eigenen Angaben das einzige Unternehmen weltweit, das solche Solar-Carports bauen kann. Das Unternehmen profitiert dabei von seinen selbst entwickelten Schraubfundamenten, die ganz ohne Betonsockel auskommen. Die Riesenschrauben lassen sich ins Erdreich drehen und verankern alles – vom Fertighaus bis hin zum größten Solarkraftwerk in Abu Dhabi. Auch dort steht alles auf seinem Schraubfundament. Beim Carport reicht schon eine Schraube für die Überdachung von vier Pkw-Stellplätzen.

Krinner ist ein typisch deutscher Tüftler, der nicht eher Ruhe gibt, bis er ein Problem gelöst hat. Seine erste Erfindung war vor 40 Jahren der erste Christbaumständer mit Drahtseil, den er schon über 20 Millionen Mal verkauft hat. Statt wie früher unter den Baum zu kriechen und die Schrauben anzuziehen, sorgen jetzt Fußratsche und Drahtseil dafür, dass der Baum stabil und gerade im Wohnzimmer steht. Die Erfindung war das erste Produkt der 1990 gegründeten Krinner GmbH. Vier Jahre später folgte die Idee mit den Schraubfundamenten. Seine Frau wollte eine Wäschespinne im Garten aufstellen, die schöne grüne Wiese sollte aber nicht durch einen hässlichen Betonklotz ruiniert werden.

Die Schraubfundamente spielen auch in Krinners in jüngster Idee die Hauptrolle. Das Projekt, das den Namen „Agrarsolar“ bekommen hat, eröffnet Landwirten die Möglichkeit, auf ihren Feldern Nahrungsmittel und Energie gleichzeitig zu „ernten“. Konkret heißt das: Ihre Böden bearbeiten die Bauern wie bisher – über ihren Feldern entsteht in einer Höhe von etwa fünf Metern Reihen aus Solarmodulen in Abständen von wenigen Metern. Die Solarmodule folgen dem Lauf der Sonne. Und wenn es schneit, lassen sie sich senkrecht stellen. Die Abstände zwischen den in den Boden geschraubten Pfosten sind so groß, dass sie Traktoren und andere Landmaschinen nicht behindern. Am Firmensitz im niederbayrischen Strasskirchen entsteht gerade eine Musteranlage. Firmenchef Krinner ist jetzt schon überzeugt, dass seine Solar-Felder bei den Landwirten gut ankommen werden. „Die Stromproduktion eröffnet eine zusätzliche Einkommensquelle“, sagt Firmengründer Krinner. „Und bringt sogar höhere landwirtschaftliche Erträge, weil Agrarsolar die Anbauflächen an heißen Tagen beschattet.“

Auch an Oasen für Insekten hat ein Weltverbesserer wie Krinner gedacht. Die für die Solarmodule erforderlichen Ständer sollen auf einem etwa einen Meter breiten Blühstreifen stehen, auf dem sich die Natur austoben kann. „So ergibt sich automatisch ein Flächenanteil von zehn Prozent, der als hochwertige Insektenweide der Umwelt hilft.“

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